Wer hat Angst vor dem bösen Mann?

Melissa et Andreas accompagnes de leur fille au pair devant une ecole a Echallens, ce mardi 16 aout 2011. La rentre scolaire aura lieu le lundi 22 aout dans le canton de Vaud. (KEYSTONE/Dominic Favre)

Wer sein Kind auf dem Schulweg begleitet, nimmt ihm auch ein Stück Freiheit. Foto: Dominic Favre (Keystone)

Meine Tochter fürchtet sich seit Monaten vor blauen Autos. Der Kinderdieb, von dem auf dem Pausenplatz erzählt wurde, sei nämlich mit einem solchen unterwegs. Tatsächlich ist letztes Jahr ein Junge aus ihrem Schulhaus von einem Mann in einem blauen Auto angesprochen worden. Wir bekamen diesbezüglich ein Schreiben von der Schulleitung. Dann vergassen wir es wieder, bis es ein paar Strassen weiter zu einem ähnlichen Vorfall kam. Und letzte Woche bot angeblich ein Mann einem Schulkind 1000 Franken, damit es in seinen weissen Transporter stieg. Das ist nun die dritte merkwürdige Begebenheit innerhalb eines Jahres, alles ganz in unserer Nähe.

Als Mutter kann man da leicht in Panik geraten. Sollte man aber nicht. Die meisten Kinder werden nicht von einem fremden Mann in einem weissen Transporter entführt, sondern von ihren eigenen Eltern. Auch die meisten sexuellen Übergriffe passieren im vertrauten Umfeld – die Gefahr geht eher vom Stiefvater, dem Geigenlehrer oder dem netten Nachbarn aus als von einem fremden Unhold im blauen Auto. Das Risiko, dass mein Kind von einem bösen Mann entführt wird, ist verschwindend klein. Und trotzdem.

Würden meine Kinder richtig reagieren?

Für Natascha Kampusch wurde die statistische Unwahrscheinlichkeit traurige Realität. Soweit ich weiss, hat Kampusch nichts falsch gemacht, ausser dass sie entgegen ihrem Bauchgefühl nicht die Strassenseite wechselte. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort. Natürlich bespreche ich mit meinen Kindern regelmässig, wie sie möglichst sicher selbstständig unterwegs sein können: Zusammen mit den Nachbarskindern zur Schule laufen, nicht mit Fremden sprechen, im Zweifelsfall wegrennen. Aber absolute Sicherheit, das gibt es nicht.

Kennen Sie dieses Video, in dem Kinder sorglos mit einem fremden Mann und seinem Hündchen mitgehen? Auch wenn die Szenen gestellt sind: Ich kann nachvollziehen, wie es passieren kann, dass Kinder die Ermahnungen der Eltern vergessen. Vielleicht, wenn der Fremde sie mit einem unwiderstehlichen Geschenk ködert. Star-Wars-Lego oder ein Pony oder was weiss ich. Oder wenn der böse Mann eine nette Frau ist, die das Kind anspricht.

Nicht jeder Fremde ist böse

Vielleicht ist es Zufall, dass solche Vorfälle in unserem Quartier in den letzten Monaten gehäuft vorkamen. Vielleicht sind die Geschichten auch nicht alle wahr. Gut möglich, dass ein Kind etwas erzählt, dass gar nicht oder zumindest nicht genau so passiert ist. Dennoch beschleicht mich eine Angst, der ich auf keinen Fall nachgeben will. Ich möchte nicht, dass meine Kinder das Gefühl bekommen, alle Fremden seien böse. Sie sollen nicht in jedem blauen Auto oder weissen Transporter einen Kinderdieb vermuten.

Deshalb lasse ich sie weiterhin alleine zur Schule gehen. Auch wenn da draussen vielleicht irgendwo ein kranker Mann ist, der ein Kind in sein Auto locken will. Der Schulweg ist ein kleines Stück Freiheit, das ich meinen Kindern gönne. Sie zu begleiten würde bedeuten, dass die Welt da draussen zu gefährlich ist. Dass ich Ihnen nicht zutraue, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Gestern machten sie sich mutig auf den Schulweg, Hand in Hand. Ich blieb am Fenster stehen und schaute ihnen nach, viel länger als sonst.
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