Ihr sprecht nicht für mich!

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Ein Brett vor dem Kopf: Karnevalteilnehmer in Düsseldorf. Foto: Rolf Vennenbernd (Keystone)

Im Sommer ist es so weit: Mit dann mittlerweile vier Kindern werde ich mich für das Familienverdienstkreuz qualifiziert haben. Für den völkischen Männerschlüpfer, das schwarz-rot-goldene Ansteckspermium oder was die Partei Alternative für Deutschland (AfD) sonst für Preise an fertile Menschen vergibt, die aus ihrer Sicht ihrer Fortpflanzungsbürgerpflicht nachkommen. Als tüchtige Frau hat man ja heutzutage gegen die Islamisierung des Abendlandes anzugebären. Und für Männer gilt dazu analog eben «Pimpern für das Vaterland».

Die AfD, das ist der politische Arm der Pegida-Bewegung. Angetreten als eurokritische Alternative zum starren Festhalten am Euro hat sich diese Partei mittlerweile von ihren bürgerlichen Mitgliedern getrennt, um radikaler sein zu können – und fährt damit in Wahlumfragen ein zweistelliges Ergebnis ein. Gegen Gleichberechtigung, Geflüchtete und Europa. Für völkisch-rechtskonservatives Privilegiengeglucke. Weisse, biodeutsche Grossfamilien passen da gut ins Bild. Vielleicht lädt man mich deshalb sogar dazu ein, auf einer «Demo für alle» ein paar Sätze zu sprechen. Da könnte ich dann ein bisschen vom Leder ziehen, gegen «Genderismus» wettern, mich über Männer lustig machen, deren Verhalten unverschämterweise nicht meinen stereotypen Erwartungen entspricht, und die Idee für einfach lächerlich halten, dass Frauen in der Lage wären, einen LKW zu fahren.

Kurz: Ich könnte einfach alles und jede/n mit meiner Gesinnungsscheisse beschmeissen, der oder die mir nicht in meinen weltanschaulichen Kram passt. Aber das wird natürlich nichts. Mit meinem «Gender-Sprech» habe ich mich ja schon als Gutmensch verraten. Als einer, der sexualisierte Gewalt gegen Frauen als gesellschaftliches Problem angehen und durchgehend strafbewährt sehen möchte und nicht dazu instrumentalisieren will, rassistische Stimmung gegen geflüchtete Menschen zu machen. Als jemand, der es bizarr findet, wie sehr man Flüchtlinge als den nordafrikanischen, jungen, bildungsfernen, gewaltbereiten Mann stereotypisiert und problematisiert und dann überhaupt nichts dabei findet, diesem Klischee noch nicht einmal durch Familiennachzug entgegenzuwirken. Im Sinne von: Wenn die wirklich alle so wären, dann müssten wir uns doch ein Familienzusammenführungsprogramm nach dem anderen auflegen, weil die Chance auf eine gelingende Integration dadurch viel wahrscheinlicher wird.

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Nazi-Familienpolitik: Ab vier Kindern gabs für die Mütter ein Verdienstkreuz. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia

Und was ich als Vater davon halte, dass man das grauenhafte Verbrechen einer Kindesvergewaltigung dafür benutzt, um mich zu manipulieren, und mein Mitgefühl für vermeintliche Opfer und Angehörige in Ablehnung von anderen pervertiert, geht weit über das hinaus, was ich mit nicht justiziablen Begriffen zu beschreiben in der Lage bin.

Was mache ich denn jetzt?! Mit vier Kindern habe ich mich augenscheinlich in den Dunstkreis der AfD fortgepflanzt, könnte aber politisch kaum weiter von diesen Menschen und ihren Ideen entfernt sein. Da helfen wohl nur klare Ansagen. Deshalb an dieser Stelle und in aller Deutlichkeit: Ihr sprecht nicht für mich! In meinem Namen werdet ihr nicht über «umgekehrten Rassismus» und «Deutschenfeindlichkeit» schwafeln, wenn ihr um Unterstützung für euren K(r)ampf um Privilegien werbt.

Nur weil ich zufällig in einer heterosexuellen Langzeitbeziehung mit mehreren Kindern lebe, werde ich euch nicht gestatten, mit Verweis auf mich andere Lebens- und Familienmodelle zu entwerten und zu delegitimieren. Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit und ohne Kind, Wahlverwandtschaften, Patchwork-Clans, Co-Elternschaft – ich begrüsse alle Formen menschlichen Zusammenlebens, in denen Individuen füreinander Verantwortung übernehmen. Das Gegenteil von einer vielfältigen Gesellschaft ist und bleibt nämlich eine einfältige.

Ihr könnt also davon ausgehen, dass wir uns bei der einen oder anderen Gelegenheit sehen. Eine von diesen Veranstaltungen, auf denen ihr immer wieder zeigt, dass ihr nicht verstanden habt, «dass wir für die Freiheit planen müssen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann».

Ich bin dann der Typ mit den vier Kindern, der bei den Anderen™ steht und die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde verteidigt. Und die Feinde, das seid ihr.