Jesper Juuls Erziehungstipps im Praxistest

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen, Autoren und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Woche Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag von Nadia Meier erschien erstmals am 23. Februar 2016.

Mamablog

Wie reagieren, wenn das Kind keinen Respekt zeigt? Erziehungsratgeber wissen immer Rat. Foto: Leonid Mamchenkov/Flickr

Erziehungspäpste wissen, wie man Kinder richtig erzieht. Zumindest theoretisch. Einer von ihnen ist Jesper Juul. Der schreibt ganze Bücher darüber, was ich als Mutter alles tun und lassen sollte. Meine Kollegin Jeanette hat gestern im Mamablog über sein neustes Buch berichtet. Juul gibt auch viele Interviews – etwa letzte Woche im «Tages-Anzeiger» – und Tipps. Zum Beispiel, was man tun soll, wenn das Kind nicht ins Bett will.

Also machen Sie bloss nicht jeden Abend ein Theater mit! Lesen Sie einfach einen Erziehungsratgeber. Und dann bleiben Sie jederzeit ruhig, freundlich, souverän und authentisch. Geben Sie sich Mühe, aber seien Sie trotzdem immer bewusst unperfekt. Tönt doch bubieinfach, oder?

Tatsächlich scheint alles klar, wenn man abends – wenn das Kind endlich schläft – mit einem Glas Wein und einem Erziehungsratgeber auf dem Sofa sitzt. Im Alltag sind die vagen Tipps dann gar nicht so einfach umzusetzen. Wie würde Jesper Juul wohl ganz konkret dabei helfen, ein renitentes Kind ins Bett zu bugsieren? Ich habe das mal durchgespielt.



Wie man ein Kind ins Bett bringt (Drama in einem Akt)

Personen: Mutter, Vater, das Kind Fränzi-Lou, Jesper Juul
Szene: Ein Wohnzimmer in der Schweiz. Es ist 19.45 Uhr. Das Kind spielt mit der Briobahn. Der Vater guckt «Tagesschau». Die Mutter macht die Küche. Jesper Juul sitzt auf einem Tennis-Schiedsrichterstuhl neben dem Sofa.

Mutter: (hängt das Microfasertuch über den Wasserhahn) Sodeli, es ist Zeit fürs Bett.

Juul: (zur Mutter) Das muss viel konkreter sein.

Mutter: (kniet nieder, berührt das Kind sanft am Arm, stellt Augenkontakt her) Fränzi-Lou, das Mami möchte, dass du jetzt ins Bett gehst.

Fränzi-Lou: Nein!

Mutter: (schaut zu Juul, zuckt mit den Schultern)

Juul: Das war eben zu schwach. Sagen Sie deutlich, was Sie wollen.

Mutter: Ich will, dass du jetzt ins Bett gehst, Fränzi-Lou!

Fränzi-Lou: Nein! Nein! Nein! (haut mit der Holzschiene auf Mutters Kopf)

Mutter: Autsch! (steht auf und befühlt ihre Stirn)

Juul: Sie sollen kein Leuchtturm sein. Ich möchte, dass Sie ein Leitwolf sind.

Mutter: (knurrend zu Fränzi-Lou) Jetzt gehst du gopferteli in dein Zimmer und ziehst das Pyjama an!

Juul: Sie müssen noch den richtigen Ton finden.

Mutter: (singt) Do-Re-Mi-Fa?

Juul: (steigt kopfschüttelnd vom Schiedsrichterstuhl runter)

Fränzi-Lou: (haut mit der Holzschiene auf Juuls Knie)

Juul: Ah, shit! Bist du nicht ganz normal?

Fränzi-Lou: (weint)

Mutter: Was fällt Ihnen eigentlich ein?!

Juul: Ich bin eben authentisch. Das ist wichtig.

Mutter: Fränzi-Lou, du gehst jetzt sofort ins Zimmer. Sonst gibt es keine Gutenachtgeschichte.

Juul: Keine Drohungen, bitte.

Mutter: Fränzi-Lou, ich lese nachher allen Kindern eine Geschichte vor, die jetzt brav das Pyjama anziehen.

Fränzi-Lou geht in ihr Zimmer.

Juul: Das Elternmotto für dieses Jahr lautet übrigens «Gut genug ist das neue perfekt!».

Mutter: Aha.

Fränzi-Lou kommt im Pyjama zurück ins Wohnzimmer.

Mutter: Wow, bravo, Fränzi-Lou! Das hast du ganz toll gemacht!

Juul: Nicht loben. Das Kind entwickelt sonst ein unrealistisches Selbstbild.

Mutter: Fränzi-Lou, eigentlich ist es völlig normal, dass du dein Pyjama angezogen hast. Nichts Besonderes.

Fränzi-Lou: Mama, liest du mir jetzt eine Geschichte vor?

Mutter: Also gut. Welche würdest du gerne hören?

Juul: Stopp! Sie müssen die Führung übernehmen. Und ausserdem zwischen Wünschen und Bedürfnissen unterscheiden.

Mutter: Hä?

Juul: Fränzi-Lou, ist es für dich wirklich ein Bedürfnis, diese Geschichte zu hören? Oder handelst du einfach nach dem Lustprinzip?

Fränzi-Lou: Prinz Ipp? Ja, ich will die Geschichte vom Prinz Ipp!

Mutter: Ehm, nein. Ich erzähle dir den Froschkönig.

Fränzi-Lou: (stampft, schreit) Nein! Nein! Neeein! Ich will Prinz Ipp!

Juul: Nicht verhandeln!

Mutter: Froschkönig oder ohne Geschichte ins Bett. Du darfst auswählen.

Juul: (nickt zustimmend)

Fränzi-Lou: (wälzt sich zappelnd am Boden und brüllt) Dummer Froschkönig! DUMME MAMA!

Mutter: (genervt) Hei, bist du ein Trotzkopf!

Juul: Halt, sie dürfen sich kein fixes Bild machen. Diese Definitionsmacht von Erwachsenen missachtet die persönlichen Grenzen des Kindes.

Mutter: (seufzt) Fränzi-Lou, könnte es sein, dass du ein Trotzkopf bist? Also ich möchte hier nicht voreingenommen sein. Wie siehst du das? Wollen wir einen Dialog führen?

Fränzi-Lou: (schaut die Mutter lange an) Ich gehe ins Bett.

Fränzi-Lou geht in ihr Zimmer.

Juul: (klatscht) Das war perfekt!

Mutter: Ach, dabei wollte ich doch gut genug sein.

Juul: Ich höre da heraus, dass Sie ein schlechtes Selbstwertgefühl haben. Das muss an Ihrer Kindheit liegen. Haben Ihre Eltern keine Erziehungsratgeber gelesen?

Licht aus. Vorhang zu.

19 Kommentare zu «Jesper Juuls Erziehungstipps im Praxistest»

  • Lichtblau sagt:

    Wäre es nicht interessanter, wenn für das Ferien-Best-of Beiträge ausgewählt würden, die nicht alle noch in frischester Erinnerung haben? Die dürften ruhig ein paar Jahre alt sein, die Themen haben sich ja nicht gross geändert. Und in der Mamablog-Vergangenheit gab es ja wirklich Spektakuläres zu lesen – da würden sicher viele „Neuzugänge“ staunen.

    • Sportpapi sagt:

      Gerne mal ein Link dazu – an Spektakuläres mag ich mich gerade nicht erinnern. Nur an heftige Diskussionen aufgrund von ziemlich krassen Beiträgen.

      • Muttis Liebling sagt:

        Es gab Beiträge mit um die 1000 Kommentare. Wenn Best- of mit 12-15 dahin dümpelt, ist alles klar.

      • Sportpapi sagt:

        Wollte man wieder Beiträge mit diesen Reaktionen, müsste man nur mal die WS als Gastautorin verpflichten. Denn genau diese „radikal-feministischen“ Beiträge waren damals so „erfolgreich“.

    • Muttis Liebling sagt:

      Der Tenor des MamaBlogs hat sich in den letzten Jahren parallel zu dem aller Medien grundlegend verändert. Es findet eine Verschiebung vom Öffentlichen, vom Politischen, ins Private statt. Privates kann man eigentlich nicht diskutieren, dann wäre es ja nicht mehr privat.

      So sind dann auch die personellen Rückzüge zu erklären und ich denke, die Autorinnen von vor 7 Jahren wollen hier auch nicht mehr stattfinden. Es gibt sie ja noch und man kann sie lesen.

  • Katharina sagt:

    Also. Montessori ist eh besser 😉

    Gegenwerbung.
    Keine Satire.
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    Oder:

    Wenn einer humorlosen Amifrau klar ist dass es Satire a la Giacobbo ist, muss von Leseschwäche andererseits ausgegangen werden.

    Aber dann wieder, wenn das Best of Mamablog ist, dann ist Giacobbo best of srf und damit in beiden Fällen schlechtestes Marketing.

  • Nadine sagt:

    😀 schön mal über eine ernste sache l achen zu können -der abend ist gerettet! Vielen dank für den beitrag!

  • Franz Vontobel sagt:

    Ich fände es wichtig, dass dieser Beitrag so abgefasst wird, dass allen Lesern klar ist, dass das eine Satire ist, und dass in diesem Text keine echten Erziehungstipps von Jesper Juul drin sind.

    Genau! Das wäre sehr wichtig! Weil, so wie er jetzt daherkommt, hat man durchaus das Gefühl, dass dies echte Erziehungstipps von Jesper Juul sind! Und unweigerlich fragt man sich, weshalb Jesper Juul bei Meiers daheim herumhängt..?

  • Regula Schneebeli, Familylab Seminarleiterin Basel sagt:

    Ich fände es wichtig, dass dieser Beitrag so abgefasst wird, dass allen Lesern klar ist, dass das eine Satire ist, und dass in diesem Text keine echten Erziehungstipps von Jesper Juul drin sind. Viele Eltern würden gerne ein paar Tipps aus diesem Beitrag erfahren, was gar nicht das Ziel dieses Blogs zu sein scheint. Was mich auch stört ist, dass der Beitrag den Eindruck erweckt, dass man darin etwas über den Inhalt des Buches von Jesper Juul erfährt, was nicht der Fall ist. Ich möchte allen Eltern, die sich für neue Impulse in der Erziehung interessieren, Bücher von Jesper Juul empfehlen. Auch Kurse von Familylab Schweiz (www.familylab.ch) sind eine Möglichkeit, die Erziehungshaltung von Jesper Juul kennen zu lernen.

    • 13 sagt:

      Danke für diesen Einwand. Wie bereits, als er zum ersten Mal erschienen ist, schüttle ich auch hier den Kopf über diesen Beitrag. Satire ist eine Sache, aber irgendwie wird der Witz dadurch, dass die Autorin Juuls Werke offenbar entweder gar nicht gelesen oder nicht wirklich verstanden hat, abgeschwächt. Schade.

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      nette werbung frau schneebeli. was mich auch stört, ist, dass mit kindern direkt und indirekt haufenweise kohle gemacht wird. merken sie was?

  • schwuppdiwupp sagt:

    was macht man, wenn man überfordert ist (zb mit der menge an erziehungstipps, ernährungsratschlägen etc) oder etwas einfach selbst nicht hinkriegt? man macht sich drüber lustig. zieht immer.

  • vogel sagt:

    Hat Jesper Juul für die Verwendung seines Namens seine Zusage gegeben?

    • Roy Lembo sagt:

      Das nennt sich Satire, das geht in Ordnung! Sofern niemand denkt, dass dies tatsächlich in Juuls Sinne wäre…

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