Ist der weibliche Orgasmus bei der Selbstbefriedigung intensiver?

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Männer und Frauen fühlen sich häufig zum Orgasmus verpflichtet. Bild: Raisa Durandi

Stimmt es, dass Frauen einen Orgasmus durch Selbstbefriedigung intensiver erleben als beim Sex? Falls ja, wieso hat die Natur das so eingerichtet?

Es gibt so viele Mythen und Kontroversen in der Sexualität, aber ich wage zu behaupten, dass eines der kontroversesten Themen das Phänomen des weiblichen Orgasmus darstellt. Das betrifft vor allem dessen Zweck, aber auch andere Aspekte wie eben Intensität und bevorzugte Art und Weise. Eine Jahrhunderte währende Unterdrückung der Sexualität hat in unseren kulturellen Kreisen dazu geführt, dass der Orgasmus häufig als höchstes Ziel des sexuellen Aktes betrachtet wird, welches es unter allen Umständen zu erreichen gilt. Männer und Frauen fühlen sich daher häufig zum Orgasmus verpflichtet.

Diese leistungsorientierte Haltung ist dem Erleben eines Orgasmus abträglich und stört die natürliche Neugier und Kreativität des Liebesspiels. Die Enttäuschung, beim Sex mit dem Partner keinen Orgasmus zu erreichen, scheint laut Umfragen bei Frauen jedoch geringer zu sein als bei Männern, was die Vermutung nahelegt, dass Frauen stärker als Männer zwischen Orgasmus und sexueller Befriedigung unterscheiden. Wie Sie richtig erwähnen, bestätigen zahlreiche Umfragen, dass viele Frauen die häufigsten und intensivsten Orgasmen bei der Masturbation erleben. Dennoch geben sie an, mit dem Sexualleben in ihrer Partnerschaft zufrieden zu sein.

Die Frau weiss am besten, wie es ihr gefällt

Es gilt heute als gesichert, dass der Fähigkeit, einen Orgasmus zu kriegen, eine biologische Basis zugrunde liegt. Dabei scheinen biologische Faktoren beim Orgasmus durch Masturbation stärker ins Gewicht zu fallen als beim Geschlechtsverkehr. Das ist sinnvoll, da es weniger «störende» Faktoren gibt, wie zum Beispiel suboptimale Fähigkeiten des Liebhabers. Dies mag auch einer der Gründe sein, wieso der Orgasmus durch Masturbation oft intensiver ausfällt. Denn die Frau weiss idealerweise selbst am besten, was und wie es ihr gefällt und kann die Selbststimulation entsprechend gezielt auf den konkreten Punkt lenken. Denn Frauen unterscheiden sich einerseits in der Häufigkeit, mit der sie Orgasmen haben können, und andererseits in der Intensität der Stimulation, welche nötig ist, um einen Orgasmus auszulösen.

Es ist nicht immer einfach, dem Partner zu vermitteln, wie man es genau mag. Es bedarf offener Kommunikation und Akzeptanz von beiden. Hinzu kommt der Umstand, dass nur ein Bruchteil der Frauen überhaupt einen sogenannten vaginalen Orgasmus erleben können. So zeigen aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen, dass rund 80 Prozent der Frauen ausschliesslich durch direkte Stimulation der Klitoris einen Orgasmus erleben, was während der blossen Penetration nicht gegeben ist. Manchmal aber gibt die Frau dem Mann auch gar nicht die Chance, «es zu lernen» und spielt ihm aus Angst, möglicherweise als unvollkommen gelten zu können, einen Orgasmus vor. Deswegen mein Tipp: Offen kommunizieren, was und wie Sie es mögen und dem Partner so die Chance geben, Ihnen einen mindestens genauso intensiven Orgasmus zu schenken.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet freitags eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.