«Ich mag mein Kind nicht»

Ein Gastbeitrag von Martina Marti

GettyImages-95469225

Können Eltern ihre Kinder alle gleichwertig lieben? Foto: Getty Images

«Die Wahrheit ist, wäre Julia nicht mein eigen Fleisch und Blut, würde ich einen grossen Bogen um sie machen.» Die Frau im Businesskostüm rührt gelassen in ihrem Kaffee und spricht nicht etwa von ihrer Schwester – sondern von ihrer eigenen Tochter. Während ich die harten Worte noch verarbeite, schalten die Hirnzellen einer anderen Mutter schneller; sie ballt intuitiv ihre Fäuste. Für einen kurzen Moment glaube ich wirklich, sie geht ihrem Gegenüber an die Gurgel. «Ich mag sie einfach nicht», führt Mutter A gerade in stoischer Ruhe aus. Keine Spur von Wut oder Hysterie, was hätte vermuten lassen, dass ihre Aussage einer kurzfristigen Laune entsprungen ist. Vermutlich ist es genau das, was Mutter B so provoziert. Die Knöchel an ihren Händen treten weiss hervor… Himmel, wo sind wir hier gelandet?

Im Grunde sind wir vier Frauen an diesem frühen Nachmittag aus rein geschäftlichen Gründen zusammengekommen. Alles Mütter, wie sich nach wenigen Minuten herausstellt: Die Letzte in der Runde stösst ziemlich abgehetzt – und mit Gemüse bekleckert – dazu. Ihr Zweitgeborener hat seinen ersten Brei bekommen. Das Auflockerungsthema war folglich gegeben und irgendwie sind wir dann ratzfatz über die Geschwisterliebe und das Aufteilen der Mamazeit auf zwei Kinder hier gelandet. Bei einem riesengrossen Tabuthema: «Lieblingskind» – und in logischer Konsequenz auch existierendem «Nicht-Lieblingskind». (Lesen Sie dazu auch das Posting «Haben alle Eltern ein Lieblingskind?»)


Tabu-Thema Lieblingskind. Quelle: Sat1/Youtube

«Meine Erstgeborene ist mir vom Charakter her ähnlicher und automatisch viel näher.» Mutter A (Businesskostüm) führt immer noch aus. «Aber Anna verstehe ich spätestens seit dem Kleinkindalter nicht mehr. In fast allem was sie tut und wie sie es tut, ist sie mir komplett fremd. Wäre sie der Spross von Freunden würde ich sagen: Mit diesem Kind werde ich niemals warm.»

Langsam kommt wieder Bewegung in die Gruppe. Mutter C fragt: «Und wie gehst du im Alltag mit ihr um? Gerade im Vergleich zur Schwester?» Es blitzt eine messerscharfe Stirnfalte auf, als sie antwortet: «Es kostet mich unglaublich viel Energie, gerade wenn beide Zuhause sind. Zu einem Kind zieht es mich magnetisch hin, das andere stösst mich ab. Ich muss ständig dagegen ankämpfen.» Sie wolle Anna wirklich nicht benachteiligen oder genervter mit ihr umgehen – und genau das koste sie so viel Kraft. «Und dennoch bin ich todsicher, sie spürt meine Gleichgültigkeit in jeder einzelnen Sekunde», gibt die Mittevierzigjährige zu. «Also ein Dilemma für alle Beteiligten.»

Mutter B (weisse Knöchel) stösst zum «Wohle des Kindes» kurz Ideen von Internaten oder Ähnlichem an, aber Mutter A wehrt vehement ab und grinst fast ein wenig unverschämt: «Anna wird sowieso einmal Therapie benötigen, um ihr Mutterthema aufzuarbeiten, da braucht es das Thema Abschieben nicht noch obendrauf.» Es lacht niemand. Gottlob gibt es Zuhause noch einen Vater, der sie abgöttisch liebt und bestimmt einiges ausgleichen kann.

Irgendwie schaffen wir es trotzdem, das Thema noch aufs Geschäftliche zu lenken. Zuhause lässt mich das Thema aber nicht mehr los. Vertraut ist mir die Betrachtungsweise der Systemischen Familientherapie auf so genannte «schwarze Schafe» oder «Lieblingskinder». Es können Erwartungen von Seiten der Eltern – oder mehreren Generationen – im Vordergrund stehen, die der Nachwuchs zu erfüllen hat (und meistens einer am besten tut). Oder es handelt sich um Verstrickungen zu ehemals Ausgestossenen im Familiensystem. Nicht selten sollen Sprösslinge auch die «alten» unerfüllten Emotionen ihrer Eltern befriedigen: «Mein Lieblingsjunge nimmt mich wenigstens auch mal in den Arm, die anderen interessieren sich ja überhaupt nicht mehr für mich.» Doch nach dem Warum und möglichen Veränderungsmöglichkeiten schien Mutter A nicht suchen zu wollen.

Das Internet spuckt hohe Zahlen aus: 40 Prozent der Mütter haben ein Lieblingskind (und entsprechend ein Nicht-Lieblingskind), wie Martina Stotz, Expertin für Geschwisterforschung bestätigt. «Ein Kind spürt immer, wenn Eltern ihre Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit ungleich verteilen. Und das hat fatale Folgen», so der Pädagoge Prof. Hartmut Kasten aus München in einem Interview mit der «Bild». Autor Jeffrey Kruger spitzt es sogar noch zu: «99 Prozent der Eltern haben ein Lieblingskind und die anderen 1 Prozent lügen, dass sich die Balken biegen.»

Na ja! Klar, braucht mich mal das eine Kind mehr und dann wieder das andere. An gewissen Tagen könnte ich meine Tochter auf den Mond schiessen, an anderen meinen Sohn (und dazwischen wohl die beiden mich). Es gibt Tage, da freue ich mich sehr auf künftige Paar-Ferien und andere, da gibt es kein grösseres Glück, als mit meinen Kids zusammen zu sein. Alles abhängig von Emotionen, die ständig im Wandel sind. Aber was ist und bleibt, ist die konstante, gleichwertige und unveränderbare Liebe in meinem Herzen für beide Kinder. Und da kann mich Lügner nennen, wer will…


Man kann es auch witzig sehen… Quelle: Weibsbilder/Youtube

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.