Einzelkind sucht Anschluss

Wo sind all die Gleichaltrigen? Mädchen beim Glaceschmaus. Foto: Donnie Ray Jones (Flickr)

Wo sind all die Gleichaltrigen? Mädchen beim Glaceschmaus. Foto: Donnie Ray Jones (Flickr)

Vor zwei Wochen erhielt unser Brecht im Freibad eine Giesskanne über den Kopf gezogen. Das andere Kind war genervt und beendete damit die kurze, aber heftige Bekanntschaft. Der Brecht zeigte kaum Reaktion. Er weiss zwar, dass er in solchen Situationen «Schafseckel» sagen darf, macht aber selten davon Gebrauch.

Was war passiert? Der Brecht hatte dem Jungen erklärt, dass die Giesskanne doch dem ebenfalls anwesenden Baby gehöre. Er sagte das auf Hochdeutsch, langsam und laut – etwa dreissigmal. Als würde er mit einer sehr schwerhörigen und dazu noch begriffsstutzigen Person sprechen. Irgendwann verlor der Junge komplett die Nerven. Ich konnte ihn gut verstehen.

«Die wollen nicht mit mir spielen»

Ja, das ist unser Brecht: Freund aller Babys, Schreck der Gleichaltrigen. Er kümmert sich fürsorglich um jüngere Kinder, findet aber nicht den richtigen Draht zu Kindern, die ebenfalls zwischen zwei und drei Jahre alt sind. Dabei ist er sehr kontaktfreudig und lieb. Zu lieb. Aufdringlich lieb. Auch im oben geschilderten Fall wollte er doch nur helfen und erklären. Nie würde er ein fremdes Kind hauen. Lieber geht er ganz nahe hin, säuselt «Hallo Kind» und streichelt sein Gesicht. Meist wird er dann umgeschubst oder hart ignoriert.

Ich musste fast weinen, als er kürzlich nach dem Spielplatzbesuch sagte: «Die anderen Kinder wollen nicht mit mir spielen.» Er hat recht und schlimmer noch: Es ist meine Schuld. Viel zu spät realisierte ich, dass der Brecht ja gar keine gleichaltrigen, sondern fast nur erwachsene Bezugspersonen hat. Er geht nicht in die Kita und in der unmittelbaren Nähe wohnten lange keine Kleinkinder. Sporadische Spielplatzbekanntschaften und Besuche bei Freunden mit Kindern können eine Freundin oder einen Freund im Nachbarhaus nicht ersetzen.

Ein ungewolltes Experiment

Früher gab es solche Probleme wohl nicht. Da wuchs man in einer Grossfamilie auf. Die ältere Schwester war ein Jahr älter, der jüngere Bruder ein Jahr jünger. Heute bringt die Kita Kinder aus Kleinfamilien zusammen. Aber halt nicht die Einzelkinder der vornehmen Homeofficer. Die gucken zu, wie Papa über sie bloggt.

Der Einfluss der Erwachsenen zeigt Wirkung – zum Beispiel bei der Sprache. Der Brecht formuliert elaborierte Sätze wie: «Das Plüschtier liegt hier äusserst ungünstig!» Dafür ist die mangelnde Integration in die Welt der Kleinkinder ebenso deutlich, sobald er Gleichaltrigen gegenübersteht: Weder versteht er deren Verhalten, noch weiss er selber, was er jetzt tun soll. Wäre es nicht ungewollt so weit gekommen, man müsste annehmen, Forscher hätten die Situation für eine Verhaltensstudie bewusst herbeigeführt.

Ohne Kita keine Integration?

Ich verstehe jetzt, wenn Eltern sagen: «In der Kita kann Maximilian-Jason drum mit Gleichaltrigen spielen.» Das mag selten der alleinige Grund für einen Kitabesuch sein, aber es ist ein ganz guter.

So ganz tief greifende Sorgen mache ich mir ja nicht: Der Brecht hat eine schöne Kindheit und wird seine Erfahrungen mit Gleichaltrigen schon noch machen. Und doch will ich den Fehler nicht wiederholen. Für das nächste Kind werde ich potenzielle Freunde im ganzen Kanton stalken und in unser Haus locken. Vielleicht darf es sogar in die Kita.

Aber erst mal gilt meine Hoffnung dem Nachbarhaus. Dort ist vor wenigen Tagen eine Familie mit einem eineinhalbjährigen Kind eingezogen. Noch etwas jung, aber wir sind da nicht wählerisch. Hoffentlich verbockt der Brecht nicht den Start in eine wunderbare Kinderfreundschaft. Besser mal alle Giesskannen verstecken.

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