Trügerisches spätes Mutterglück

Reifes Elternglück: Philipp Hildebrand und Margarita Louis-Dreyfus freuen sich über Zwillings-Mädchen.(Keystone/Francois Mori)

Reifes Elternglück: Philipp Hildebrand und Margarita Louis-Dreyfus freuen sich über Zwillingsmädchen. (Keystone/Francois Mori)

Jetzt hat auch die Schweiz mit Margarita Louis-Dreyfus (53), der Partnerin von Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand (52), ihre erste prominente «alte» Mutter. Vor knapp zwei Wochen verkündete das Paar die Geburt seiner Zwillingsmädchen, wie in der «Schweizer Illustrierten» zu sehen. Es geht hier weder darum, späte Mutterschaft zu verurteilen – wie das in Diskussionsforen schonungslos getan wird – noch sie zu verteidigen.

Das späte Kinderglück der Hildebrands wirft ein Schlaglicht auf den Zustand unserer Gesellschaft. Denn schon bedeutend jüngere Frauen bekommen Unverständnis und Empörung zu spüren, wenn sie offen zu ihrem noch unerfüllten Kinderwunsch stehen. Während hierzulande jedes Jahr 15’000 Männer zwischen 40 und 50 frischfröhlich Vater werden, muss sich eine Frau den Vorwurf von Egoismus und Verantwortungslosigkeit gefallen lassen, wenn sie um die 40 ihren Wunsch nach einem Kind noch erfüllen möchte. Besonders dann, wenn sie unkonventionellere Wege beschreiten möchte: Hormontherapie, In-vitro-Fertilisation, Social Freezing, Samenspende, Co-Parenting.

«Selber schuld, warum hat sie so lange gewartet!», heisst es schnell. Es ist leicht, diese «Verzweifelten» und ihre «krankhafte Torschlusspanik» zu belächeln. Dabei ist der späte Kinderwunsch weniger ein individuelles als ein gesellschaftliches Phänomen. Unsere Wohlstandsgesellschaft macht Familienplanung kompliziert, da uns viel mehr Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stehen als damals unseren Eltern. Wer will denn heute noch den ersten Schulschatz heiraten und es dem Zufall überlassen, ob und wann es Nachwuchs gibt?

Wir wollen die ganz grosse Liebe und nehmen dafür Beziehungsumwege in Kauf. Zuverlässige Verhütungsmethoden machen es möglich, das Familienleben hinauszuzögern, und man kann auch ohne gesellschaftliche Nachteile darauf verzichten. Die Alternativen zum Nestchenbauen sind zahlreicher denn je, der Freiheitsdrang ist gross. Das macht die Partnersuche für Frauen, die im kritischen Alter noch single sind, schwierig.

Ausserdem haben Frauen in den letzten 20 Jahren in Sachen Ausbildung massiv aufgeholt. Logisch, wollen sie, und auch die Wirtschaft, dieses Potenzial nutzen. 80 Prozent aller Frauen sind heute erwerbstätig. Die Kindererziehung lastet aber nach wie vor weitgehend auf ihren Schultern. Wenn man Job und Kinder aneinander vorbeibringen muss, verengt sich das Zeitfenster der Frauen noch mehr.

Als Folge davon ist das Durchschnittsalter, in dem Frauen zum ersten Mal Mutter werden, angestiegen. 1970 lag es bei 25 Jahren, heute bei über 30. Dazu hat auch die boomende Fortpflanzungsmedizin beigetragen. Bei zwei von 100 Kindern, die heute auf die Welt kommen, wurde im Labor nachgeholfen. Aber leider funktioniert das längst nicht für alle. Die Erfolgschancen bei einem Behandlungszyklus liegen bei 30 Prozent. Wenn das Mutterglück bei US-Schauspielerinnen oder nun eben bei einer Schweizer Rohstoffunternehmerin noch jenseits der 50 eintrifft, macht das vielen Frauen falsche Hoffnungen. Es handelt sich bei solchen Schwangerschaften nämlich um Einzelfälle im Promillebereich, die nicht selten dank einer kostspieligen und in der Schweiz verbotenen Eizellenspende zustande kamen. Aber das wird verschwiegen.

Das Problem wird sich noch verschärfen, wenn die gesellschaftlichen Trends anhalten, die es begünstigen, das Kinderkriegen auf die lange Bank zu schieben. Denn allen medizinischen Fortschritten zum Trotz wird sich nichts an der Tatsache ändern, dass die Schwangerschaftschancen der Frau ab 35 deutlich abnehmen. Und auch der Kinderwunsch als treibende Urkraft wird sich nicht wegdiskutieren lassen – hoffentlich.