«Eltern fühlen sich in falscher Sicherheit»

«Was, bitte sehr, hat Gamen mit Sexdating und Kinderschändern zu tun?» Das schrieb Kommentarschreiber Michael, als wir dieses Interview mit Martin Hermida erstmals im August 2013 publizierten. Michael war damals nicht der einzige, dem sich der Zusammenhang nicht erschloss. Von Panikmacherei war einerseits die Rede – aber auch davon, dass Eltern doch bitte sehr auch auf diesem Gebiet Verantwortung übernehmen sollten. Doch was heisst das konkret bzw. was müssen Eltern wissen und wie können sie ihre Kinder vor Gefahren im Netz schützen? Im Zusammenhang mit dem schockierenden Fall um den 12-jährigen Buben Paul S. veröffentlichen wir abermals dieses Interview mit wertvollen Infos. / Gabriela Braun

Wie schützt man Kinder, die im Internet surfen? Im Bild oben: Ein Mädchen am Computer. Foto: Lorda (Flickr)

Wie schützt man Kinder, die im Internet surfen? Im Bild oben: Ein Mädchen am Computer. Foto: Lorda (Flickr)

Schüler treffen sich mit Unbekannten aus dem Netz häufiger als angenommen, das zeigt eine Untersuchung der Uni Zürich. Der Wissenschaftler Martin Hermida hält dies für «alarmierend». Er fordert, dass Eltern die Kinder besser auf die Gefahren im Internet vorbereiten.

Herr Hermida, sieben Prozent der Kinder haben sich schon einmal mit einem Fremden aus dem Internet getroffen. Das sind etwa zwei Schüler aus einer Klasse. Erschreckt Sie das?

Ja. Das ist alarmierend, denn hier besteht eine direkte Gefahr. Das grösste Problem sind nicht einmal die Treffen, sondern, dass die Kinder ohne Erwachsene hingehen. Die Eltern wissen nichts von diesen Treffen. Wir Erwachsenen müssen den Kindern deshalb unbedingt einbläuen, dass sie sich niemals ohne Begleitung der Eltern mit jemandem aus dem Internet treffen dürfen. In ein fremdes Auto einsteigen dürfen sie ja auch nicht.

Viele Eltern wähnen sich demnach in falscher Sicherheit.

Genau. Die meisten Eltern von Betroffenen wissen nicht, dass sich ihr Kind schon einmal mit jemandem aus dem Internet getroffen hat.

Gehört auch Sexting dazu? Also, dass Jugendliche Nacktbilder von sich per Whatsapp oder SMS verschicken?

Es werden erst seit kurzem Daten dazu erhoben. Was wir wissen, ist, dass Sexting im Alter zunimmt. Ältere Kinder und Jugendliche machen das häufiger.

Sollen Eltern denn ihre Kinder kontrollieren, damit sie im Netz keine persönliche Daten preisgeben oder gewalttätige Games spielen?

Das ist eine Möglichkeit. Doch die Eltern dürfen sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. Wichtiger ist, dass Eltern mit den Kindern darüber sprechen, was diese im Internet machen, welche Spiele sie spielen und mit wem sie Kontakt in Chats oder sozialen Netzwerken haben. Die Kinder sollen sich zudem an die Eltern wenden können, wenn sie eine unangenehme Erfahrung machen. Und zwar ohne Angst haben zu müssen, dass ihnen der Medienkonsum gleich verboten wird.

Sind spezielle Apps und Filter sinnvoll, um sie vor gewissen Sites zu schützen?

Durchaus. Es gibt bei den meisten Handys Jugendschutzeinstellungen, die man aktivieren kann. Zudem gibt es in den App-Stores der grossen Hersteller Browser, die speziell für Kinder gemacht sind und nur den Zugriff auf bestimmte Seiten zulassen. Solche Tools bieten aber keinen totalen Schutz. Wenn der Browser den Zugriff auf kritische Inhalte verbietet, können sie noch immer via SMS, Chat oder E-Mail verschickt werden.

Das Problem des unkontrollierten Surfens in der Schweiz ist ausgeprägter als anderswo. Das zeigt die Auswertung Ihrer Studie. Weshalb ist das so?

Wir haben in der Schweiz sehr viele Jugendliche, die ein Smartphone besitzen – also den Zugang zum Internet in der Hosentasche haben. Zudem haben wir viele Orte, wo man gratis auf das Internet zugreifen kann, etwa in Bahnhöfen, Cafés und öffentlichem Verkehr. Das macht die Kontrolle für Eltern schwieriger, weil das Surfen nicht mehr wie früher am heimischen PC im Wohnzimmer stattfindet.

Gerade während den Ferien verbrachten die Kinder viel mehr Zeit beim Surfen und Gamen. Ab wann wird dies zu einem Problem?

Gamen oder Surfen sind nicht per se schlecht. Wichtig ist aber, dass diese nur einen Teil der Freizeitaktivitäten eines Kindes sind. Sport, der Austausch mit Kollegen, Ruhe und Entspannung dürfen nicht zu kurz kommen. Elektronische Medien sind dann problematisch, wenn sie sich negativ auf den Alltag und das Wohlbefinden des Kindes auswirken. Die Eltern müssen den Kindern Alternativen aufzeigen, wie sie die Freizeit auch sonst noch gestalten können.

Sollen Eltern fixe Zeiten zum Gamen einführen?

Das kann hilfreich sein. Sie können mit ihrem Kind zum Beispiel eine generelle Bildschirmzeit definieren. Das Kind kann sich dann selber einteilen, vor welchem Bildschirm es diese Zeit verbringen will: mit Surfen, Gamen oder Fernsehschauen. Es kann auch sinnvoll sein, fixe Nicht-Bildschirm-Zeiten zu definieren. Zeiten, in denen man bewusst auf elektronische Medien verzichtet – auch aufs Handy.

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 Martin Hermida ist Assistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Im Rahmen eines Nationalfondsprojekts machte er eine Befragung von rund 1000 Schweizer Kindern zwischen 9 und 16 Jahren zu ihrem Umgang mit dem Internet. Auch die Eltern konnten sich äussern. www.eukidsonline.ch

Lesen Sie dazu auch die Postings Achtung, Kinder im Netz! und Spielend durch die Nacht, müde durch den Tag.