Bye-bye Baby

In this Nov. 5, 2015 photo, a couple from Britain hold their baby, born on Oct. 17 by a surrogate, in Anand, India. The couple came to Akanksha Clinic, one of the most organized clinics in the surrogacy business in India, after being unable to bear a child for 15 years. The low-cost technology, skilled doctors, scant bureaucratic controls and a plentiful supply of surrogates have made India a preferred destination for fertility tourism, attracting couples from Britain, the United States, Australia, South Africa and Japan. (AP Photo/Allison Joyce)

Endlich eine Familie: Ein mehrere Tage altes Baby ist für viele der Inbegriff des Glücks. Foto: Allison Joyce (AP Photo/Keystone)

Das Jahr geht zur Neige, auch wenn das eine reine Definitionsfrage ist. Schliesslich geht jeden Tag ein Jahr zu Ende. Wie auch immer. Die einen sind derzeit froh, rituell eine anstrengende Zeit beschliessen zu können, und hoffen auf eine bessere nächste Runde, anderen wiederum führt das Jahresende schmerzlich vor Augen, dass sie wieder nicht erreicht haben, was sie wollten: ein Kind.

Denn einerseits leben wir in einer Zeit, in der die Kinderlosigkeit gesellschaftlich durchaus ihren Platz hat, ökonomisch sinnvoll ist und für einige sogar Lifestyle bedeutet. Andererseits ist das Kinderkriegen längst auch zur Prestigefrage geworden: Das muss man auch noch hinkriegen. Wenn das nicht klappt, erschüttert das viele bis ins Innerste.

Längst frage ich keine Paare mehr geradeheraus: «Na, und ihr, wollt ihr auch mal Kinder haben?» Denn vielleicht können sie ja keine bekommen, oder sie wollen nicht, oder der Zeitpunkt stimmt nicht oder sie streiten seit Jahren drüber, ob sie sollen. Was immer dahinter steht, oft ist es so persönlich und delikat, dass man es nicht einfach so mit unbedachtem Small Talk aufwirbeln sollte.

Eine ganz entscheidende Rolle bei der Kinderfrage spielt natürlich die biologische Uhr der Frau. Die Tatsache, dass eine Ausbildung und eine Karriere ihre Zeit beanspruchen, die dann anderswo fehlt.

Die Journalistin Annette Wirthlin hat sich in ihrem Buch «Bye-bye, Baby?» Mit der Sehnsucht nach dem Kind und den Hindernissen auf dem Weg dahin befasst. Denn Kinder zu bekommen oder es nicht zu tun, ist die grundsätzlichste Entscheidung, die wir treffen oder die uns auferlegt wird.

Das illustriert sie anhand von acht sehr feinfühligen und offenen Porträts von sehr unterschiedlichen Frauen und versieht so das Bild der tickenden biologischen Uhr mit Gesichtern. Sie erzählt, wie der Kinderwunsch für viele Frauen zu einer wahren Obsession wird oder – wenn unwiederbringlich unerfüllt – zu einem traurigen Begleiter, der alles überschattet. Drei Beispiele:

  • Alena erzählt vom Kontrollwahn, den sie entwickelte, als es einfach nicht einschlagen wollte, und davon, wie ihr Partner es irgendwann nicht mehr aushielt. In der Verzweiflung liess sie sich sogar auf ungeschützten Sex mit einem Fremden ein und erschrak so über sich selbst, dass es sie wachrüttelte. Heute lebt sie in einer Beziehung mit einem Mann, der ein Kind in die Beziehung gebracht hat. Sie geniesst es sehr, wenigstens ab und zu Mama zu sein. Damit, dass sie rechtlich nicht den leisesten Anspruch auf diese Liebe hat, muss sie klarkommen.
  • Karen, die erklärte Businessfrau, wollte nie Kinder. Und je höher sie die Karriereleiter erklomm, desto schwieriger wurde es ohnehin, dazu einen Mann zu finden. Der Kinderwunsch kam dann doch noch und so bekam sie mit 43 ein Kind von einem Mann, den sie über eine Agentur kennen gelernt hatte. Verliebt in ihn ist sie nicht, doch die Zweckbeziehung mit Kind erfüllt sie.
  • Marion erlebte, wie gleich zwei ihrer Ex-Freunde während der Beziehung zu ihr andere Frauen schwängerten. Derzeit ist sie wieder in einer Beziehung und sie hofft gemeinsam mit ihrem Partner, mit künstlicher Befruchtung schwanger zu werden. Für das Gelingen hat sie sich eine Deadline gesetzt, nach der sie es nicht weiter versuchen will. Was sie im Fall einer definitiven Kinderlosigkeit tun würde, weiss sie noch nicht. Beruflich wäre sie zwar ausgefüllt. Aber der Gedanke, eines Tages allein im Altersheim zu sein, macht ihr Angst.

Die acht Biografien stellt Wirthlin in Kontext zu sieben Interviews mit Fachpersonen. Zum Beispiel erläutert der Soziologieprofessor Francois Höpflinger, wie sich Kinder von einer wirtschaftlichen Notwendigkeit (Hilfe auf dem Hof, Altersvorsorge) zu einer wirtschaftlichen Belastung gewandelt haben –, dafür jedoch die verlässlichsten Beziehungen bieten, die es heute noch zu haben gibt. Er behauptet allerdings auch, die gesellschaftliche Stellung einer Frau werde heute nicht mehr über die Mutterschaft definiert, was ich persönlich nicht so erlebe.

Nebst den Gesprächen mit den Frauen haben mich vor allem einige Feststellungen der deutschen Ethikerin Susanne Brauer nachhaltig berührt: Kinderlosigkeit werde heute nicht mehr als gottgewollt angesehen, sondern als medizinisches Problem, als Versagen. Und: Kinderkriegen habe nichts mit Egoismus zu tun. Spätestens, wenn man nachts des Schlafes beraubt werde, treibe das den Egoismus nämlich ganz schnell aus.

Generell rät sie zur Vorsicht dabei, anderer Leute Motive fürs Kinderkriegen in akzeptabel oder nicht akzeptabel einzuteilen. Nur schon dieser Satz allein lohnt, das Buch zu lesen. Aus welchen Motiven auch immer…