Kinder brauchen keine Schule

Ein Gastbeitrag von Bernice Zięba*

Mamablog

Aus eigenem Antrieb lernen: Ein Junge löst Aufgaben in einem Schulheft. Foto: Matias Nieto (Getty)

Bisher schien der Grossteil der Gesellschaft an dem Glauben festzuhalten: Kinder müssen zur Schule. Immer wieder gibt es aber Menschen, aus denen etwas geworden ist ohne den jahrelangen Besuch einer Schule. Sie brechen gewissermassen das Tabu, dass man ohne Schulbildung nichts erreiche. Was sich in den USA in den letzten 20 Jahren etabliert hat, ist in unseren Breitengraden erst im Begriff, aus einem Dornröschenschlaf zu erwachen.

Es braucht Beispiele, die die Steine ins Rollen bringen: Da ist einmal der junge schweizerisch-amerikanische Bestsellerautor Stefan Bachmann («Die Seltsamen», «Die Wedernoch») aus Adliswil, der seine ganze Schulzeit zu Hause von der eigenen Mutter unterrichtet wurde. Oder André Stern, einer der Protagonisten des Kinofilmes «Alphabet». Er durfte nicht nur in Paris schulfrei aufwachsen, seine Eltern legten auch Wert darauf, dass er ganz frei war zu lernen, was er wollte.

Die Rede ist von Homeschooling oder Unschooling, auch Freilernen genannt. Unter Homeschooling versteht man, dass Eltern ihre Kinder unterrichten und dabei bestimmen, was das Kind lernen soll. Beim Unschooling hingegen lernt das Kind aus eigenem Antrieb heraus. Interessen, Freude und Motivation des Kindes stehen dabei im Mittelpunkt. Die Eltern bestimmen nicht, was gelernt werden soll, sind aber insofern involviert, als sie das nötige Lernmaterial anschaffen sowie die Kinder aktiv im Lernprozess begleiten und unterstützen.

Unter den Homeschool-Familien bekennt sich etwa die Hälfte zum freilernerischen Stil. Während der Recherche für mein Buch «Kinder brauchen keine Schule» stellte ich jedoch immer wieder fest, dass selten strenge Grenzen zwischen klassischem Homeschooling und freilernerischem Unschooling gezogen werden. Ein Grossteil der Familien verwendet Elemente aus beiden Ansätzen – wie auch wir. Das Wort Homeschooling wird meist als Überbegriff verwendet.

Ich habe gelernt, dass es sehr wichtig ist, offen zu bleiben, Neues auszuprobieren und sich auf die Kinder einzulassen. Jedes Kind hat einen eigenen Charakter und einen eigenen Lernstil. Schlechte Erfahrungen behindern Kinder im Lernen, gute Erfahrungen treiben die Motivation an. Natürlich ist es mir wichtig, dass meine Kinder lesen, schreiben und rechnen können und daneben regelmässig musizieren. Einen Grossteil ihrer Kenntnisse eignen sie sich jedoch autodidaktisch an.

Kinder sind in der Tat fähig, das meiste, was sie wissen und beherrschen wollen, in Eigenregie zu lernen. Unsere elfjährige Tochter lernt zum Beispiel selbstständig zum Thema Aviatik und Raumfahrt, unser siebenjähriger Sohn übt sich im Runenschreiben und liest mit Vorliebe in einem Buch über Ritter. Ich greife jeweils Impulse der Kinder auf und gebe Impulse zurück. Das Lernen gewinnt dabei eine Eigendynamik, die in der herkömmlichen Schule nicht umsetzbar wäre. Freilich müssen wir uns auch nach den Vorgaben der Schulbehörden des Kantons Aargau richten. Seit über drei Jahren erfüllen wir die nötigen Bedingungen und dürfen den «privaten Unterricht», wie er schulbehördlich genannt wird, weiterführen.

Doch nicht selten finden sich Homeschool-Eltern in einer Verteidigungsposition wieder, um Vorurteile abzuwehren. Unsere eigenen Kinder sind in Sport- und Musikvereinen engagiert. Die ganze Welt ist unser Klassenzimmer, miteingeschlossen sind Begegnungen mit Menschen aller Couleur und alle Herausforderungen des Alltags. Das beginnt zu Hause, in der eigenen heterogen zusammengesetzten Familie mit Homeschoolern und Nicht-Homeschoolern, kleinen und grossen Kindern. Aufgrund unserer gemischten Herkunft sprechen wir zudem Deutsch, Englisch und Polnisch und haben einen entsprechenden Verwandten- und Bekanntenkreis. Wir lernen mit- und voneinander. Das Lernen hat keine Grenzen.

zieba_150p*Bernice Zięba ist Mutter von sechs Kindern, Katechetin und Autorin des Buches «Kinder brauchen keine Schule – Das Handbuch für Homeschooling» (erscheint demnächst im Tologo-Verlag). Drei von ihren sechs Kindern geniessen eine Bildung zu Hause, während die zwei ältesten Töchter sich in Bezirksschule und Ausbildung befinden.