Geboren, um zu eltern

«Papa, Mama, Maximilian-Jason und Mia-Josephine» steht unter den aufgeklebten Strichmännchen, daneben der Labrador «Cindy» mit einem Knochen im Maul. So ein schönes Familienidyll auf der foliengetönten Heckscheibe eines dunkelblauen Opel Zafira. Aber was will es uns sagen?

Facebook meldet, meine ehemalige Schulkollegin Patrizia habe Geburtstag. Ich werfe einen spontanen Blick auf ihr Profil und, aha, auch Patrizia gebar kürzlich einen «Sonnenschein». Es ist nicht zu übersehen: Luca trinkt, Luca isst, Luca erbricht. Eine mit mütterlicher Hingabe kommentierte Bilderserie auf rund 15 Scrollmetern. Aber für wen?

Ich suche Axel vom Rechtsdienst. In seinem Büro ist er nicht, dafür hängen und stehen dort Dutzende Bilder von seiner Frau, der Katze und den Kindern. Im Urlaub, im Europapark, im Regenmantel. Ein Bild ist sogar animiert … nein, halt, das ist Axel. Wie kann man so arbeiten?

Liebe und Stolz treiben uns Eltern zu solch schrecklichen Taten. Mit jedem Kind und jedem Tag wird die Liebe stärker. Und wenn sie so gross ist, dass du fast das Bewusstsein verlierst, kommt irgendwo ein kleines blond gelocktes Mädchen um die Ecke gestapft und brüllt mit ausgestreckten Armen «Appa smuusn». Da brennt gerne mal eine Sicherung durch. Kurz darauf finden dich die Nachbarn bewusstlos neben deinem Auto liegend. In der Hand ist das Trägerpapier des Aufklebers noch warm. Du kannst dich an nichts erinnern.

Stolz ist der gefährliche Brandbeschleuniger in diesem Gefühlsinferno. Nicht so sehr der Stolz auf das Kind an sich, das kann ja noch nicht einmal den Löffel waagerecht zum Mund führen. Wir sind – seien wir doch ehrlich – stolz auf uns selber. Die Zeugung war keine besondere Leistung, einverstanden. Aber dass wir so mutig waren, die Verpflichtungen der Elternschaft einzugehen, das macht uns zu Helden. Und dann meistern wir den Alltag auch noch so gut.

In den Nachrichten sehen wir ja täglich, wie alle anderen versagen. Wir sind schon unglaublich geile Siechen. Geboren, um zu eltern. Natürlich interessiert das auch unsere Facebook-Freunde. Wir haben da eine Informationspflicht.

«Interessiert doch keine Sau, wie unsere Kinder heissen.» Genau!

«Interessiert doch keine Sau, wie unsere Kinder heissen!» So ist es.

Kommt Ihnen das ansatzweise bekannt vor? Dann ist es Zeit, sich selbst zurück in die Vernunft zu ohrfeigen. Schliesslich wissen wir tief drin alle, dass sich ausserhalb des engsten Familienkreises niemand für unsere Kinder interessiert. Heckscheibenaufkleber und Kinderbilddiarrhö auf Facebook sind grober Unfug. Sollen unsere Mitmenschen etwa denken, dass es in unserem Leben nur noch die lieben Kinderlein gibt?

Bei mir klappt das Ohrfeigen einigermassen. Ich verwende ein Foto vom kleinen Brecht als Bildschirmhintergrund auf dem Handy. Das schaue ich mir unterwegs ab und zu an und vermisse mein Baby danach noch mehr als davor. Nicht zuletzt deshalb gibt es keine Kinderbilder an meinem Arbeitsplatz. Denn da muss ich mich auf meinen Job konzentrieren und die Familie gedanklich zur Seite schieben. Auf dem Wickeltisch steht schliesslich auch kein Bild von meinem Chef.

Auf Facebook, Twitter und Instagram rutschen mir ab und zu Bilder vom Brecht durch. Natürlich wohldosiert und nur mit Sonnenbrille sowie aufgeklebtem Schnauz. Ich bin nicht gefeit gegen die Emotionen der Elternschaft und dennoch: Das mit den Heckaufklebern verstehe ich trotz obigem Erklärungsversuch nicht. Aufs Auto kommen mir keine familiären Devotionalien. Es geht doch niemanden etwas an, dass mein Kind Heinz-Dustin heisst. Bei Google Street View das Haus verpixeln lassen, die Initiative gegen das Nachrichtendienstgesetz unterschreiben, aber dann eine Kopie des Familienbüchleins auf der A 1 spazieren fahren? Warum?

Deshalb an dieser Stelle ein Aufruf: Gibt es unter den Leserinnen und Lesern «Betroffene»? Bitte, bitte, bitte, nutzen Sie die Kommentarfunktion, und erklären Sie mir, weshalb Sie die Namen Ihrer Kinder aufs Auto kleben! Natürlich sind auch alle anderen Kommentare rund um das Thema Fruchtbarkeitsstolz herzlich willkommen.