Geschäftliches ist Privatsache

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger*

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Ist das noch Arbeit – oder bereits Freizeit? Ein Mann mit Computer am Strand. Foto: Giorgio Montersino, Flickr

Von allen Seiten wird es dem Arbeitnehmer eingebläut. Unzählige Ratgeber beten es herunter wie ein in Stein gemeisseltes Gebot aus der Bibel: Du sollst Geschäftliches und Privates trennen. Warum eigentlich? Ist es eine Sünde, am Sonntag zu arbeiten? Und frevelhaft, im Büro Familienfotos auf Facebook zu posten?

Man kann das von zwei Seiten betrachten. Und genau das will ich heute tun. Weil ich kann: Ich habe mich fast zehn Jahre lang als Angestellter durch die Arbeitswelt gewurstelt, bevor ich 2005 auf die glorreiche Idee kam, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Nur um zu merken, dass es über dem Firmenchef noch den König gibt. Den Kunden. Irgendwie bleibt man immer Angestellter.

Und als solcher wünschte ich mir einen interessanten Job mit horrendem Verdienst. Und ein gutes, kollegiales, wenn nicht sogar familiäres Arbeitsklima. Das ist das Wichtigste. Sagen drei von drei Bewerbern. Trotzdem haben die wenigsten Mühe, dieser Familie um Punkt 18.00 Uhr den Rücken zu kehren. Um nach Feierabend über vor dem Feierabend zu diskutieren: «Ist dein Chef auch so ein Arschloch?»

Es ist zum Mäusemelken: Während der Arbeitszeit wird Privates besprochen. Und während der Freizeit Geschäftliches. Privates und Geschäftliches trennen meint in den meisten Fällen einfach nur eine klare Begrenzung der Arbeitszeit. Von emotionaler Abgrenzung keine Spur. In vielen Firmen werden aus Kollegen Freunde. Und manchmal sogar Sex- und Ehepartner. Wie bei meiner Ex-Freundin. Nur blöd, haben wir nicht im selben Unternehmen gearbeitet.

Arbeit und Freizeit stehen in einer wechselseitigen Beziehung. Sie bedingen sich. Ohne Arbeit keine Freizeit. Ohne Freizeit keine Arbeit. So süss ist das süsse Nichtstun gar nicht. Mit ein Grund, warum sich Arbeitslosigkeit so unglücklich anfühlt. Macht eine strikte Trennung von Geschäftlichem und Privatem angesichts dessen Sinn? Der beliebteste Arbeitgeber der Welt beantwortet die Frage mit Nein. Bei Google sieht das Büro nicht nach Arbeit aus. Sondern nach Freizeit.

Homeoffice, Jobsharing, Teilzeit, flexible Arbeitszeiten – alles Forderungen, die darauf abzielen, Geschäftliches und Privates unter einen Hut zu kriegen. Warum die Arbeitgeber nur zaghaft auf diese Anliegen der Arbeitnehmer eingehen? Vielleicht auch deshalb: Als wir in unserer Firma die ersten Mitarbeiter mit Laptops ausgestattet haben, war ich richtig enttäuscht, als sich jemand zusätzlich einen privaten Laptop angeschafft hat. War für mich völlig unverständlich. Wieso will jemand zwei Laptops oder zwei Handys haben? Wahrscheinlich um Privates und Geschäftliches zu trennen. Um sich nicht voll und ganz von der Aufgabe auffressen zu lassen, für die man dann doch nicht voll und ganz brennt? Um für das kollegiale, familiäre Umfeld nicht erreichbar zu sein? Um persönliche Daten vor dem Arbeitgeber geheim zu halten? Weil es noch Wichtigeres gibt als das Geschäft? Zum Beispiel die Familie?

Je nach Persönlichkeit, Arbeit und Stellung im Unternehmen fallen die Antworten wohl sehr unterschiedlich aus. Ich habe als Angestellter mal mehr und mal weniger getrennt. Je nachdem, wie sehr ich mich mit der Aufgabe und der Firma identifizieren konnte. Als Selbstständiger oder Unternehmer kann man Geschäftliches und Privates nicht trennen. Man ist das Geschäft. Und es fühlt sich verdammt gut an. Man ist mit sich eins, wenn Geschäftliches Privatsache ist.

rinaldo*Rinaldo Dieziger ist Unternehmer und Autor. Seine besten Papablogs sind als Taschenbuch erschienen. Er lebt mit Frau und Kindern in Zürich.