Warum habe ich diese Fantasien?

64 Prozent der Frauen träumen davon, sexuell dominiert zu werden – allerdings nur in der Fantasie. Bild: Raisa Durandi

64 Prozent der Frauen träumen davon, sexuell dominiert zu werden – in ihrer Fantasie. Bild: Raisa Durandi

Ich bezeichne mich als Feministin und sehe mich als starke, unabhängige Frau. Doch ich habe immer wieder erregende Fantasien, in denen ich als Sklavin gefesselt und gequält werde. Das ist schockierend. Wie kommt es aus wissenschaftlicher Sicht dazu, dass ich diese Gedanken habe? Was kann ich dagegen tun?

Viele von uns kennen das. Plötzlich schleicht sich ein Bild, eine sexuelle Fantasie in unsere tagträumerischen Gedanken, oder wir sind einer Situation ausgesetzt, die uns unerwartet sexuell erregt. Nach der Erregung ist das Erwachen dann manchmal mit einem schlechten Gewissen gekoppelt – und den Fragen nach der Normalität dieser Fantasien, was sie zu bedeuten haben und ob es anderen wohl auch so geht.

Fantasien sind gesund

Doch ich kann Sie beruhigen: Bis auf eine kleine Minderheit haben wir alle sexuelle Fantasien, und es ist sogar gesund, diese zu haben. Studien zufolge scheinen Frauen, welche öfters in eine sexuelle Traumwelt abtauchen, auch zufriedener mit ihrem Sexleben zu sein. Was aber noch wichtiger ist: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und das ist gut so.

Doch was sind gängige Szenarien, von denen Frauen träumen, und welche sind eher ungewöhnlich oder selten? Diesen Fragen hat sich kürzlich ein Forscherteam aus Kanada gewidmet. Sex an einem ungewöhnlichen Ort, Sex mit einem Fremden, Sex in der Öffentlichkeit sowie das Mitmachen bei einem Dreier oder bei Sexorgien zählten zu den am häufigsten genannten Fantasien bei den 718 befragten Frauen – dicht gefolgt vom Wunsch, dominiert zu werden (rund 64 Prozent). In diesem Zusammenhang berichten viele Frauen oft auch von Vergewaltigungsfantasien, welche manchmal bereits als Jugendliche präsent sind.

Fantasie und Realität sind zwei verschiedene Dinge

Wie Sie selbst sind viele Frauen heute finanziell unabhängig, ehrgeizig und nehmen sich, was sie wollen und können. Das steht scheinbar im Widerspruch mit diesen Wunschvorstellungen der Unterwerfung, des Kontrollverlusts und der Handlungsunfähigkeit. Aber nur scheinbar. Denn in ihrer Vorstellung hat die Frau nach wie vor die Kontrolle darüber, wer sie wie nimmt. Da lässt sie sich gerne mal von geballter Männlichkeit überwältigen, weil sie selbstbestimmt jederzeit wieder aus dieser Vorstellung aussteigen kann. In der Realität hat eine Frau diese Kontrolle jedoch nicht. Fantasie und Realität sind also zwei Paar Schuhe, und mit einem realen Wunsch hat das nichts zu tun.

Der Studie zufolge gab nämlich rund die Hälfte der Frauen mit Unterwerfungsfantasien an, in Wirklichkeit diese Fantasie nie ausleben zu wollen. Wieso so viele Frauen von Unterwerfung träumen, ist nach wie vor nicht geklärt. Die Psychologin Cindy Meston hat herausgefunden, dass die Schaltkreise von Panik und sexueller Erregung im Gehirn miteinander verbunden sind. Demnach würden Vergewaltigungsszenen Furcht auslösen und so wiederum die Lust steigern, worauf es zu einem sogenannten Erregungstransfer kommen kann. Geben Sie sich also Ihren Fantasien ruhig und ohne schlechtes Gewissen hin. In der Realität sind wir ohnehin schon eingeschränkt genug, und da kann so ein gedanklicher Ausflug sehr erfrischend sein.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet freitags eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.