Väter wollen wohl etwas Besonderes sein

Ein Papablog von Markus Tschannen*

Rowen Atkinson Photography

Beachtet mich: ein involvierter Vater mit Kind. Foto: Rowen Atkinson, Flickr.

Letzte Woche beschrieb Nils Pickert in seinem Papablog, wie schwer es Väter beim Arztbesuch mit dem Kind haben. Anfeindungen, böse Blicke und Fragen nach der Mutter musste Herr Pickert im Wartezimmer des Orthopäden ertragen. Es war nicht die erste Beschwerde dieser Art, die mir als Leser einschlägiger Literatur zu Augen kam: Landauf, landab beklagen sich bloggende Männer darüber, dass sie mit ihrem Kind in der Öffentlichkeit nicht ernst genommen würden.

wickeltisch

Hätten die Väter von früher gerne mehr gewickelt? Foto: U.S. National Library of Medicine.

So ein Rundumschlag gegen die rückständige Umgebung gibt natürlich einen kernigen Blogbeitrag ab. Mein Problem damit: Ich bin seit neun Monaten Vater und habe nie etwas Derartiges erlebt. Ganz im Gegenteil. Wenn ich mit meinem schielenden Baby das Wartezimmer der Augenärztin betrete, nicken mir die Mitwartenden wohlwollend zu wie eine Herde Wackeldackel. Auch auf der Strasse oder im Supermarkt verspüre ich stets das wärmende Gefühl, von der Gesellschaft als Erziehungsberechtigter akzeptiert zu sein.

Nicht einmal ungebetene Tipps musste ich mir bislang anhören. Einzige Ausnahme sind die ständigen Hinweise, dass mein Baby jetzt Zähne kriegt. Kaum räuspert es sich, springt eine Oma aus dem Gebüsch und kreischt wie von Sinnen: «ES ZAHNT, ES ZAHNT, JESSES, ES ZAHNT!» Doch damit kann ich umgehen, zumal es vielleicht sogar stimmt. Ich kann beim besten Willen nicht am Schrei erkennen, ob dem Baby gerade ein Zahn durchs Fleisch oder ein Furz durchs Gedärm wandert.

Bei den ansonsten ausschliesslich positiven Begegnungen mit Fremden fiel mir schnell eines auf: Man wird als Vater oft von älteren Männern angesprochen. Gerade vorgestern hat mich ein pensionierter Garagist in ein Gespräch über Winterreifen am Kinderwagen verwickelt. Das passiert so oft, dass meine deutlich intelligentere Frau eine Theorie aufgestellt hat: Diese Senioren waren Väter in Zeiten einer klassischen Rollenverteilung. Ihre Gattinnen kümmerten sich um den Nachwuchs, sie arbeiteten und machten Männerkram (rauchen, trinken, Schwarzweissfernsehen schauen). Heute blicken sie bewundernd, anerkennend oder gar etwas sehnsüchtig auf junge Männer, die mit ihren Kindern zum Arzt gehen. Sie wünschten sich, so etwas hätte man damals schon gedurft.

Meine Mutter sagte mir kürzlich, dass mein Vater mich nie gewickelt hat. Wickelnde Männer wären früher nicht üblich gewesen. Ich fühlte mich ob dieser Offenbarung nicht nur alt, sondern empfand auch Mitleid mit meinem Vater. Bestimmt hätte er mir gerne ab und an eine saftige Windel gewechselt und sich in einem Moment gegenseitiger Innigkeit anpieseln lassen.

Deshalb, liebe Mitväter: Statt uns über unerfreuliche Einzelerlebnisse zu grämen, sollten wir die erfreuliche Gesamtsituation sehen. Wir dürfen unsere Vaterrolle selbst gestalten. Wir dürfen das Kind wickeln, mit ihm zum Arzt gehen, es beim Arzt wickeln, und niemand findet es seltsam. Doch vielleicht liegt genau da das Problem. Wir haben ebenfalls eine unerfüllte Sehnsucht in uns: Die Sehnsucht, als involvierte Väter etwas Spezielles zu sein. Fortschrittlicher als alle anderen. Dabei sitzen neben uns im Wartezimmer längst zwei weitere Männer mit ihren Kindern.

Aber wahrscheinlich werfe ich Herrn Pickert zu Unrecht vor, er übertreibe. Bestimmt herrscht beim Orthopäden im Wartezimmer einfach ein viel raueres Klima als bei der Augenärztin.

tschannen*Markus Tschannen lebt mit Frau und Baby wochenweise in Bern und Bochum. Unter dem Pseudonym @souslik nötigt er auf Twitter rund 8000 Follower, an seinem Leben teilzuhaben.