Der verlorene Teddy – eine Weihnachtsgeschichte

«Etti» ist nicht nur das allerliebste Plüschtier, sondern auch so klein, dass man ihn schnell verliert.

«Etti» ist nicht nur das allerliebste Plüschtier, sondern auch so klein, dass man ihn schnell verliert. Fotos: Markus Tschannen

Er blieb verschwunden, auch nachdem wir die Jacke zum zehnten Mal durchsucht hatten. Teddy war aus der Jackentasche gefallen. Vermutlich beim Schulhaus. Oder auf dem Waldweg oder auf der Strasse vor dem Haus. Natürlich schwang ich mich sofort aufs Velo und fuhr die Strecke ab …

Zumindest fast. Erst musste ich die Reifen pumpen, und den Staub vom Sattel blasen. Wertvolle Sekunden verstrichen. Als ich dann losfuhr, kam mir ein Strassenputzfahrzeug entgegen. «Oh nein, es hat Teddy gegessen», dachte ich. Aber noch bestand Hoffnung, die sich erst allmählich verflüchtigte: Der Waldweg war übersät von Blättern in Grösse und Farbe des gesuchten Plüschtiers. Unmöglich, hier einen Teddy zu finden. Auch beim Schulhaus lag er nicht. Dafür spielten dort viele Kinder. Alle im besten Alter, um eine gute Teddymutter oder ein guter Teddyvater zu sein.

Der winzige Teddy war das erste Plüschtier, zu dem unser Brecht eine persönliche Beziehung aufgebaut hatte. «Etti» (Teddy) hatte zwar ein «ita» (T-Shirt), war aber oft «atail» (nackig) und schlief in seinem eigenen «Ett» (Bett). Er war allerdings trotz aller Liebe kein klassisches Übergangsobjekt, das unser Kind ständig mit sich führte. Also sagten wir dem Brecht, sein Teddy sei nicht mehr da, und betrachteten die Sache als erledigt.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes: Meine Frau und ich wurden traurig und vermissten den Teddy. Zusätzlich betrübte uns der Gedanke, dass der Brecht nie mehr mit seinem ersten Lieblingstier würde kuscheln können. Vielleicht wäre der Teddy einmal sein Glücksbringer bei Prüfungen geworden, oder des Brechtes Kinder hätten sich beim Erbschaftsstreit um den ranzigen, abgegriffenen Bären gebalgt.

Einen Tag nach dem Verlust ging der Brecht zielstrebig zum kleinen Teddybett, hob es auf und sah sich um. Kurz darauf lief er suchend durch die Wohnung und rief: «Etti? Etti?» Da war das Fass voll. Ich konnte Teddy nicht so schnell aufgeben und tat, was wir Internetmenschen in solchen Fällen immer tun: Ich schrieb einen Aufruf auf Facebook und Twitter. Vielleicht hatte jemand aus Bochum den Teddy gesehen oder einer unserer Berner Freunde besass ein identisches Bärchen. Teddy war nämlich ein Schlüsselanhänger, den ich vor zehn Jahren an der Unicef Night des Open-Air-Kinos gekauft hatte.

Und es passierte, was in solchen Fällen immer passiert: Die Leute teilten, retweeteten und gaben Tipps: «Kauf doch einen ähnlichen Bären!» oder «Melde dich bei Unicef!».

Mit beiden Gedanken hatte ich schon zuvor gespielt. Aber nein, es sollte schon der gleiche Bär sein. Und mit meinem Problem Unicef belästigen, das kam mir falsch vor. Für dieses Paradebeispiel eines «First World Problems», wenn es doch so vielen Kindern an mehr mangelt als nur an einem Teddy. Ausserdem werden die Schlüsselanhänger schon seit Jahren nicht mehr verkauft. Bestimmt hat Unicef gar keine mehr.

Das Problem an dieser Argumentation: Ich konnte die Suche nach dem Teddy nicht einfach auf meine Internetfreunde abwälzen, ohne selber die einfachsten Massnahmen zu ergreifen. Also füllte ich dann doch das Kontaktformular aus und erhielt rasch Antwort vom Schweizerischen Komitee für Unicef: Sie würden mir einen Teddy aus dem Restbestand schicken. Wir rissen die Arme hoch und revanchierten uns selbstverständlich mit einer Spende.

Der Neue, frisch aus dem Briefkasten

Der Neue, frisch aus dem Briefkasten.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Zahlreiche Menschen, die meinen Aufruf gelesen hatten, kontaktierten über verschiedene Wege Unicef in der Schweiz und in Deutschland. Deshalb herzlichen Dank nicht nur an Unicef, sondern an alle Menschen, die sich für des Brechtes Teddy einsetzten. Es ist ein schönes Gefühl, auf Unterstützung zählen zu können.

Inzwischen ist der neue Teddy eingetroffen und der Brecht hat ihn freudig in die Familie aufgenommen. Ich wünsche Ihnen allen frohe Weihnachtstage mit Ihren liebsten Freunden, Verwandten und Plüschtieren.