Best of: Ab wann ist es Fremdgehen?

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir während einer Wochen einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag von Gabriela Braun erschien erstmals am 11. November 2014.

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Betrug ist eine Frage der Definition: Szene aus der BBC-Serie «Mistresses» über vier Frauen und ihren Begriff von Treue und Untreue. Foto: BBC, PD

Küssen, sagt Carla, einen anderen Mann so richtig küssen, rumknutschen, da fange bei ihr Fremdgehen an. Zwei, drei Freundinnen mit am Tisch lachen erstaunt auf. «Echt? Habt du und Marcel das so definiert?», fragt die eine. Für sie müsse dafür schon mehr gelaufen sein. Das sei in den letzten Jahren zwar nicht mehr passiert («Ehrenwort!») – doch erst Sex sei für sie «so richtiges Fremdgehen».

Auch Emilie sagt, für sie beginne Untreue an einem anderen Punkt: Dann etwa, wenn sie sich mit einem anderen Mann immer wieder verabrede, weil sie ihn aufregend finde. Untreu sei man dann, wenn man etwas heimlich tue und dem Partner auf konkrete Nachfrage nichts erzähle: Fremdgehen müsse deshalb nicht unbedingt mit Sex zu tun haben, findet sie. Ihrer Ansicht nach sei man untreu, wenn man sich nicht mehr traue, dem Partner alles zu erzählen.

Die traute Runde ist bereits sehr heiter, doch jetzt gibt es für die Frauen kein Halten mehr. Jede gibt ihre Sicht der Dinge preis, lässt die anderen wissen, wie sie den Betrug am Partner definiert. Wenn der andere einem ständig im Kopf herumspukt. Heisse Chats. Der erste Kuss. Eine gemeinsame Nacht!

«Doch was ist mit den kleinen Geheimnissen?», wendet Maja ein. Und der ureigenen persönlichen Freiheit? Das würden Psychologen im Zusammenhang mit einer glücklichen Beziehung doch immer wieder anführen. «Man hat kein eigenes Selbst, solange man kein Geheimnis hat», sagt sie und zitiert damit einen Psychologieprofessor (Daniel Wegner). Man dürfe sich in einer Beziehung nicht aufgeben. Wenn es einem guttue, ab und zu mit einem anderen zu flirten – und eben auch mal fremdzuknutschen –, dann sei das in Ordnung. Man brauche vor dem Partner durchaus ein paar Geheimnisse. Ein kleiner Flirt hier, ein harmloses Date da: In diesem Rahmen sei das nichts Verwerfliches, sondern vielmehr aufregend und für das eigene Ego sowie die feste Beziehung absolut belebend!

«Ja, klar, Maja, und du siehst das natürlich genauso, wenn dein Liebster danach handelt.» Wir lachen. Das Gespräch plätschert in diesem Stil weiter. Jemand tönt ein heimliches Geplänkel mit einem «Gschpusi» an. Wir winken ab, wollen nichts weiter wissen. Von Geheimnissen, aber auch von Geständnissen ist die Rede. Bis irgendwann nach Mitternacht der Mann der einen Freundin zur Tür hereinkommt, um sie abzuholen. «Wie schön», sagen die einen. «Wie misstrauisch», eine andere.

In den folgenden Tagen denke ich immer wieder an die Gespräche des Abends zurück – und daran, wie verschieden jede einzelne meiner Freundinnen Treue respektive Untreue definiert. Zufällig stosse ich auf einen Artikel im österreichischen «Kurier», in dem es um die Bedeutung von Treue in Beziehungen geht. Und darin sagt die Psychologin Luise Hollerer: «Treue und Vertrauen sind absolut essenziell für eine Beziehung. Das heisst, man soll wissen, wohin sich der andere begibt. Wenn vereinbart ist, dass beide andere Erkundungen machen dürfen, ist es etwas anderes, als wenn man den anderen im Unklaren lässt oder belügt.» Ich finde, das sagt sie ganz gut.

Was ist Ihre Meinung? Und wie definieren Sie Treue und Untreue?