Steckt Kinderarbeit in Ihrem Kleiderschrank?

Harte Arbeit zu miserablen Löhnen: Ein Junge arbeitet in einer Kleiderfabrik in Pakistan. Foto: Matiullah Achkza / Keystone

Was tragen Sie gerade jetzt? Und was trägt Ihr Kind heute? Vielleicht etwas Selbstgemachtes oder etwas mit einem Bio-Fairtrade-Label. Vielleicht aber auch ein Shirt von H & M oder einem anderen Hersteller, der billige Kleider anbietet, die trotzdem gut aussehen.

Falls Letzteres zutrifft, sind Sie damit natürlich nicht allein. Im Gegenteil. Dabei wissen wir doch eigentlich alle, dass die Dinge, die wir billig kaufen, mit grosser Wahrscheinlichkeit unter unsauberen Bedingungen hergestellt worden sind. Bei schlechter Bezahlung, nicht umweltverträglich und allenfalls sogar in Kinderarbeit. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten weltweit mindestens 170 Millionen Kinder und Jugendliche unter miserablen Bedingungen, viele davon in jenen Textilfabriken, die auch unsere Kleider herstellen.

Aber warum kaufen wir sie dann trotzdem? Das ist doch ein Widerspruch! Im Vorfeld der weltweiten Fashion Revolution Week vom 18. bis 24. April 2016 hat die internationale Initiative «Fashion Revolution» diese Doppelmoral untersucht und ein spannendes Experiment dazu gemacht. Das diesjährige Motto: «Who made my clothes?». Dazu hat die Organisation fünf Zehn- bis Zwölfjährige mit versteckter Kamera auf Jobsuche bei internationalen Modemarken geschickt. Die Kinder boten an, sehr billig lange Arbeitstage abzuleisten. Wie zu erwarten war, wurden sie überall abgelehnt. Die Begründung: Sie seien zu jung. Fazit: Was wir für unsere Kinder fordern, soll auch für die anderen Kinder dieser Welt gelten.

«Fashion Revolution» hofft, mit dieser Aktion an das Echo der letztjährigen Kampagne anzuknüpfen: Auf dem Berliner Alexanderplatz hatten sie damals einen Automaten für T-Shirts zu zwei Euro pro Stück aufgestellt. Wer eines kaufen wollte, wurde darüber informiert, unter welchen Bedingungen es hergestellt worden war. Neun von zehn Kunden verzichteten daraufhin. Der Film dazu hatte mehr als sieben Millionen Klicks.


Ein T-Shirt für zwei Euro? Die viel beachtete Aktion der «Fashion Revolution» auf dem Berliner Alexanderplatz 2105. Quelle: «Fashion Revolution / Youtube

Ob diese oder die neue Aktion wirklich substanziell etwas bewirken, weiss ich nicht. Denn es steckt noch immer fest in unseren Köpfen: Wir können uns alles kaufen. Und wenn wir uns mal etwas nicht leisten können, gibt es eben eine billige Kopie davon. Die Option, darauf zu verzichten, haben wir nicht auf dem Radar. Noch nicht. Umdenken braucht bekanntlich viel Zeit, aber es ist machbar. Allerdings wird es einfach so nicht gefördert. Schliesslich sind die Länder, aus denen unsere Billigkopien von Luxusgütern kommen, nicht interessiert daran, dass wir nicht mehr konsumieren.

Also ist es an uns Konsumenten, uns zu bewegen und unsere Mentalität zu ändern. Und sei es nur, dass wir anfangen, bei jedem Einkauf wenigstens zweimal nachzudenken, ob und warum wir etwas kaufen oder bleiben lassen wollen. Auch unseren Kindern zuliebe.

Denn sie fahren mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht gut damit, wenn sie glauben, alles sei möglich und immer erhältlich. Und das meine ich keinesfalls nur moralisch oder gesellschaftlich. Überfluss wird für sie mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht mehr allzu lange alltäglich sein. Die Welt verändert sich, und keiner weiss, wohin der Weg führt. Wir tun ihnen einen Gefallen, wenn wir ihnen die Fähigkeit zum Verzicht beibringen. Dabei lernen wir sie vielleicht gleich auch selbst wieder.

Zur Fashion Revolution Week
Vom 18. bis 24. April 2016 beteiligen sich Menschen aus 70 Ländern mit Events, Flashmobs, Workshops und einer Selfie-Kampagne. Machen Sie mit, und posten Sie Fotos in sozialen Netzwerken mit den Schlagwörtern #FashRev und #whomademyclothes.