Macht die Mutter Diät, leidet die Tochter

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Ein entspanntes Verhältnis zum Essen färbt auch auf die eigenen Kinder ab. Foto: Rolands Lakis, Flickr.

Zufrieden mit dem eigenen Körper? Fehlanzeige. Nur gerade 35 Prozent der Schweizer Teenager-Mädchen und 56 Prozent der gleichaltrigen Jungs sind einigermassen glücklich mit ihrer Figur, wie eine noch unveröffentlichte Studie der Gesundheitsförderung Schweiz zeigt. 400 Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren wurden für die Studie befragt, das berichtete die «Schweiz am Sonntag». Und die ersten Resultate liessen die Forscher aufhorchen, denn «bis anhin ging man davon aus, dass die Buben zufriedener mit ihrem Körper sind», wird Chiara Testera Borrelli zitiert, die Co-Leiterin Ernährung und Bewegung bei Gesundheitsförderung Schweiz. Tatsächlich wünschen sich aber 48 Prozent der Jungs mehr Muskeln, 30 Prozent sogar deutlich mehr. Und so treiben mehr als die Hälfte der jungen Männer nicht etwa aus Freude Sport, sondern um dem vermeintlichen Idealkörper näherzukommen.

Mich überraschen diese Zahlen nicht besonders, seit ich mich vor ein paar Jahren mit dem damals 14-jährigen Sohn eines Freundes über sein Essverhalten unterhalten habe. Er trug damals ständig eine Kalorientabelle bei sich und setzte sich sozusagen vorsorglich auf Diät, um sicher nie «fett» zu werden. Und er erzählte mir so offen und selbstverständlich davon, als sei ein solches Verhalten das Normalste der Welt. Das war es tatsächlich auch für ihn, weil all seine Freunde es nicht anders handhabten.

Dafür haben mich zwei andere Punkte im «Schweiz am Sonntag»-Artikel zum Nachdenken gebracht. Erstens die Tatsache, dass offenbar immer häufiger schon Sechsjährige ein gestörtes Körperbild haben. Kindergärtler also, die sich doch noch mit ganz anderen Themen beschäftigen sollten als Diäten und Muskelaufbautraining. Ich muss allerdings zugeben, dass mir ein (völlig normal gebautes) Kindergartengspänli meiner Tochter auch schon einmal gesagt hat, es wolle später einmal so schlank sein wie ich. Was mich perplex zurückliess.

Warum sich schon so junge Kinder mit diesen Figurthemen beschäftigen, darüber werde auch unter Experten immer wieder diskutiert, sagt Franziska Widmer Howald, Co-Leiterin «Healthy Body Image» bei Gesundheitsförderung Schweiz. «Es gibt einige Faktoren, die dazu beitragen könnten. So werden 6-jährige Kinder zum Beispiel über Bemerkungen der Erwachsenen zu ihrem Aussehen immer wieder mit dem Thema Schönheit konfrontiert.» Die Kinder würden so rasch lernen, dass die Erwachsenen bestimmte Attribute hübscher fänden als andere. Ausserdem kämen in Trickfilmen unverhältnismässig viele schlanke Hauptfiguren mit positiven Charaktereigenschaften vor. Noch einflussreicher sei aber die eigene Familie: «Die vorgelebte Haltung oder das Diätverhalten der Mutter beziehungsweise des Vaters kann bereits in sehr jungen Jahren ein verändertes Verhalten provozieren.»


Wie die Mutter, so die Tochter. Quelle: Youtube.

Eltern geben ihr Problem also gewissermassen ans eigene Kind weiter, wenn sie selber mit ihrem Körperbild hadern oder auf Dauerdiät sind. Aber kann man auch den Umkehrschluss ziehen, dass die Kleinen automatisch ein gutes Körpergefühl entwickeln und nie an einer Essstörung leiden werden, wenn man ihnen ein gesundes, entspanntes Essverhalten vorlebt?

Ich glaube nicht. Schliesslich spielen auch andere Faktoren wie der Freundeskreis oder Social Media eine nicht zu unterschätzende Rolle. Fühlt sich etwa ihre beste Freundin zu dick, hinterfragt die Tochter den eigenen Körper womöglich auch plötzlich. Und beschäftigt sich ein Jugendlicher erst mal mit dem Thema Abnehmen, wird er auf Social Media mit so vielen «Vorbildern» konfrontiert, dass sich die Wahrnehmung ganz schnell verändern kann. Geben Sie auf Instagram nur einmal den (vergleichsweise harmlosen) Hashtag #skinny ein, und sie werden mit Bildern von untergewichtigen Mädchen geflutet, die ihre hageren Körper wie Trophäen ihres eisernen Willens präsentieren und dafür von Gleichgesinnten mit reichlich Likes eingedeckt werden.

Widmer Howald bestätigt den grossen Einfluss von Kollegen und (sozialen) Medien – jedoch mit einer Einschränkung: «Vor allem in der Jugend sind die Einflüsse von Gleichaltrigen sowie den ganzen medialen Bildern sehr stark», sagt sie. «Die von den Eltern und anderen ersten Bezugspersonen erlernten Haltungen aus der Kindheit wirken jedoch als gute Schutzfaktoren vor Essstörungen.» Denn was das Kind bis zu seinem siebten Lebensjahr in Bezug auf Tischkultur, Ernährungsgewohnheiten sowie Umgang mit seinem eigenen Körper erlernt habe, bilde die Basis für das gesamte Leben.

Es gilt also, als Vater und Mutter ganz besonders während der ersten Lebensjahre des Nachwuchses das eigene Verhalten zu überdenken und sich gesund zu ernähren, aber eben auch nicht verbissen gesund. Sich mit dem eigenen Körper anzufreunden, vielleicht auch wieder anzufreunden, wenn dieser sich durch die Schwangerschaft verändert hat. Und nicht zuletzt das Essen gar nicht erst zum Konfliktthema hochzustilisieren, indem man es etwa als Belohnungs- oder Bestrafungsmittel benutzt. Oder antiquierte Tischregeln wie «Der Teller wird leer gegessen!» aufrechterhält. Solche Regeln haben nämlich höchstens zur Folge, dass das Kind sein natürliches Sättigungsgefühl verliert. Viel besser sind deshalb Tischregeln, die für eine angenehme Atmosphäre am Familientisch sorgen: «Man legt zum Beispiel fest, dass die Eltern dafür verantwortlich sind, was auf den Tisch kommt», sagt Widmer Howald, «das Kind aber entscheidet selber, wie viel davon es essen mag.»