Bereit für den Chindsgi, aber nicht für den Hort

Ein Gastbeitrag von Corinna Hauri*

Mamablog

Im Kindergarten müssen sich Kinder in eine grosse Gruppe einfügen. Foto: Howard County Library System/Flickr

Nun flattern sie in die Haushalte von vielen Familien: die Anmeldeformulare für den Kindergarten. Für viele Eltern ist das ein emotionaler Moment – das Kind wird gross, der Eintritt ins Schulsystem steht bevor. Doch es ist auch ein Moment, der Fragen aufwirft: «Ist mein Kind wirklich schon bereit für den Kindergarten?»

Kann es wirklich schon jeden Morgen vier Stunden von zu Hause weg sein? Sich in eine Gruppe von 20 bis 25 Kindern einfügen? Den Schulweg bewältigen? Viele Eltern können diese Fragen schnell mit Ja beantworten. Doch andere stehen vor einem schwierigen Entscheid. Entweder müssen sie sich diese Fragen zum ersten Mal stellen, weil sie nicht schon bei einem älteren Geschwister Erfahrungen mit dem Kindergarten machen konnten. Oder aber sie fragen sich ernsthaft, ob das Kind schon bereit sei für den Chindsgi – oder ob es noch ein Jahr haben müsste, um reifer zu werden.

Wenn Eltern der Ansicht sind, ihr Kind sei nicht bereit, so können sie versuchen, den Start ins Schulsystem um ein Jahr hinauszuzögern. Im Kanton Bern ist dies ziemlich einfach: Sie teilen der Schule einfach mit, dass ihr Kind erst ein Jahr später kommen werde. Im Kanton Zürich müssen sie ein begründetes Gesuch an die Kreisschulpflege stellen, im Kanton Basel-Stadt ein Rückstellungsgesuch.

Für Eltern, deren Kinder auch ausserhalb der Kindergartenzeit betreut werden sollen, stellt sich aber noch eine weitere Frage: Wie stellen wir diese Betreuung sicher? «Ist mein Kind wirklich schon bereit, in den Hort zu gehen?»

Für viele Kinder ist der Hort ein wunderbarer Ort: Sie lernen zahlreiche Kinder kennen, auch solche aus anderen Klassen, ältere und jüngere als sie selber. Sie haben Spass bei den geführten Aktivitäten oder beim Spielen mit ihren Freunden. Doch in den Hort zu gehen, bedeutet auch: Je nach Wohnort muss das Kind selbstständig nach dem Kindergarten an einen anderen Ort gehen, allenfalls gar Strassen überqueren. Es isst in einer grossen Gruppe zu Mittag. Ein Mittagsschlaf ist nicht vorgesehen. In vielen Horten trifft das Kind auf eine sehr grosse Gruppe von Kindern: Statt 10 bis 15 Kindern, wie die Kindergartennovizen es beispielsweise von Krippe oder Spielgruppe kennen, sind es im Hort plötzlich 50 oder mehr Kinder. Die Zahl der Betreuerinnen ist kleiner als in der Krippe, die Erwartungen an die Selbstständigkeit jedes einzelnen Kindes viel höher.

Dazu kommt: Vielerorts gibt es einen Hort für alle Kinder im Kindergarten- und Primarschulalter. Da sind die noch nicht mal 5-jährigen Kindergartenkinder die Kleinsten, die Grössten sind die Teenager der 6. Klasse. Kinder, die vor nicht allzu langer Zeit noch einen Nuggi hatten, treffen auf Jugendliche mit einem eigenen Smartphone, Kinder, die noch Mühe mit Lauten wie «R» oder «Sch» haben, auf solche, bei denen der Stimmbruch beginnt. Vielerorts wird deswegen versucht, kleinere und grössere Kinder räumlich zu trennen, aber das ist nicht überall möglich.

Und so kann es gut sein, dass Eltern die Frage «Ist mein Kind wirklich schon bereit, in den Kindergarten zu gehen?» mit Ja beantworten, die Frage «Ist mein Kind wirklich schon bereit, in den Hort zu gehen?» jedoch mit Nein. Und so wird aus der Frage der Kindergarten- für manche Eltern plötzlich die Frage der Hortbereitschaft.

Familie  Schüssler | Ennetbaden | 2014 | Familienshooting*Corinna Hauri (40) ist Juristin, Journalistin und Verbandsmanagerin. Sie lebt mit ihrem Mann und den zwei gemeinsamen Kindern (Jg. 2007 und 2010) in Ennetbaden.