Wie sieht Ertrinken aus?

Ein Gastbeitrag von Christa Wüthrich*

Mamablog

«Meist sind Ertrinkende nicht fähig, um Hilfe zu rufen»: Ein Mädchen taucht in einem Freibad unter Wasser. Foto: Frank Augstein (AP)

Nur schnell ein dringendes Mail geschrieben oder kurz die Toilette aufgesucht – und das Kind ertrinkt unterdessen im Schwimmbecken: ein Horrorszenario für alle Eltern. Schreckensgänsehaut auf der dünnhäutigen Mutterseele. Die Faktenorientierten unter ihnen werden sagen: «Selbst schuld, hätte besser aufpassen müssen oder wenigstens mehr Zeitung lesen.»

Jeden Sommer berichten die Medien über Kinder und Erwachsene, die ertrinken. In der Schweiz waren es vergangenes Jahr 52 Menschen, darunter sechs Kinder. Hinzu kommen 270 nicht tödliche Unfälle, deren schwere Folgen für die betroffenen Kinder ein lebenslanges Handicap bedeuten.

Doch wie kommt es so weit? Fehlt es an der Aufmerksamkeit der Eltern, der Schwimmfähigkeit der Opfer oder etwa an der Zivilcourage der potenziellen Retter? Fakt ist: Die meisten Menschen wissen nicht, wie Ertrinken aussieht! Denn es wird meistens nicht wild gestrampelt, geschrien und gefuchtelt, sondern stumm untergegangen. Mario Vittone, Rettungsschwimmer und Rettungshubschrauberpilot der US Coast Guard, hat in einem Artikel in der Onlinezeitschrift «Slate» das Phänomen des Ertrinkens durchleuchtet. Eine Pflichtlektüre für alle Badegäste und Eltern.

«Etwa die Hälfte aller Kinder, die ertrinken, befindet sich in einer Entfernung von nicht mehr als 20 Metern von einem Elternteil», sagt der Arzt Francesco A. Pia. «In 10 Prozent dieser Fälle wird ein Erwachsener sogar zusehen und keine Ahnung davon haben, was da gerade geschieht.» Das, was Menschen tun, um tatsächliches oder vermeintliches Ertrinken zu verhindern, erläutert Mario Vittone wie folgt:

  1. In den meisten Fällen sind ertrinkende Menschen physiologisch nicht dazu fähig, um Hilfe zu rufen. Da das Atmungssystem auf das Atmen ausgelegt ist und die Sprache die zweite, überlagerte Funktion darstellt, muss zunächst die Atmung sichergestellt werden, bevor die Sprachfunktion stattfinden kann.
  2. Da sich der Mund beim Ertrinken unter der Wasseroberfläche befindet und nur kurzzeitig wieder aus dem Wasser auftaucht, ist die Zeit für das Ausatmen, Einatmen und für einen Hilferuf zu kurz. Sobald sich der Mund einer ertrinkenden Person über der Wasseroberfläche befindet, wird schnell ausgeatmet und wieder eingeatmet, bevor der Kopf wieder unter Wasser abtaucht.
  3. Ein Herbeiwinken ist nicht möglich. Die Arme werden instinktiv seitlich ausgestreckt und von oben auf die Wasseroberfläche gedrückt. Diese Schutzfunktion soll den Körper über der Wasseroberfläche halten, um weiter atmen zu können.
 Ein Winken nach Hilfe ist also nicht möglich.
 Wenn Sie sichergehen wollen, fragen Sie die betreffende Person: «Geht es dir gut? Brauchst du Hilfe?» Erhalten Sie eine Antwort, dann scheint es der Person gut zu gehen. Wenn nicht, dann bleiben für die Rettung nur wenige Sekunden übrig.
  4. Während der Dauer des Ertrinkens befindet sich der Körper aufrecht im Wasser. In der Regel können sich Ertrinkende nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor sie untergehen.

Durch den Artikel wird klar: Viel Zeit, um einen Ertrinkenden zu retten, bleibt nicht. Ein Kind kann in 20 Sekunden untergehen und ertrinken. Vittone schliesst seinen Artikel mit einer Empfehlung an alle Eltern ab: «Kinder, die im Wasser spielen, machen Lärm. Sollte es still werden, schauen Sie nach, weshalb.» Nicht in fünf Minuten. Sofort.

Trauriges Thema, ästhetisch umgesetzt: Aufklärungsvideo der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG) über lautloses Ertrinken.

So soll man reagieren, wenn ein Kind am Ertrinken ist. Erste-Hilfe-Tipps des Arbeiter-Samariter-Bunds Österreichs:

Wüthrich*Christa Wüthrich war als Lehrerin, Journalistin und IKRK-Delegierte rund um den Globus unterwegs. Heute arbeitet sie als freie Journalistin für verschiedene Printmedien. Sie ist Mutter zweier Kinder.