Ab wann ist Eifersucht krankhaft?

Eifersucht fungiert als eine Art Alarmanlage. Foto: Raisa Durandi

Eifersucht fungiert als eine Art Alarmanlage. Foto: Raisa Durandi

Mein Partner ist äusserst eifersüchtig. Mich interessiert: Ab wann ist Eifersucht krankhaft? Wann wird es pathologisch? Wie definiert die Wissenschaft die Grenze zwischen normaler und krankhafter Eifersucht?

Es gibt Ausprägungen der Eifersucht, welche aus klinischer Sicht als pathologisch angesehen werden. Dieser sogenannte Eifersuchtswahn wird als Subtyp einer wahnhaften Störung angesehen und ist dann gegeben, wenn der Betroffene fälschlicherweise und unumstösslich von der Untreue des Partners überzeugt ist. Das Krankhafte ist also nicht die Eifersucht per se, sondern vielmehr die Unbeeinflussbarkeit der Wahrnehmung und Fehldeutungen durch Gegenbeweise. Wenn zum Beispiel der Betroffene oder die Betroffene sämtliche Kollegen als Liebhaber ansieht, obwohl es für alle Aussenstehenden offensichtlich ist, dass dies nicht der Fall ist. Diese Art des Eifersuchtswahns ist sehr selten und tritt meist in Kombination mit Schizophrenie oder einer Substanzabhängigkeit auf.

Laut Umfragen geben 80 Prozent der Menschen an, schon einmal eifersüchtig gewesen zu sein. Eine «milde» Form von Eifersucht ist somit weitverbreitet. Dabei scheint es keinen geschlechtsspezifischen Unterschied in Eifersuchtsintensität zu geben, jedoch reagieren Frauen eher auf Hinweise emotionaler Untreue mit Eifersucht, während Männer sich eher durch tatsächliche oder eingebildete sexuelle Untreue bedroht fühlen.

Obwohl die Eifersucht oft negativ konnotiert ist und als destruktiv angesehen wird, würde ich behaupten, dass diese Form der Eifersucht uns nützlich sein kann. Sie signalisiert: Die Beziehung zum Partner ist uns wichtig, und wir wollen sie vor äusseren Bedrohungen schützen. Die Eifersucht fungiert als eine Art Alarmanlage. Gleichzeitig fühlt sich der andere Partner oft geschmeichelt, weil er Eifersucht als Symbol der Liebe und Zuneigung interpretiert.

In meinen Beratungen habe ich erfahren: Handlungen im Rahmen einer nicht pathologischen Eifersucht stellen die Beziehung auf den Prüfstand. Die Tasche, der Computer, das Handy werden ständig nach Beweisen durchsucht, Kontrolltelefonate werden geführt, unberechtigte Vorwürfe der Untreue werden laut. Dies vergiftet das Beziehungsklima. Hier muss eine Aussprache erfolgen, sodass beide Parteien wissen, wo die Toleranzgrenzen liegen, und diese klar abgesteckt werden können. In Gesprächen weise ich stets darauf hin, dass Verheimlichen und Abwehr schlechte Strategien sind, da der eifersüchtige Partner dies meist als Beweis für die Legitimität seines Misstrauens ansehen wird. Der eifersüchtige Partner muss lernen, selbstbewusster und unabhängiger zu werden. Denn eines ist klar: Die Vorstellung, dass der Partner nur eine einzige Person anziehend findet, ist ziemlich unrealistisch.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet freitags eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.