Das Geheimnis der Erziehung

Auch Eltern lassen sich verzaubern: Emma Watson als Hermine in der «Harry Potter»-Verfilmung. Foto: PD

Auch Eltern lassen sich verzaubern: Emma Watson als Hermine in der «Harry Potter»-Verfilmung. Foto: PD

«Ich rede einfach so lange auf dich ein, bis du völlig genervt aufgibst, und dann bekomme ich sowieso, was ich will.» Der Mensch, der mir diesen Satz eiskalt lächelnd in Gesicht sagt, ist meine fast elfjährige Tochter. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass ich sie erziehe und nicht umgekehrt, aber das ist wohl ein sehr üblicher Denkfehler. Viele Eltern, die ich kenne, gehen davon aus, dass sie ihren Kindern beibringen, wie man sich angemessen verhält.

Tatsächlich verhält es sich genau andersherum, versichert mir meine Tochter und holt sich in aller Seelenruhe eine Schokoreiswaffel, die sie vor meinen Augen genüsslich verspeist. Erst Stunden später realisiere ich, dass ich eigentlich gesagt hatte, es gäbe nichts Süsses, bevor nicht etwas Vernünftiges gegessen worden sei. Aber vor lauter Anstrengung, meine heruntergefallene Kinnlade wieder zu justieren, muss mir das wohl entgangen sein.

«Ähm, machen das alle Kinder so?», erkundige ich mich vorsichtig. «Nö!», sagt sie und lacht. «Kommt auf die Eltern an. Bei Anne läuft das anders. Die spielt scheissnett.» «Wie bitte?!» «Ja, scheissnett eben. Anne baut richtig viel Scheisse, und wenn ihre Eltern mal wieder ausflippen, dann entschuldigt sie sich ganz doll und ist zwei Tage nett. Das reicht für ein paar Wochen.»

Fassungslos starre ich das diabolisch-geniale Mastermind an, das ich bisher für mein Kind gehalten habe. Ich überlege, ob es sich wohl lohnt, sich pädagogisch aufzuplustern: «Kind, so Ausdrücke sagt man nicht, und überhaupt lasse ich mir von dir in gar nichts reinquatschen.» Letztlich siegt dann doch meine Neugier, und meine Tochter erzählt mir – während sie eine zweite Schokoreiswaffel futtert – von den mannigfachen Methoden, mit denen Kinder ihre Eltern erziehen.

Die Quatschköpfe

Quatschköpfe kauen dir ein Ohr ab und faseln dich um den Verstand. Gerade hast du noch geglaubt, du müsstest ihnen Hausarrest erteilen, da haben sie dich schon daran erinnert, dass du als Kind viel schlimmere Dinge angestellt und dir damals geschworen hast, deinen eigenen Kindern nie Hausarrest zu geben. Quatschköpfe wissen so was. Wahrscheinlich weil du es ihnen gesagt hast.

Die Scheissnetten

Die Scheissnetten wissen genau, wie weit sie gehen können, und gehen einfach ein bisschen weiter. Mit unschöner Regelmässigkeit übertreten sie Grenzen und passen genau den Moment ab, an dem ihre Eltern endlich einmal Konsequenzen durchsetzen wollen, um Besserung zu geloben. «Entschuldigung, stimmt, ja, ihr habt recht, ich mach es wirklich nie wieder.» Das alles wird so glaubhaft zerknirscht vorgetragen und wohl wissend um die Tatsache, dass Eltern keine Lust auf stressige Erziehungsmassnahmen haben, dass man immer wieder einlenkt.

Die Hermine Grangers

Kinder, die in diese Kategorie fallen, sind höflich, nett, ehrgeizig, ambitioniert und mögen Regeln. Sie lesen gerne, sind gut in der Schule und ertragen es nur sehr schwer, wenn eine Frage gestellt wird und jemand die Antwort geben soll, der dafür länger als 3 Sekunden braucht. Darüber hinaus beherrschen sie den grössten Trick des Teufels – also so zu tun, als ob es ihn nicht gäbe – und brechen klammheimlich Regeln. Während alle damit beschäftigt sind, sie für brav und bieder zu halten, schlagen sie Draco Malfoy ins Gesicht, benutzen illegal Zeitumkehrer und paktieren gegen Ministeriumsbeamte.

Die Spione

Spione wissen, was ihre Eltern umtreibt, und spielen sie gegeneinander aus. Wenn sie von einem Elternteil ein «Nein!» kassieren, gehen sie zum anderen und hintertreiben ihn: «Papa hat aber gesagt.» «Mama hat es doch erlaubt.» Spione haben ein untrügliches Gespür dafür, wo Eltern das Kriegsbeil (Müll, offene Zahnpastatuben, Kinderbetreuung) begraben haben, und buddeln es zu Ablenkungszwecken wieder aus.

«Gut zu wissen!», sage ich und erwäge, wie ich mein neu gewonnenes Wissen bestmöglich einsetzen kann. «Was du bist, ist ja wohl klar.» – «Logisch», sagt meine Tochter und blickt mich unschuldig an. «Ich bin eine Alleskönnerin. Möchtest du auch eine Schokoreiswaffel?»