Meine Co-Eltern-Familie

Ein Gastbeitrag von Jochen König*

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«Die auf Liebe basierende bürgerliche Kleinfamilie verliert an Bedeutung»: Unser Autor Jochen König hat ein Kind «auf freundschaftlicher Basis». Foto: PD

Ich wollte gerne ein zweites Kind haben, aber ich war zu faul, eine passende Partnerin zu suchen. Also hab ich das Kind mit einer Freundin bekommen, mit der ich nie zusammen war. Meine Tochter wird nicht mitbekommen, wie eine Beziehung funktioniert, und deshalb später grosse Probleme haben, selbst Beziehungen einzugehen. Aber das ist halb so wild, weil es mir ja nur um mein eigenes Bedürfnis geht. Child-Sharing ohne Verpflichtungen und ohne Emotionen. Und wenn wir auf dieses Spiel keine Lust mehr haben oder sich irgendwann dann doch eine passende Partnerin findet, dann gibt es ja noch Tier- ähh Kinderheime.

So ungefähr stellen sich Menschen in den Kommentarspalten des Mamablogs und von «20 Minuten» meine Familie vor. Es ist schon erstaunlich, welche Bilder in Köpfen entstehen, wenn sie von meiner Familie lesen. Viele können sich nicht vorstellen, dass die eigene Familienkonstellation nicht die einzige Möglichkeit ist, glücklich zu leben und dabei noch verantwortungsbewusst mit allen Familienmitgliedern, insbesondere den Kindern, umzugehen.

Mit der Zeugung eines Kindes übernehmen wir Verantwortung für einen Menschen bis ans Ende unseres Lebens. Das war uns Eltern bei der Entscheidung bewusst, und es ist klar, dass das keinesfalls jemals wieder rückgängig zu machen ist. Egal, was passiert, egal, wer wo einen Job bekommt, wer eine neue Partnerin oder einen neuen Partner haben wird, wir werden immer gemeinsam für dieses Kind verantwortlich sein und gemeinsam gut überlegte Entscheidungen im Sinne aller Familienmitglieder treffen.

Wir haben uns entschieden, auf freundschaftlicher Basis ein Kind zu bekommen. Genauso wie sich andere auf Basis ihrer Liebesbeziehung und/oder Ehe für ein Kind entscheiden. Viele scheinen Emotionen mit Sex zu verwechseln. Nur weil ich mit der Mutter meines Kindes nicht ins Bett gegangen bin, war es noch lange keine emotionslose Entscheidung. Und es bedeutet auch nicht, dass wir uns nie streiten werden. Von Vorteil ist, dass es in unseren Streitereien keine Rolle spielt, wer wie oft die Spülmaschine ausräumt, weil wir nicht zusammenwohnen. Und dass ich mich neu verlieben kann, ohne dass es die Grundlage unserer Elternschaft infrage stellt.

Eine neue Liebesbeziehung muss sich immer damit arrangieren können, dass es da bereits zwei Kinder in meinem Leben gibt und diese nicht nur nebenbei existieren. Ich liebe meine Kinder, beide verbringen sehr viel Zeit mit und bei mir, und nie wird eine neue Liebe etwas grundsätzlich daran ändern. Und wie in allen anderen Familien werden meine Kinder auch bei mir durchaus Beziehungen, Beziehungskonflikte und einen manchmal konstruktiveren und manchmal weniger konstruktiven Umgang mit Konflikten mitbekommen.

Die auf Liebe basierende bürgerliche Kleinfamilie verliert an Bedeutung. Immer mehr Menschen leben freiwillig oder unfreiwillig in anderen Konstellationen. Viele melden sich bei mir, weil sie eine Familie auf ähnlichem Weg planen oder bereits in einer solchen leben. Von einem gesellschaftlichen Trend zur Co-Elternschaft zu sprechen, mag verfrüht sein. Es ist aber höchste Zeit, zu erkennen, dass es nicht mehr nur das eine Familienbild gibt, an dem sich alle orientieren müssen, sondern dass die Welt der Familienkonstellationen in den letzten Jahren vielfältiger geworden ist.

Und zuletzt, weil immer danach gefragt wird: Bei der Zeugung unserer Tochter war weder Sex noch eine Ärztin oder ein Arzt im Spiel. Das Sperma muss in Richtung Eizelle. Manchmal zweifele ich etwas an der Fantasie der Menschen, wenn ihnen dazu nur Sex oder Reagenzgläser einfallen.

*Jochen König ist Autor und lebt mit seinen beiden Töchtern in Berlin. Sein Buch «Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien» ist im Herder-Verlag erschienen.