So was gehört sicher nicht ins Netz

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So herzig? Ein weinender Bub mit Dreck im Gesicht. Foto: Getty Images

Das Gelächter bewegte sich letzte Woche wie eine Welle durch unser Grossraumbüro. Irgendwo hinten in der Ecke ging es los. Bald fragten ein paar Kollegen weiter vorne, was so lustig sei, und stimmten eine Minute später ins Gekicher ein. Grund für die Erheiterung war ein Mail mit einem Link zu sogenannten Kids Fails. Videos also, in denen man Kinder bei ihren unfreiwillig komischen Missgeschicken beobachten kann.

Solche Filmchen geistern seit Jahren durchs Netz, es gibt mittlerweile vermutlich Tausende Kids Fails Compilations (Lesen Sie dazu das Postung «Fiese Filmli»). Einige davon sind relativ harmlos, Kleinkinder etwa, die etwas falsch und dadurch für Erwachsenenohren lustig aussprechen. Oder ganz schrecklich schluchzen ob Dingen, die eigentlich überhaupt nicht tragisch sind. Andere sind schon grenzwertiger. Wenn das Kind zum Beispiel mit einer Maske über dem Kopf in eine Wand läuft, und man nicht recht weiss, ob es sich nun vielleicht doch wehgetan hat.

Das Kind wird die Eltern zu Recht hassen

Und dann gibts noch die dritte Sorte, bei der man dem Filmenden am liebsten sofort das Smartphone aus der Hand reissen und es ihm über den Kopf hauen möchte, weil er dem Kind gefälligst helfen soll, statt weiter die Kamera darauf zu halten. So gesehen gerade eben bei der Recherche für diesen Blogpost: Da klebt ein wimmernder Junge mit der Zunge an einem vereisten Pfosten fest. Und was tut der Papa? Filmt weiter und sagt, es sei alles okay, er solle einfach nicht die Zunge wegziehen.

Wenn man sein Kind oft filmt oder fotografiert, passiert es fast unweigerlich, dass man irgendwann auch witzige oder peinliche Momente aufnimmt. Gerade bei Kleinkindern, die manchmal völlig unerwartet blöd stolpern und umpurzeln. Ich verstehe es auch, wenn man die Kamera zückt, um eine harmlos-lustige Situation festzuhalten. Selber habe ich auch ein Video von meiner Tochter, auf dem sie als kleines Mädchen beim Abendessen einschläft. Das sah so herzzerreissend süss aus, wie sie sich schlaftrunken noch ein paar Bissen in den Mund schaufelte und krampfhaft gegen die Müdigkeit ankämpfte, dass wir nicht anders konnten, als das Geschehen festzuhalten. Zugegeben, ein bisschen fies kamen wir uns dabei schon vor. Trotzdem schien es uns in Ordnung. Zumal klar war, dass das Filmchen niemals ans Licht der Öffentlichkeit geraten würde.

Denn solche Videos für jeden zugänglich ins Internet zu stellen, ist ein absolutes No-go. Vielleicht mögen ein paar User beim Schauen «Jöö» rufen, die meisten aber werden einfach nur lachen. Das Kind auslachen nämlich – es ist schliesslich nicht ihr eigenes. Und ein paar Jahre später wird auch das Kind selber dies begreifen und die Eltern zu Recht dafür hassen, dass sie es vor aller Welt so lächerlich gemacht haben.

Kids Fails teilen: Ja oder nein?

Raufladen nein, doch wie siehts denn mit dem Schauen und Teilen solcher Filmchen aus? Darf man das? Oder sollte man das aus Rücksicht auf die gezeigten Kinder ebenfalls lassen? Offenbar haben die meisten Menschen da keine Skrupel. Meine Kollegen zum Beispiel darf man getrost als sehr nette, auch rücksichtsvolle und intelligente Menschen bezeichnen. Trotzdem fanden sie die kindlichen Missgeschicke äusserst erheiternd und haben sie munter miteinander geteilt. Dass die Eltern die Filme ins Netz gestellt haben, scheint den Usern das Gefühl zu geben, mit gutem Gewissen darüber lachen zu dürfen. Ich habe trotzdem meine liebe Mühe mit solchen Videos. Weil ich mich jeweils frage, was meine Kinder wohl dazu sagen würden, wenn ich sie so der Welt präsentieren würde. Und ich kann ihnen garantieren: Sie wären «not amused».