Die Gymiprüfung ist eine Castingshow

Ein Gastbeitrag von Patrick Hersiczky*

Jury of DSDS 2014 in Cologne

«Leider nein, die spricht zu leise»: Die Bewertungen an der mündlichen Gymiprüfung könnten auch von der aktuellen DSDS-Jury stammen. Foto: Reuters

Wie oft schon hatte ich als Sekundarlehrer mit Eltern und Schülern Diskussionen über die Vornoten. Sie zählen immerhin zur Hälfte, wenn es darum geht, nach der zweiten Oberstufe ins Gymnasium zu wechseln. Sie gelten bei den Aufnahmeprüfungen als die halbe Miete. Der am vergangenen Donnerstag publizierte Artikel «Der wundersame Sprung der Noten vor der Gymiprüfung» spricht mir deshalb aus dem Herzen: Wer sehr gute Vornoten hat, kann sich an der eigentlichen Prüfung gar den Patzer von mehreren ungenügenden Noten erlauben. Letztlich muss man «nur» den Durchschnitt aus Vornoten und Prüfungsnoten von 4,25 erreichen – und man ist in die von allen so gelobte Mittelschule aufgenommen worden.

Beim Übertritt von der sechsten Klasse ins Gymnasium zählen die Vornoten nach wie vor. Bei der Sekundarstufe allerdings wurden sie nun abgeschafft, was ich sehr begrüssenswert finde. Denn die Regelung mit den Vornoten zum Eintritt ins Gymnasium hatte jahrelang Ähnlichkeit mit der Qualifikationsrunde im Eishockey: Es ging bloss noch darum, einen möglichst guten Platz in den Playoffs zu ergattern. Eishockeyfreunde wissen: Man kann in der Qualifikation fast Letzter werden und dennoch im Playoff-Modus den Titel holen. Der ZSC hat dies einmal eindrücklich bewiesen.

Wer in den schriftlichen Prüfungen den Notenschnitt von 4,25 nicht erreichte, aber immerhin noch knapp über eine 4 hatte, konnte schliesslich an die mündliche Aufnahmeprüfung gehen. Dieses mündliche Aufnahmeverfahren erlebte ich als Experte jedoch immer wieder als Casting: «Ja, der passt doch gut in meine Klasse», meinte etwa die Gymilehrerin, mit welcher ich die Prüfung an der Kantonsschule abgenommen habe. «Mir fehlt noch ein Fussballer.» Oder aber: «Nein, die spricht mir zu leise.»

Ich hatte den Eindruck, ich sei im falschen Film beziehungsweise auf dem falschen Fernsehkanal und müsse die Fäkaliensprache von Dieter Bohlen und seiner Entourage ertragen. Aber nein, es waren nicht die Clips aus der DSDS-Kategorie «Leider nein», sondern es war die offizielle Aufnahmeprüfung an einem Gymnasium. Ich war erstaunt und kurz davor, zu sagen: «Aber hey, der ist ein Blender, hat zwar ein gutes Auftreten, aber keine Ahnung vom Text, den er eben gelesen hat.» Doch weil ich bei der nächsten Staffel wieder dabei sein wollte, habe ich wohl den einen oder anderen durchgewunken. Leider ja.

Dieser Teil des Selektionsverfahrens bleibt auch für Sekundarschüler unverändert, die mündliche Aufnahmeprüfung bei der Gymiprüfung gibt es nach wie vor. Wir Lehrer und Experten können so noch immer ein bisschen Einfluss darauf nehmen, wer Dschungelkönig werden kann und wer nicht. Fraglich ist allerdings, ob ich nach diesem Blog-Posting noch ein Aufgebot als Experte für eine Kantonsschule bekomme. Wer zu sehr aus dem Nähkästchen plaudert, wird nicht mehr «gevotet» – und schnell aus dem Nest von Mama Staat vertrieben.

Hersiczky-Patrick_100x150*Patrick Hersiczky ist Sekundarlehrer und nebenberuflich freier Journalist bei der «Aargauer Zeitung». Er ist Vater zweier Kinder (13 und 15) und lebt in Baden.