ADHS, Mobbing und Elternstress

Schreien, ohne gehört zu werden: Aaron Hitz als Francois. (Toni Suter/T+T Fotografie)

Schreien, aber nur ganz tief in sich hinein und ohne gehört zu werden: Aaron Hitz als François. (Toni Suter/T+T Fotografie)

Der Raum ist dunkel, die Luft trüb. Drei Strassenlaternen stehen vor der Andeutung einer Schule oder eines anderen unpersönlichen Baus, davor ein paar leere Getränkekästen. Dann, plötzlich wie der jähe Einbruch eines Sturms, donnert Damien (Fabian Müller) durch den Baugittertunnel, durch welchen auch die Zuschauer in diese düstere Welt eingedrungen sind. Das Raubtier betritt die Arena.

Fabian Müller als Damian. (Toni Suter/T+T Fotografie)

Fabian Müller als Damien. (Toni Suter/T+T Fotografie)

Ab da geht es Schlag auf Schlag. Damien hat ADHS, sagen die Ärzte. Und Asthma. Er soll sich drum nicht bewegen. Bloss wie soll das gehen? Alles an diesem Jungen pulsiert, zittert, schwitzt, schnaubt, stampft und flimmert vor Körperlichkeit, bis man am liebsten selbst aufstehen würde, um draussen wieder zu Atem zu kommen. «Shut up». Klappe. Hör auf. Sei ruhig. Mit Pillen geht das. Wird selbst Damian tragbar für die Mutter, die Lehrer, den Schulleiter und Frau Dr. Mann, die immer alles versteht. Mit den Pillen hat er bessere Noten — und ist er nicht mehr die Sportskanone, die Rakete, als die er sich sieht, die in ihm steckt.

Schier unerträglicher Strudel aus Energie

Müller spielt die Rolle des Damien nicht, er lebt sie, mit jeder Faser, zieht einen mit sich in seinen schier unerträglichen Strudel aus Energie, mal zu Tode betrübt mal himmelhochjauchzend, doch stets lebendig. Ausser wenn er die Pillen schluckt, was er selten tut.

In einem Schwall fast überphysisch gelebter Rede erfahren wir, was für ein verträumter, reicher Mensch Damien ist. Anstrengend und liebenswert. Doch wir verstehen auch, dass seine Mutter sich sorgt, mit ihm auf Medikamenten besser zu Recht kommt, selbst wenn wir, das Publikum, es kaum mitansehen können, wenn seine Lebendigkeit damit betäubt wird.

Wie die Eltern von Becky und François, den anderen beiden Kids im Stück, ist auch sie seltsam fern, eine Marionettenspielerin im Leben dieser drei Aussenseiter, die einsam gemeinsam und stark ihren Alltag aushalten, ihn manchmal sogar fast besiegen.

Alltag, das bedeutet ein Leben zwischen den Eltern, dem Rektor, regelmässigen Arztbesuchen und der Klasse 1 f, die sich brüstet, die Klasse mit den meisten gestörten Kids zu sein und sich für dieses Verdienst sogar ins «Guinnessbuch der Rekorde» eintragen lassen will.

Die laut Ärzten allenfalls minderbegabte Becky (Anna Blume, die im Lauf des Stücks eindrücklich an Tiefe gewinnt) ist Damiens «BFF für immer», seit er ihr ins Gesicht pinkeln musste. Auf ihren ausdrücklichen Befehl hin, weil sie bei einer nächtlichen Eskapade kopfvoran in ein Brennnesselbeet gefallen war.

Ausgeklügeltes Belohnungssystem

Ihr Vater erfindet Medikamente und, wenn nötig, gleich auch die Krankheiten dazu. Ihre Noten honoriert er mit einem ausgeklügelten System, das von TV-Verbot über Goldfische bis hin zu einem Besuch in Disneyworld rangiert, wobei aus Letzterem eh nie was wird.

Und nun kommt ein Dritter zu diesem Bund hinzu: François, der Neue (ein subtil berührender Aaron Hitz). Wieder einmal in eine andere Schule versetzt. Weil er mit einer Schere einem Mitschüler das Gesicht zerschnitten hat. Sonst ist er sanftmütig und verhalten. Asperger vermutlich, falls man auch ihm eine Etikette aufdrücken müsste. Sein Vater steht ihm nah, ganz besonders seit die Mutter weg ist. Wenn er spät nachts nach einer Doppelschicht endlich heimkommt, schreit sein Sohn vor Freude. Aber nur ganz, ganz tief in sich hinein. Damit keiner es hört.

Die Hilflosigkeit der Erwachsenen

Die drei gelten als Sonderlinge und sind in keine von der Gesellschaft vorgedachte Passform hineinzutherapieren. Selbst in ihrer Klasse aus Essgestörten, Stinkern, Fettleibigen und andern Kindern, mit massiven Problemen, werden sie gemobbt und geplagt. Und doch sind sie uns als Menschen so nah. Die Erwachsenen, im Stück nur erwähnt, jedoch nie gesehen, bemerken und bemängeln zwar alle Verfehlungen, nicht aber die Not der Kinder. Jan Sobrie und Raven Ruëll haben es in ihrem preisgekrönten Stück «Shut up» dennoch geschafft, nebst der Verbundenheit, die sich zwischen den Zuschauern und den Figuren entspinnt, auch ein Verstehen und Mitgefühl durchdrücken zu lassen für die Hilflosigkeit der Erwachsenen Anbetracht ihrer Unfähigkeit, ihre Kinder zu erreichen, sie zu verstehen und ihnen eben nahe zu sein. Zumindest bei den erwachsenen Zuschauern mit Teenagern zu Hause…

Sonderlinge oder Freunde? Aaron Hitz, Fabian Müller und Anna Blumer in «Shut up».

Sonderlinge oder Freunde? Aaron Hitz, Fabian Müller und Anna Blumer in «Shut up». (Toni Suter/T+T Fotografie)

In all dieser Düsternis schwingt übrigens auch viel Humor mit. Und etwas ganz Grosses: Die Kraft wahrer Freundschaft. Dass die Figuren oft laut und teilweise überzeichnet sind, tut der Wucht der Inszenierung keinen Abbruch. Denn die Materie ist nicht nur schauspielerisch grandios umgesetzt — man spürt, dass das Ensemble die Geschichte in sein Blut aufgesogen hat, sie lebt und liebt, nicht zuletzt dank vieler Monate intensiver Auseinandersetzung damit.

Trotz oder vielleicht wegen des künstlichen Settings mit karger Bühne, spärlichen Requisiten und relativ wenig eigentlicher Handlung gelingt es so, die Zuschauer immer tiefer in eine emotionale Trance hineinzuziehen. Sie mitzunehmen an einen Ort, an dem Eltern und Kids sich begegnen könnten und verbinden. Hier daher meine ganz warme Empfehlung, sich das Stück gemeinsam mit den eigenen jugendlichen Kindern anzusehen. Es wird etwas bewegen.

Shut up: deutschsprachige Erstaufführung des niederländischen Stücks von Jan Sobrie und Raven Ruëll. Regie: Enrico Beeler, Dramaturgie: Petra Fischer.

Wo: Im Jungen Schauspielhaus Zürich, Matchbox (Schiffbau). Derzeit sind die Vorstellungen zwar fast ausverkauft, ein Versuch an der Abendkasse lohnt aber auf jeden Fall. Zudem wird das Stück wegen der grossen Nachfrage ab dem 21. Oktober wieder aufgenommen.