Mein Vater ist viel stärker als deiner

Wenn zwei sich streiten, instrumentalisieren sie ihre Väter. Foto: Firesam! (Flickr)

Wenn zwei sich streiten, freuen sich die Freunde fantasievoller Vergleiche. Foto: Firesam! (Flickr)

Mein neunjähriger Sohn ist ein toller grosser Bruder für meinen Anderthalbjährigen. Kein Wunder also, dass der Kleine für ihn früher einen Ausdruck hatte als für seine Mutter und mich. Zuerst brach sich seine Begeisterung für Hunde Bahn («Wau Wau»), dann für Abschiedswinken («Tschüss») und schliesslich für den grossen Jungen, der so liebevoll mit ihm spielt und sich für ihn immer etwas einfallen lässt («Nana»). Deshalb hab ich auch nichts dagegen, wenn die beiden zusammen um die Häuser ziehen, obwohl ich ja sonst, wie schon verschiedentlich erwähnt, ein ziemlicher Schisser bin, wenn es um meine Kinder geht. Aber die zwei machen das schon.

So wie neulich. Draussen sein, Stöcke sammeln, mit Kreide malen, was weiss ich machen, während ich in der Einfahrt ein Fahrrad repariere. Plötzlich eine laut vernehmliche Kinderstimme: «Iihh, du spielst ja mit einem Baby!» Daraufhin mein Grosser leicht genervt: «Alter, was hast du denn für ein Problem?! Du siehst doch, dass er laufen und sprechen kann, also ist er kein Baby mehr. Ausserdem ist er mein kleiner Bruder. Natürlich spiele ich mit ihm!»

Sein Gegenüber sucht offenbar einen Moment nach den passenden Worten, um darauf etwas zu entgegnen. Und dann sind sie gefunden: «Mein Vater kann Karate und hat eine Kettensäge!»

Wie lange habe ich so einen Satz schon nicht mehr gehört? Mir war gar nicht klar, dass Heranwachsende so etwas heute auch noch sagen. Erst kürzlich hat mich meine Tochter darüber informiert, dass die richtig coolen Leute nur noch in Abkürzungen sprechen. Wobei LOL und HDL nur was für Amateure seien. Wenn das andere Kind also «GNHDSA» («Geh nach Hause, du stinkst, Alter!») gesagt hätte, wäre ich weniger überrascht gewesen. Stattdessen ein Konter aus der «Mein Vater ist viel stärker als deiner»-Abteilung. Die Chuck Norris Facts der Achtziger also. Ein proustscher Moment mit Kettensäge statt Madeleine.

Ich bin gespannt, ob sich die beiden in einen «Na und!?»-Schlagabtausch begeben. Für diejenigen unter Ihnen, denen das nichts sagt: Auf eine «Mein Vater ist viel stärker als deiner»-Ansage folgt klassischerweise eine Erwiderung, die das bereits Gesagte noch toppen soll und gewöhnlich mit «Na und!?» eingeleitet wird. So wie in: «Na und, mein Vater hat den schwarzen Gürtel in Karate und Kung Fu und eine echte Axt im Keller.» Oder: «Na und, mein Vater kann auch noch richtig boxen und hat sogar schon mal mit einem echten Gewehr geschossen.» Und so weiter.

Ich seufze ein bisschen, schraube weiter an dem Fahrrad herum und stelle mir vor, wie all die Väter, die von ihren Söhnen (in meiner Wahrnehmung sind es meistens Söhne) gegenüber anderen als martialische Helden beschrieben werden, sich nach einem langen Arbeitstag in ihren schlabberigen Hausklamotten auf einem grossen leeren Spielplatz treffen:

«Und, was musst du so können?» «Weltmeister im Auf-die-Fresse-Hauen sein, und du?» «Oha, das klingt ja anstrengend. Ich muss den ganzen Ort hier besitzen und dich notfalls aus deinem Haus werfen.» «Mannmannmann, gut zu wissen. Kannst du eigentlich wirklich was Besonderes?» «Mit den Ohren quietschen. Ich hab gehört, der da drüben ist von Arbeit und Kinderbetreuung so übermüdet, dass er immer und überall einschlafen kann. Sogar im Stehen.» «Krass. Ich hab gerade zum ersten Mal meine Steuererklärung gemacht und tatsächlich was zurückbekommen.» «Echt jetzt? Kannst du mir bei meiner helfen?» «Klar. Du, wie geht das mit dem Ohrenquietschen? Das fänden die Kinder sicher lustig.» «Ach, das ist eigentlich ganz einfach. Du musst nur …»

Ein begeistertes Kreischen meines Jüngsten reisst mich aus meinen «Väter aller Länder, vereinigt euch!»-Gedanken. Ich überlege, ob ich mich zu den Kindern gesellen und verkünden soll, dass mein Vater Sozialarbeiter ist und in Achterbahnen niemals kotzen muss, als mein Sohn sich meldet: «Dein Vater ist also Karateholzfäller? Geile Arbeit!»

Mit so viel entwaffnender Begeisterungsfähigkeit hat der andere wohl nicht gerechnet. Ich übrigens auch nicht. Als ich leicht konsterniert in Richtung meiner Kinder schlendere, ist der Karateholzfällerspross bereits verschwunden. «Alles gut bei euch?», erkundige ich mich. «Na klaaaaar! Machst du dir etwa schon wieder Sorgen?» «Ähm, nee. Wollte nur mal gucken.»

Mein Kleiner piekt glücklich mit einem Zweig unter einen Stein. Mein Grosser sieht mich nachdenklich an. «Papa, kannst du eigentlich Karate?» Ich verneine und zeige ihm stattdessen noch mal den Trick mit dem Ohrenquietschen. Er lacht sein strahlendes Lachen. Karateholzfällen ist nichts dagegen.

27 Kommentare zu «Mein Vater ist viel stärker als deiner»

  • Alpöhi sagt:

    Danke N.P. für den schönen Text. „Mein Vater ist viel stärker als deiner“ ist ja eigentlich Ausdruck der Überhöhung des Vaters durch das Kind – was aber durchaus gesunde und schöne Wurzeln hat: Kind fühlt sich geborgen und aufgehoben im Wirkungskreis des Vaters. „Pappi kann alles.“

    Es kommt dann schon noch – früh genug – der Tag, wo das grösser werdende Kind erkennen muss: Pappi ist zwar der Beste, aber alles kann er doch nicht.

  • L.Kyara sagt:

    Hahaha was für einen Entäuschung. Nach einem grandiosen Text hoffe ich auf ein Paar weitere lustige Impressionen aus Kindertagen. Und als endlich eine gefunden war, wurde diese mit Vorwürfen zur Schnecke gemacht.

    Was ist los mit euch Leute? Gibt es nur noch Spiesser da draussen oder haben die kreativen und unterhaltsamen Köpfe, wie der gute Nils Pickert (Chapeau übrigens für den gelungenen Text), angst vor den harten Kritikern?

    Mehr Geschichten, weniger Besserwisser, bitte!

    • 13 sagt:

      Wenn Sie darauf anspielen, dass nicht jeder darüber lachen kann, wenn Kinder geschlagen werden, dann bleibe ich gerne Spiesser.
      Wenn Sie aber selber eine Anekdote zu besten geben wollen, vielleicht sogar eine wirklich lustige, dann nur zu. Oder haben Sie selber etwa Angst vor der Kritik?

      • L.Kyara sagt:

        Na hören Sie. Zum einen ist das Schlagen ganz und gar nicht lustig und zum andern gibt es bei mir aus Gründen keine Anekdoten.

        Ist ja wohl auch ein Unterschied ob Kinder verprügelt werden oder Ihnen mal kräftig das Haar gewaschen wird. Und vor meiner Zeit war es ja wohl gang und gäbe, dass freche Köpfe etwas rotere Ohren hatten. Also mache ich mir wenig Sorgen, wenn ein mehr als ausgewachsener Mann von den Vätern erzählt, welche anstatt sich zu Prügeln bei einem Bier ausgesprochen haben und zu Hause, unterumständen mit etwas harten Bandagen, für Ruhe unter den Ruhestörern gesortg haben. So ganz am Rande: Kinder mit den federweichen, fluffigen Samthandschuhen anzufassen, wie es heute gang und gäbe zu sein scheint, wird kaum eine viel bessere Lösung sein.

  • Reto sagt:

    Wie macht man dass die Ohren Quietschen?

  • Marcel sagt:

    und wie geht jetzt das mit den quietschenden Ohren? Ich kann im Gegenzug zeigen, wie man das Geräusch eines Käuzchens imitieren kann…

  • Dani sagt:

    Mann, ich kann mich noch sooo gut erinnern. Ein Junge und ich, wir konnten uns nicht ausstehen. Streit in der Schule, Pausenplatz und dem Spielplatz (Wir mussten ja auch noch Nachbarn sein). Und dann war es soweit: Nachdem wir uns unzählige Mal verdrescht, gekratzt und bespuckt haben, sind endlich unsere Väter aufeinander getroffen. Der Kampf der TITANEN!!!! Da musste ja Blut fliessen. Satte 3 Stunden war er weg, der Kampf musste doch schwieriger sein als gedacht.
    Ergebnis: Väter haben zusammen in der Beiz ein paar Bier getrunken. Die Kinder kriegten ordentlich eine gescheuert mit dem Hinweis: Geht euch aus dem Weg. WEHE ich höre nochmals Reklamationen, dann setzt es ordentlich was. Problem gelöst. Wir hatten uns nie wieder gezofft.

    • coja sagt:

      Haha, tolle Geschichte, und tolle Väter!

    • 13 sagt:

      Und die Moral von der Geschichte? Schlag Dich nie mit Gleichstarken (= anderen Vätern), sondern immer nur Schwächere (= Kinder)?

      • dres sagt:

        Genau, die Väter gehen saufen (da sehe ich kein Problem), gehen dann aber auf ihre Kids los – wie erbärmlich…

      • Dani sagt:

        Da hatte ja Manuela doch recht Dres ;o)) Sie haben noch vergessen zu schreiben dass beide Väter Alkis waren, sonst ist der Rufmord nicht perfekt. Da müssen sie noch etwas üben.

      • Alpöhi sagt:

        @13
        Wissen Sie, wenn sich früher Kinder daneben benahmen und Klagen kamen, dann kriegten die Kinder von den Eltern eins auf die Hucke und gut war.

        Wenn sich heute die Kinder daneben benehmen und Klagen kommen (z.B. von der Lehrerin), dann kriegen nicht die Kinder aufs Dach, sondern die Lehrerin. Und dann gibt’s ein Gesrpäch mit dem Schulsozialarbeiter. Und mit der Schulpflege über die inkompetenten Lehrer usw. usf.

        Raten Sie mal, welche Zeit / welches Verhalten mir lieber ist.

  • dres sagt:

    Unser Grössere droht zuerst immer mit seiner Mutter. Da sind Kettensäge, Karate, ein Sniper-Gewehr oder chemische Waffen nur Hilfsausdruck. Ich komme erst ins Spiel wenn es wirklich ernst wird.

    • Manuela sagt:

      Stimmt, Haarspray, Handtaschenprellungen und Abdrücke von Stöggelischuhen sind nicht zu verachten. Ganz zu schweigen von der taktischen Kriegsführung, nacher gemein über alle Leute hinter dem Rücken zu lästern und deren Ruf so kaputt zu machen. Die Waffen von uns Frauen sind nicht zu verachten.

  • Hans Hintermeier sagt:

    In unserer Familie hat Kampfsport Tradition.Für mich war mein Vater immer ein Vorbild: er war ein fairer Kampfsportler und trotzdem hatte er einen guten Zugang zu seinen Gefühlen und Humor.Wir verbrachten viel Zeit zusammen beim Sport. Durch meinen Vater/Kampfsport habe ich gelernt, wenn es mal streng wird, auf die Zähne zu beissen aber trotzdem seine Grenzen zu kennen.Auf dem Pausenplatz hat sich niemand getraut mich anzufassen,im Ggt. konnte ich auch andere „beschützen“,wenn sie von bedroht wurden.Mir ist es auch wichtig, dass meine Kinder sich im Notfall selber verteidigen und nicht nur mit den Ohren quietschen können (1. Regel als Kampfsportler: ausserhalb des Ringes einen Kampf zu vermeiden versuchen 2. Fair kämpfen 3. Gegner nur Grenzen aufzeigen, ihn nicht „zerstören“ wollen.)

    • Hans Hintermeier sagt:

      Mein Vater war auch Trainer: wenn er vor einem Kampf gesehen hat, dass jemand aus seinem Team überlegen war, dann hat er gesagt: „Mach keine grosse Show, das ist eher ein Anfänger, sonst verliert er die Freude am Sport. Setzt in unspektakulär auf die Matte. Du kannst dein Können bei einem zeigen, der dir ebenbürdig ist.“

      • Fridolin Stenz sagt:

        @HH: Sie haben den Blog missverstanden: Es geht ganz klar um Fahrradreparaturen und nicht um Kampfsport. Hier hat mir mein Vater auch einen guten Tipp gegeben: „Wenn Du die Kette anfasst werden die Hände schwarz!“ – Wie recht er doch hatte.

      • Hans Hintermeier sagt:

        Für mich geht es auch um „Väterbilder“ der Kinder. Und da kann auch ein Mann, der nicht dem modernen Paradigma des „neuen Mannes“ oder „Spassvaters“ entspricht durchaus auch seine Berechtigung haben. Ich beziehe mich auch vor allem auf den Schlussteil: Es ist wichtig, dass der Vater heute vor allem ein Spassvater ist, er darf als „neuer Mann“ nicht mehr „martialisch“ sein. Die Synthese von „martialisch“ und fürsorglich / beschützend wird nicht erwähnt. P.s. Kampfsport wird immer wieder im Artikel genannt.

      • ADrian Wehrli sagt:

        So Kampfsport-Papi-Modell Putin? Das Gewaltmonopol haben wir im 20. Jahrhundert zurückgelassen, falls verpasst.

      • Hans Hintermeier sagt:

        Ich habe extra noch geschrieben, dass der Kampf nur die ultima Ratio sein darf (nur wenn es nicht mehr anders geht, wenn man angegriffen wird). Als Kampfsportler lernt man sich auch emotional zu beherrschen und kann seinen Körper auch gut einschätzen, man kann sich im Training austoben und hat es nicht nötig, den Bully zu spielen. Selbstverständlich ist es wichtig, dass die Kinder auch Strategien erlernen um Gewalt zu verhindern, respektive Konflikte konstruktiv zu lösen, das schliesst sich ja nicht aus.

    • Fridolin Stenz sagt:

      Also jetzt im Ernst, es geht nicht um Kampfsport, es geht um Holzarbeiten. Das mit dem Fahrrad war ein Ausrutscher meinerseits, mir ist das Kettenöl wohl in den Kopf gestiegen.

    • 13 sagt:

      „Mir ist es auch wichtig, dass meine Kinder sich im Notfall selber verteidigen und nicht nur mit den Ohren quietschen können“

      Wobei sich mir gerade beim oberen Beispiel die Frage stellt, wer denn nun als Sieger aus dem Schlagabtausch hinausgegangen ist. Der Karatesohn oder der Junge, der die grosse Klappe offenbar von seinem Vater geerbt hat?
      Kinder sollen sich wehren können, einverstanden. Das kann, muss aber nicht zwangsläufig, mit Fäusten sein.

    • ADrian Wehrli sagt:

      Das war jetzt ironisch gemeint oder? Kampfsport geht ja noch knapp als Yoga Ersatz, aber sonst …. pffff. Auf dem Pausenplatz kriegen die kleinen verbal auf die Nase, schaut lieber das die kleinen eine KampfkettensägenSchnurre haben, damit Sie bestehen.

      • Habig Regula sagt:

        MamaBlog lesen zieht mir immer mehr die Zähne, merke ich gerade. Nächstes Mal, wenn ich irgendwo zu einer Tirade ansetzen will, kommt mir garantiert die „Kampfkettensägenschnurre“ in den Sinn, der Lachanfall folgt auf dem Fuss, und die ganze schöne geplante Keiferei geht verloren. Danke (ernst gemeint)!

      • 13 sagt:

        Herr Wehrli,
        Ich weiss ja nicht, wo Sie leben, aber hier kommt es auf dem Pausenplatz mal zu einer Schlägerei, an der Tagesordnung sind sie jedoch nicht. Und wenn es passiert, ist das Opfer selten das vorlaute und v.a. rhetorisch starke Kind, sondern eher das scheue, zurückhaltende oder alternativ dasjenige, das sich auch gerne prügelt, aber in dem Fall schwächer ist. Ich finde es nicht schlimm, wenn sich die Kinder mal raufen, das haben wir auch gemacht und das gehört auch dazu. Dass die Kenntnis einer Kampfsportart dafür entscheidend ist, ob man sich in der Schule wehren kann oder verprügelt wird, weise ich hingegen zurück. Ich sehe es gerade an meiner Tochter Tag für Tag, wieviel Wirkung es zeigt, wenn ein Kind hinstehen und verbal kontern kann.

  • Maier Tom sagt:

    vielen Dank für den lustigen Bericht.
    da ich eigentlich der Alleinunterhalter der ganzen Kameradentruppe meines Jungen war hat sich bei uns die Frage nie wirklich gestellt. Für mich eher tragisch ist wie sich manche Väter aus dem Leben der Kinder zurückziehen, auch am Weekend sieht man erschreckend Wenige sich aktiv um ihren Nachwuchs kümmern.
    Dabei hat es ja gerade für „Holzfällerpapis mit Karatekettensägen“ in unserer schönen Landschaft wirklich viele Möglichkeiten sich mit den Jungs auszutoben.

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