Die verwöhnte Generation

Mamablog

Kleine Prinzessinnen: Youtube-Stars Sophia Grace (rechts) und ihre Schwester. Foto: Chris Pizzello (Keystone)

«Kinder waren kaum je verwöhnter als heute.» Mit dieser Behauptung eröffnete das «Migros-Magazin» letzte Woche ein Interview mit Jürg Frick, Buchautor und Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Die Aussage ist nicht neu, man hört immer wieder, dass die aktuell heranwachsenden Kinder zu sehr verwöhnt und verhätschelt würden. Aber ist das auch wirklich wahr?

Um diese Frage zu beantworten, muss zuerst der Begriff des «verwöhnten Kindes» geklärt werden. Ich habe dabei sofort das Bild eines Kindes vor Augen, das mit Geschenken überhäuft wird und trotzdem nie zufrieden ist. Eines Kindes, für das keine Regeln gelten und das bloss Pieps machen muss, damit Mama und Papa angerannt kommen und ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. In meinem Umfeld ist mir solcherlei Verhalten bisher noch nie aufgefallen. Im Gegenteil hatte ich eher das Gefühl, Mütter und Väter seien extra strikt, um auf keinen Fall dem Vorurteil der verhätschelnden Eltern zu entsprechen.

Für Jürg Frick deckt das landläufige Verständnis des Verwöhnens aber bei Weitem nicht das ganze Spektrum ab. Verwöhnen bedeutet für ihn auch überbehüten. «Man nimmt den Kindern alles Unangenehme ab, traut und mutet ihnen zu wenig zu», sagt er. Oder man lobe sie unangemessen und überschwänglich, wie er in einem Schwerpunkt-Artikel zum selben Thema erläuterte. Frick spricht deshalb von verschiedenen Modi der Verwöhnung: «Ängstlich­-besorgter Modus, materieller Modus, Modus der übermässigen Bewunderung, Modus von keine Anstrengung erwarten und keine Grenzen setzen». Das Resultat indes ist immer dasselbe: Unselbstständige Kinder mit völlig unangemessenen Erwartungen. Beziehungsweise zukünftige Erwachsene, denen jegliches Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fehlt und die sich stets von anderen abhängig fühlen.

Frick kommt zum Schluss, dass übermässig verwöhnte Kinder misshandelte Kinder seien. Denn es sei eine Tatsache, dass «Eltern, die ihre Kinder massiv verwöhnen, ihnen damit wirklich schaden können».

Eine heftige Aussage. Dennoch muss ich ihm zustimmen, dass Eltern ihren Kindern mit solchem Verhalten keinen Gefallen tun. Und dass diese Tendenz, alles Herausfordernde vom eigenen Kind fernhalten zu wollen, sich tatsächlich immer stärker ausbreitet. Man denke nur an all die Kinder, die tagtäglich herumchauffiert werden, anstatt dass Mama und Papa sie mit dem Fahrrad losschicken würden. Oder an die ständigen Meldungen über Eltern, die sich in die Lehrerarbeit einmischen und an den Schulnoten herumzuschrauben versuchen. Meiner Meinung nach geschieht all das oft nicht primär aus dem Wunsch heraus, dem Kind etwas Gutes zu tun, sondern vielmehr aus Angst. Angst, dem Kind könnte etwas passieren, es könnte überfordert sein. Oder es finde seinen Platz in der Gesellschaft nicht, wenn Mama und Papa ihm nicht alle Steine aus dem Weg räumen.

Bloss: Wie soll das Kind lernen, seinen eigenen Weg zu gehen, wenn die Eltern es nicht loslassen? Wie soll es überhaupt etwas lernen, wenn man ihm keine eigenen Erfahrungen, keine eigenen Fehler zugesteht? Und wie um alles in der Welt soll das dauerbehütete Kind lernen, dass es für sein Glück selbst besorgt sein muss und die Verantwortung dafür nicht sein Leben lang auf jemand Anderen abschieben kann?

Wie Frick sagt, sind «Glücksgefühle und Zufriedenheit Empfindungen, die wir selber erwerben müssen. Erwachsene können Heranwachsende dabei nur unterstützen.» Das dürfen sie auch gerne tun, indem sie ihre heranwachsenden Kinder ab und zu einmal verwöhnen. Aber eben nur ab und zu. Denn genau das macht das gesunde Verwöhnen doch aus: Dass es etwas Spezielles, nicht Alltägliches ist. Und gerade deshalb geschätzt wird.