Iss doch, wie du willst!

Ein Papablog von Markus Tschannen*

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Ist es wirklich soooo wichtig, am Tisch den Knigge-Regeln zu folgen? Wenns doch bloss schmeckt. Foto: flickr.com

Mein Chef wollte mich vor einiger Zeit in einen Benimmkurs schicken. Weil die richtigen Umgangsformen so wichtig seien. Mir ist vor Schreck fast der Kaugummi in den Business-Lunch gefallen. Empört, aber höflich habe ich abgelehnt.

Zugegeben, insbesondere meine Essmanieren lassen zu wünschen übrig. Ich kratze mich mit der Gabel am Hintern, während ich grunzend das Messer ablecke. Nein, so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es lässt sich auch nicht verbergen: Ich halte das Besteck falsch, sitze eher bequem als aufrecht und würde mir nie die Serviette in den Schoss legen. Wenn ich schon kein Wolf bin, dann wenigstens eine kleine Wildsau. Das hat mehrere Gründe:

• Meine Eltern haben mir zwar grundlegenden Anstand beigebracht, aber keinen Wert auf hohe Standards gelegt. Das mag der Herkunft geschuldet sein. Wir fuhren auch nicht mit dem Privatjet ins Nobelrestaurant nach Saint-Tropez, sondern mit dem Traktor zum Picknick in den Wald.

• Als Vegetarier seit Kindheit benötige ich fast nie ein Messer. Ich kann daher die Gabel nicht links halten. Selbst dann nicht, wenn ich doch mal ein Messer benutzen muss. Das Messer kann ich dummerweise auch nicht links halten. Ich hoffe, es entstehen schöne Bilder in Ihrem Kopf.

Ich will mein Essen geniessen. Wenn ich auf meine Körperhaltung achten muss, dann fühle ich mich rasch unwohl.

Trotz teilweiser Unfähigkeit ist meine Ignoranz grösstenteils willentlich. Ich sehe hinter vielen Benimmregeln keinen Sinn. Weshalb soll es eine Rolle spielen, wer in welcher Reihenfolge einen Raum betritt und wer wem zuerst die Hand reicht? Diese Regeln bieten keinen praktischen Nutzen. Sie sind historisch begründet und dienen heute einzig der Ehrerbietung. Aber echte Wertschätzung erbringt man mit selbstbestimmten Taten, nicht mit Regeln aus einem Buch oder einem Kurs. Höflichkeit macht nur vordergründig gute Menschen. Hinter der wohlerzogenen Fassade kann sich ein schlechter Mensch besonders leicht verstecken.

Als Erwachsener kann ich mich natürlich benehmen, wie ich will. Doch an welche Verhaltensregeln soll sich mein kleiner Brecht halten? Ich kann ihn nicht strenger erziehen als mich selber. Und doch will ich ihn für die Welt da draussen befähigen. Ich habe mir also wieder einmal zwei Erziehungsgrundsätze zurechtgelegt:

1. Empathie kommt vor Benimm: Ich will dem Brecht vermitteln, dass Werte wie Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Vertrauen wichtiger sind als starre Regeln aus vergangenen Jahrhunderten.

2. Regeln kennen und sie selbstbestimmt anwenden oder ignorieren: Der Brecht soll um die grundlegenden Anstandsregeln Bescheid wissen, muss aber diejenigen ohne erkennbaren praktischen Nutzen in meinem Beisein nicht anwenden. Natürlich lernt er auch, dass er damit die Erwartungen anderer Menschen enttäuschen kann.

Sind alle Anstandsregeln sinnlos? Natürlich nicht. Sich zum Niesen wegdrehen, anderen die Tür aufhalten und im Bus älteren Menschen den Platz anbieten – da deckt sich sinnvolles empathisches Verhalten mit gängiger Benimmlehre. Aber wenn der Brecht seinen Löffel links und die Gabel wie einen Hammer halten will, dann fügt er damit niemandem Schaden zu. Und auch wenn er im Restaurant seinen Arm auf den Tisch abstützt, dann werde ich ihn nicht zurechtweisen. So viel Selbstbestimmung gönne ich meinem Kind.

Will ich mit diesem Vorgehen speziell oder cool sein? Nein, ganz ehrlich nicht. Schwör! Ich versuche im besten Wissen und Gewissen die richtigen Erziehungsschwerpunkte zu setzen. Sie dürfen mich mit guten Argumenten gerne umstimmen. Kurz nachdem ich irgendwelche Erziehungsgrundsätze aufgestellt habe, beginne ich nämlich regelmässig, an ihnen zu zweifeln. Und vielleicht bin ich auch nicht komplett unglücklich, wenn meine Frau dem Brecht beibringt, sein Besteck richtig zu halten.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.