Väterlichkeit umständehalber abzugeben

Young man sharing media with friend on mobile phone. Close-up version; they are both smiling.

Mehr Zärtlichkeit zwischen Freunden, vor allem in der Öffentlichkeit, gehört sich nicht. Gehts noch? Zwei junge Männer am Handy. Foto: iStock

Fühlen Sie ihn auch, diesen tiefen Verlust von Väterlichkeit? Dieses Wissen darum, dass es heute kaum noch echte Männer gibt, und die, die es sind, dürfen es nicht mehr sein? Dann geht es Ihnen wie Matthias Stiehler, der 2012 darüber ein Buch geschrieben hat, dessen Thesen die Zeitschrift «Eltern» vor kurzem zusammengefasst hat.

Stiehler skizziert darin die Eigenschaften und Erziehungsauffassungen, die Väter eigentlich haben sollten, mittlerweile aber vermissen lassen. Er weist Verhalten ein Geschlecht zu und fordert Männer dazu auf, ihre geschlechtliche Identität zu beweisen. Und ganz nebenbei charakterisiert er Mütter qua Negation als unehrlich, prinzipienlos, lasch und konfliktscheu.

An dieser Stelle würde ich normalerweise argumentieren. Ich würde versuchen, Ihnen genau auseinanderzusetzen, warum solche Eigenschaften eben kein Geschlecht haben und wieso es nicht nur albern, sondern kontraproduktiv ist, Väterlichkeit durch Männlichkeit zu einem Götzenbild zu erheben, vor dem sich alle gefälligst zu verneigen haben. Und ich würde darauf hinweisen, dass Männlichkeit nichts ist, was man als Mann leisten und beweisen muss, sondern die Summe dessen, was Mann eben so tut – egal was es ist.

Sei ein Mann

Aber wissen Sie was: diesmal nicht. Ich hab einfach keine Lust mehr, mir den x-ten Aufguss davon anzuhören, dass ich das «chaotische, anarchische Element» bin, das «auf den Tisch hauen muss», damit seine «Väterlichkeit nicht kastriert wird». Diese Scheisse erzählt man mir jetzt seit elf Jahren und bald vier Kindern. Genau genommen, höre ich das, seitdem ich laufen kann: Zeig keine Gefühle. Lass dir von niemandem etwas sagen. Sei ein Mann.

«The Mask You Live In»: Ein Projekt über Männlichkeit in Amerika. Quelle: Youtube

Es nimmt mir die Luft zum Atmen, es separiert mich von Menschen, die mir wichtig sind. Es sorgt dafür, dass ich Männer, die lange und fest in den Arm genommen werden müssten, kernig an mich drücke und ihnen auf die Schulter klopfe.

Deshalb bin ich auch fertig damit, Aussagen wie diejenigen von Stiehler als legitimen Debattenbeitrag zu würdigen, sie zu erwägen und in Betracht zu ziehen.

Es sind schlicht und ergreifend Lügen. Verschissene, feige Lügen. Mithilfe dieser Lügen muss Mann sich nicht mit den Schmerzen und der Angst der Kinder in Arztpraxen und Notfallaufnahmen auseinandersetzen, weil dafür ja die Mütter zuständig sind. Mann braucht sich auch nicht zu fragen, warum Mann mit Kind plötzlich mehr Überstunden macht als ohne oder weshalb sich Konfliktfähigkeit darin erschöpfen sollte, Ansagen zu machen und auf sein angebliches Recht zu bestehen. Mag sein, dass es Notlügen sind, weil Mann auch nicht aus seiner Haut kann und tut, was er glaubt, dass ein Mann tun muss.

Ohne mich

Trotzdem:

Es ist genug.

Macht diese Art Väterlichkeitskram ohne mich. Ich bin derweil damit beschäftigt, meine Kinder grosszuziehen. Wenn es notwendig ist, bemühe ich mich, streng zu sein. Wenn sie ihre absurden Alltagsgeschichten erzählen, muss ich grinsen. Wenn sie ihre Schulhofwitze aufsagen, versuche ich nicht vor Langeweile mit dem Kopf auf die Tischplatte zu knallen. Wenn sie so lachen, als würde für immer alles gut werden und ein grosser Spass sein, weiss ich vor lauter Glück nicht mehr, was ich denken soll. Wenn sie mich belügen, hintergehen und versuchen, alles, was ich ihnen je von mir erzählt habe, gegen mich zu verwenden, werde ich Gift und Galle spucken. Und wenn sie von Zeit zu Zeit das Schönste sind, was ich je gesehen habe, werde ich darüber in Tränen ausbrechen.

Das macht mich vielleicht nicht zum Gewinner des «Klischeehafte Väterlichkeit 2016»-Preises. Aber es macht mich zum Vater meiner Kinder – und das, solange Atem in mir ist. Womöglich halten Sie mich deshalb für schwach, unmännlich und einen schlechten Vater. Ich hingegen nenne es Liebe.