«Viele glauben, dass Sex völlig technisch abläuft»

¨

«Händ er bumst?»  – Eine der Fragen, die die «Amateur Teens» beschäftigen. Quelle: Youtube

Der Film «Amateur Teens» (benannt nach einer Sparte Internetpornos) des Schweizer Regisseurs Niklaus Hilber läuft derzeit in den Schweizer Kinos. Das Drama um vierzehnjährige Sekundarschülerinnen und -schüler in Zürich setzt sich schonungslos, aber ohne Mahnfinger mit dem Alltag unserer Teenager auseinander – und gewann damit am Zurich Film Festival den Publikumspreis.

Im Film geht es um die Geschichte eines Mädchens, das neu in eine Klasse kommt und dort gemobbt wird. Dabei spielen Gruppendruck, Sex und natürlich auch die sozialen Medien eine zentrale Rolle. Wie real ist diese Geschichte eigentlich? Martin Graf, Schulsozialarbeiter in einem Stadtzürcher Schulhaus, hat sich für den Mamablog den Film angeschaut und ihn mit seiner Realität verglichen.

Wie hat Ihnen der Film gefallen?

Er ist sehr gut gemacht und wirklich nahe an der Realität. Für meinen Geschmack sind die Internetpornoszenen zu ausführlich und zu ausgiebig dargestellt, die Hälfte hätte auch gereicht. Ansonsten ist das Thema Sexualität zwar in extremer Form, doch sehr gut aufgenommen, ebenso die dazugehörende Unsicherheit und der gesteigerte Gruppendruck durch die sozialen Medien.

Ist die Realität der Teenager heute wirklich so anders als noch vor zehn, zwanzig Jahren?

Ja, absolut. Sex als Mittel, Macht auszuüben und sich selbst darzustellen, hat durch die Werbung und die sozialen Medien enorm an Stellenwert gewonnen. Und zwar ohne dass gleichzeitig eine entsprechende Aufklärung stattgefunden hätte. Viele glauben aufgrund der Filmchen im Internet, dass Sex völlig technisch und ohne Emotionen abläuft und dass Frauen das gerne haben. Damit werden falsche Rollenbilder also quasi noch zementiert. Mobbing gab es auch schon früher, wir sind Herdentiere, die in einer Hierarchie miteinander verbunden sind. Doch durch die sozialen Medien haben sich deren Reichweite, Heftigkeit und Auswirkungen vervielfacht. Unter anderem, weil viel über Bilder läuft und Bilder bekanntlich eine enorme Kraft haben.

Wir Eltern haben ja oft keine Ahnung davon, was eigentlich mit unseren Kids läuft, wir kennen ihre Realität kaum, auch wenn wir das gern meinen. Mit Vierzehnjährigen ist es erfahrungsgemäss recht schwierig, ein Gespräch über Sex, Drogen und soziale Medien zu führen. Was tun?

Es stimmt, dass ihnen das Reden über solche Themen oft peinlich ist. Aber sie sind auch sehr neugierig und hören gut zu, selbst wenn sie es nicht zeigen. Wir können und sollen deshalb auch über schwierige Themen reden. Am besten daheim, im alltäglichen Gespräch, ganz nebenbei und natürlich. Ich empfehle den Eltern, ihren Kindern von eigenen Erfahrungen zu erzählen, natürlich nicht im Detail, aber mit Betonung auf emotionale Aspekte wie Angst oder Unsicherheit.

Wie kann ich als Mutter sonst noch Einfluss nehmen?

Jugendzeitschriften können hilfreich sein. Wieso nicht einmal die «Bravo» herumliegen lassen? Besonders gelungen finde ich die Seite Feel-ok.ch: Sie nimmt alle möglichen Fragen rund um Drogen, soziale Medien, Gesundheit und Körper auf und ist auch für Eltern interessant. Zudem können Jugendliche hier ihre Fragen anonym stellen und bekommen innerhalb kurzer Zeit eine persönliche Antwort. Es lohnt sich, den Kids diese Seite mal zu zeigen und gemeinsam darin zu stöbern. Ebenfalls sehr zu empfehlen ist die Seite Lilli.ch, die sich mit allen Fragen rund um Sexualität auseinandersetzt.

Viele Lehrpersonen sehen sich den Film mit ihren Klassen an. Dazu bietet der Filmverleih auch Material zur Vorbereitung an. Was halten Sie davon?

Ich finde das toll. Wenn Lehrpersonen eine Vor- und Nachbereitung bieten, ist das eine sehr gute Gelegenheit, wichtige Themen wie Gruppendruck oder die erste Liebe zu besprechen. Denn gemäss meiner Erfahrung kommen solche Fragen im Schulalltag oft zu kurz. Dabei lassen sie sich gerade in 3.-Sek-Klassen ausgezeichnet in die Fächer Deutsch oder Mensch und Umwelt einbinden. Es freut mich, wenn all diese Themen nicht nur einmalig abgehandelt werden, sondern wie in anderen Fächern auch immer wieder aufgegriffen und vertieft werden, sobald man spürt, dass Bedarf besteht.

Sind die Lehrpersonen selbst eigentlich gut genug vorbereitet, um mit den Alltagssorgen ihrer Schüler umzugehen?

Meiner Meinung nach können wir Erwachsene uns im Bereich der Wahrnehmung immer weiter verbessern. Teenager erzählen in der Regel nicht, was läuft. Fast alles machen sie untereinander ab. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Lehrpersonen gut darin ausgebildet sind, Symptome wahrzunehmen. Sei das anhand von Leistungen, die plötzlich abfallen, von Gruppen, die sich neu formieren, oder wenn Schüler plötzlich häufig fehlen etc. Ihr naher täglicher Kontakt zu den Schülern kann bei der Erkennung einer Problemlage sehr massgebend sein. Eine gute Zusammenarbeit im Schulteam und bei ihren unterstützenden Fachpersonen ist dabei stärkend. Das Wissen, wie reagiert werden kann und dass gemeinsam Lösungen angegangen werden, ist wichtig. Denn wer nicht weiss, wie handeln, hat Angst und schaut eher weg.

 martin grafMartin Graf ist 38 Jahre alt, wohnt seit 20 Jahren in der Stadt Zürich und hat zwei Kinder. Er ist Sozialarbeiter FH und arbeitet als Schulsozialarbeiter bei den Sozialen Diensten der Stadt Zürich.