Schweizer Väter stehen auf verlorenem Posten

Nächster Halt Kinderbetreuung: Passagiere in einem Sonderzug ins Tessin am Vatertag 2014. Foto: Alexander Wagner (Keystone)

Nächster Halt Kinderbetreuung: Passagiere in einem Sonderzug ins Tessin am Vatertag 2014. Foto: Alexander Wagner (Keystone)

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Männer ihre Hälfte der Verantwortung für Kinderbetreuung und unbezahlte Arbeit übernehmen?

Um diese Frage zu beantworten, treffen sich am 17. und 18. Oktober auf Einladung der Regierung Luxemburgs an die 300 Teilnehmer zu einer internationalen Konferenz. Etliche Minister und Ministerinnen haben ihr Kommen angekündigt. Der Schweizer Familien- und Gleichstellungsminister Alain Berset wird fehlen – wie schon bei der Vorgängerkonferenz in Berlin 2012 (auf Einladung der deutschen Familienministerin) und in Wien 2014 (auf Einladung des österreichischen Sozialministers).

Dabei liegt die Diskussion über «Caring Masculinities» zumindest international voll im Trend. Man muss ja auch nicht extrem weit denken, um zur Einsicht zu gelangen: Wenn Frauen verstärkt den Fachkräftemangel decken sollen, muss jemand die Lücke füllen, die sie zu Hause hinterlassen. Damit werden Väter auf Umwegen zur attraktiven Zielgruppe für die Arbeitsmarktpolitik. Immerhin.

20 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche

Wie gross ist die Schräglage bei der Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit tatsächlich? Das Bundesamt für Statistik kann Genaueres sagen: Eine Frau in der Schweiz leistet im statistischen Schnitt 31,2 Stunden unbezahlte Betreuungsarbeit (für Kinder und Angehörige), Männer 20,6 Stunden pro Woche. Das ist deutlich weniger, aber doch respektabel. Die Männer in der Schweiz gehören damit zu den fleissigsten in Europa. An der Spitze stehen die skandinavischen Vorzeigegesellschaften mit rund 40 Prozent Männerbeteiligung am Gesamt der unbezahlten Arbeit – an ihrem Ende Griechenland, Zypern und Malta mit Anteilen zwischen 15 und 20 Prozent.

Die Männer in der Schweiz gehören jedoch nicht nur bei der Betreuungsarbeit zu den fleissigsten. In keinem anderen Land Europas hält sich die Ernährerrolle der Männer – gemessen am zeitlichen Mehraufwand für die Erwerbsarbeit – so hartnäckig wie bei uns.

Das ist also die helvetische Normalität heute: Beide Elternteile arbeiten immer mehr, insgesamt gleich viel, aber mit unterschiedlichem Ertrag. Arbeitsdruck und Probleme einer Vereinbarkeit verschärfen sich für beide: Von den Vätern wird mehr häusliches Engagement eingefordert, von den Müttern berufliche Karriere. Beide versuchen beides – auf der Strecke bleiben Beziehung und/oder Gesundheit.

Vereinbarkeit als leeres Versprechen

Männer erfahren in dieser Dynamik immer öfter am eigenen Leib, was Frauen schon lange beklagen: dass «Vereinbarkeit» ein ziemlich leeres Versprechen bleibt. Beruf, Familie, Liebe und Freunde kriegt man vielleicht unter einen Hut – aber nicht ins Gleichgewicht. Womit wir wieder bei der Luxemburger Frage wären: «Welche Politik kann und muss welche Rahmenbedingungen schaffen, um ein verstärktes Care-Engagement von Männern zu fördern – und damit zur gerechten Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit beizutragen?»

Ganz Europa diskutiert darüber. Ganz Europa? Nein. Ein kleines Alpenvolk verharrt lieber im gleichstellungspolitischen Reduit. Denn in der politischen Realität der Schweiz wäre es bereits ein epochaler Paradigmenwechsel, wenn nur schon die Berechtigung dieser Frage offiziell anerkannt würde.

Die gesuchte Superfrau bleibt ein Phantom

Doch Berset, Schneider-Ammann und Co. weigern sich hartnäckig, irgendwas wie eine väterpolitische Agenda zu entwickeln. Lieber tun sie so, als könne man einfach mehr weibliche Fachkräfte in den Arbeitsmarkt locken, ohne dass dies irgendwelche Auswirkungen auf das Familiensystem als Ganzes hätte. Man braucht kein Wahrsager zu sein, um zu prognostizieren: Mit dieser Einäugigkeit werden sie ein weiteres Gleichstellungsziel grandios verpassen.

Die spannendere Frage scheint: Ist ihnen Wirkungslosigkeit einfach immer noch lieber als eine echte Veränderung der Geschlechterverhältnisse? Oder sehen sie wirklich nicht, dass sie ohne Berücksichtigung der Väter einem Phantom nachjagen: der hoch motivierten Fachkraft mit mütterlicher Verantwortung, rotem Pass, super Ausbildung und grossen Zeitreserven, die nur so darauf brennt, ausser Haus einen Zweitverdienst zu erwirtschaften, von dem – gleichstellungsfeindlicher Progression sei Dank – nach Abzug der Steuern nix mehr übrig bleibt …