Gemischte Gefühle zum Kindergartenstart

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Mami und Papi bleiben aussen vor: Mit dem Start in den Kindergarten betritt das Kind eine neue Welt – alleine. (Foto: Keystone)

Bei einigen von Ihnen war es schon letzte Woche so weit, uns steht der grosse Tag morgen bevor: Unsere Tochter kommt in den Kindergarten.

Wir werden unser Mädchen also zum ersten Mal ganz alleine in die grosse, weite Welt hinausziehen lassen. Zugegeben, ich übertreibe leicht, schliesslich dauert der Kindergartenweg weniger als zehn Minuten und am Mittag wird unsere Grosse jeweils nach Hause zurückkehren. Trotzdem fühlt es sich genau so an. Und dies, obwohl unsere Tochter schon bisher gerne selbstständig unterwegs war und regelmässig ganze Nachmittage bei den Nachbarskindern verbracht hat. Nach draussen auf den Spielplatz habe ich sie aber erst vor einigen Monaten zum ersten Mal ohne erwachsene Begleitung gelassen. Sozusagen als Training. Nicht für sie, sondern für mich selber. Beim ersten Mal stand ich denn auch die ganze Zeit über am offenen Fenster und horchte. Sehen kann ich den Spielplatz von der Wohnung aus nämlich nicht, aber ich hätte so immerhin sofort gehört, wenn etwas passiert wäre und sie mich gebraucht hätte.

Beim zweiten Mal stand das Fenster zwar noch offen, aber ich ging (einigermassen entspannt) meiner Arbeit nach. Und nach ein paar weiteren Trainingseinheiten läuft das Ganze nun so relaxed ab, dass ich sie sogar alleine mit dem Velo rauslasse – was mein Mann übrigens schon wieder des Guten zu viel findet.

Er hat auch mit dem Kindergartenstart mehr Mühe als ich. Nicht bloss deshalb, weil er die Tochter ein Stück weit loslassen muss. Sondern auch wegen einer gewissen Skepsis gegenüber dem modernen Schulsystem, die durch die vielen Negativschlagzeilen noch gefördert wird. Eben erst hat die «SonntagsZeitung» berichtet, dass Kindergartenkinder in immer mehr Kantonen «wie Manager bewertet werden». Die Lehrpersonen müssten für jedes Kind einen Testbogen ausfüllen und so seine Fertigkeiten und Defizite festhalten. Die Kinder würden dadurch in eine Norm gepresst und das Augenmerk schon früh auf etwaige Defizite gerichtet.

Liest man so etwas kurz vor dem Kindergartenstart, ist man zwangsläufig verunsichert. Man hat Angst, das Kind könnte zu sehr unter Druck geraten durch solche Bewertungen. Oder befürchtet, dass die Lehrerinnen dem Kind seine Eigenheiten, die es als Person ausmachen, abtrainieren wollen. Gleichzeitig will man sich diese Ängste natürlich nicht anmerken lassen, weil die Vorfreude des Kindes nicht getrübt werden soll.

Das Ergebnis: Es sind häufig die Eltern und nicht die Kinder, die mit dem Kindergartenstart überfordert sind. Zumindest haben mir letzte Woche gleich mehrere Mütter erzählt, dass sie am ersten Kindergartentag völlig durch den Wind waren, zu Hause heimlich geweint haben und sich dabei fast ein bisschen lächerlich vorgekommen sind. Weil sie doch eigentlich vor hatten, den grossen Schritt zu feiern und die teilweise zurückgewonnene Freiheit zu geniessen, anstatt sich den Sorgen und Ängsten hinzugeben, die mit der grossen Veränderung einhergehen.

Trotz solcher Erzählungen löst der neue Lebensabschnitt bei mir persönlich auch ganz viele positive Gefühle aus. Ich werde unglaublich stolz sein auf meine Tochter, wenn ich sie an ihrem ersten Kindergartenmorgen begleiten und am Mittag wieder abholen und mir dabei ihre ersten Chindsgi-Geschichten anhören darf. Vor allem aber freue ich mich für sie, dass sie nun endlich zu den «Grossen» gehört und jeden Tag losziehen darf, um zusammen mit ihren Gspänli Neues zu lernen und zu entdecken. Und dies schon bald ganz ohne Mama und Papa, was sie bestimmt mit Stolz erfüllen wird.

Und obwohl ich es mir noch überhaupt nicht vorstellen kann, mein Mädchen nur noch so selten zu sehen (so fühlt es sich tatsächlich an), freue ich mich gleichzeitig darauf, Zeit nur mit meinem Sohn zu verbringen. Als Zweitgeborener hatte er nicht oft meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nun regelmässig die Vormittage mit ihm alleine zu verbringen, auch mal etwas nur nach seinem Gusto zu unternehmen, fühlt sich wunderbar an. Dass wir neuerdings an einen strikten Zeitplan gebunden sein werden und pünktlich um 12 Uhr wieder zu Hause sein müssen, ist da gerade noch verkraftbar.

Wie haben Sie als Mutter oder Vater den Kindergartenstart gemeistert? Überwog bei Ihnen Freude oder Sorge? Und haben Sie sich schnell daran gewöhnt, plötzlich in einem so engen Zeitkorsett zu stecken?