«Es werden die falschen Kinder gefördert»

Andrea Lanfranchi

Er macht sich stark für die restlichen 10 bis 20 Prozent: Laut Professor Andrea Lanfranchi kriegen die meisten Kinder automatisch genug Anregungen im Alltag. (Foto: Claudia Link/zvg)

Wann ist frühe Förderung sinnvoll? Kurse in Erziehung für Eltern boomen und die Nachfrage für Förderkurse schon ab Babyalter ist gross. Von Vorkursen für den Kindergarten ist gar schon die Rede.

Ein Mann, der klare Antworten darauf hat, ist Andrea Lanfranchi, Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Der Forscher leitet die erste europäische Langzeitstudie zur Frühförderung von Kleinkindern ab Geburt. Ein Gespräch über Sinn und Unsinn von Förderung im Kleinkind-Alter – und weshalb gesunder Menschenverstand wichtig ist.

Mamablog: Viele Eltern kleiner Kinder stehen unter Druck und haben Angst, etwas zu verpassen. Was raten Sie ihnen?
Andrea Lanfranchi: Als junger Vater hatte ich das auch. Meine Frau und ich sind beide Psychologen. Anfangs haben wir zig Fachbücher gelesen, weil wir unbedingt alles richtig machen wollten. Die Grosseltern hätten uns Sicherheit geben können, sie waren aber weit weg. Zum Glück haben wir uns bald beruhigt (lacht). Denn als Eltern soll man sich von der eigenen Intuition leiten lassen. Gesunder Menschenverstand ist dabei wichtig.

Dennoch machen Sie sich für Frühförderung stark. Welche Kinder brauchen sie denn nun?
Alle. Jedes Kind muss angeregt und gefördert werden. Doch 80 bis 90 Prozent der Kinder erhalten dies automatisch: Die Familie hat viele Kontakte, geht hinaus, lädt Verwandte und Freunde ein und so weiter. Die Kinder bewegen sich im und vor dem Haus. Sie setzen sich aktiv mit ihrer Umgebung auseinander. Kinder, die so aufwachsen, kriegen genug Anregung. Ich mache mich deshalb für die restlichen 10 bis 20 Prozent stark.

Weil Kinder dieser Familien vergessen gehen?
Ja. Die Schere zwischen den sozialen Schichten wird grösser. Und es ist schwierig, die Familien unterer Schichten zu erreichen. Dafür braucht man die nötige Kompetenz.

Welche Defizite haben Kinder solcher Familien?
In vielen Fällen haben sie (noch) keine Defizite und es wird auch keine Probleme geben. Fakt ist aber auch: Einige dieser Kinder sind schon nach 18 Monaten in ihrer Sprachentwicklung und anderen Fähigkeiten wie in der Motorik verzögert. Sie kommen kaum an die frische Luft. Ihre Eltern sind oft liebevoll und unterstützend, aber arm an Ressourcen: Die Eltern sind vielleicht arbeitslos, haben kaum Geld, leben isoliert in einer kleinen Wohnung. Das betrifft oft ausländische Familien, doch auch viele Schweizer.

Was kann man dagegen tun?
Indem man bestehende Angebote wie die Mütterberatung oder Hebammenbesuche optimal nutzt und bei Bedarf ausbaut – und die Fachfrauen zu den betroffenen Familien hingehen. Ein Ziel ist die Vernetzung der Eltern im Quartier. Wo nötig bindet man eine kulturelle Übersetzerin ein.

Das soll bereits helfen?
Ja, das zeigen unsere Studien wie das ZEPPELIN-Projekt. Frühe Förderung in sozial schwachen Familien zeigt Wirkung. Es ist enorm wichtig, dass Kinder aus diesen Familien nicht den Anschluss verlieren. Denn kleine Kinder können ansonsten gewisse Verzögerungen und Defizite in der Schule nicht aufholen, auch mit teuren sonderpädagogischen Massnahmen nicht.

Es sind aber vor allem Eltern dieser Familien, die eine Förderung brauchen – nicht die Kinder.
Genau. Eine gute Frühförderung bedeutet die Stärkung der Eltern. Optimal ist eine Kombination davon und über mehrere Jahre hinweg: Indem Fachleute sowohl mit den Eltern als auch den Kindern arbeiten.

Sie plädieren deshalb für eine breitere Unterstützung solcher Förderprogramme. Doch gibt es davon nicht schon genug? Programme zur Frühförderung schiessen derzeit wie Pilze aus dem Boden.
Das ist es ja genau. Es gibt ein Zuviel und ein Zuwenig. Denn es werden oft die falschen Kinder gefördert.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Finanzierungen der öffentlichen Hand wie etwa Subventionen für Krippen, Hort-Betreuung oder Elternkurse gehen zwar an alle Kinder. Die Einrichtungen werden aber hauptsächlich von Familien benutzt, die gut situiert sind. Oft bleiben arme Familien auf der Strecke. Sie finden keine Krippenplätze – Orte, an denen Kinder mit anderen Kindern zusammenkommen und lernen –, weil die Krippen oftmals lieber Kinder voll zahlender Eltern aufnehmen, als solche, die nur einen Minimaltarif zahlen.

Gibt es Länder, die in diesem Bereich vorbildlicher sind?
Ja. Doch gute Beispiele gibt es bereits im eigenen Land: Im Tessin gehen 60 Prozent der Kinder mit drei bereits in den Kindergarten. Mit vier Jahren sind es schon fast alle. Vor allem Migranten schicken ihre Kinder früh, damit diese für die Schule vorbereitet sind. Alle Kinder gehen mit sechs in die Schule und fast alle reden Italienisch. Das ist toll. Dennoch: Im internationalen Vergleich mit 23 OECD-Ländern ist die Situation für die Schweiz ernüchternd: Wir befinden uns punkto öffentliche Ausgaben für Bildung und Betreuung im frühen Kindesalter auf Platz 21 – also auf dem drittletzten Rang. Norwegen investiert dreimal mehr, Dänemark fast sechsmal mehr.

Was ist der Grund dafür?
Es gibt verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass vor allem in der Deutschschweiz folgende Meinung vorherrscht: Kinder soll man Kinder sein lassen, und der «Ernst des Lebens» kommt mit der Schule früh genug. Das mag für die meisten Familien mit gutem Nährboden in Form von vielen Anregungen im Alltag stimmen, doch es ist schlecht für Familien in Notlagen. Soll man da warten, bis die Probleme nicht mehr lösbar sind? Das ist nicht im Interesse der Kinder und auch nicht der ganzen Gesellschaft.


Andrea Lanfranchi ist Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Er leitet die Nationafondsstudie ZEPPELIN.

ZEPPELIN ist ein Projekt für Eltern mit kleinen Kindern in Zürcher Gemeinden. Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH) führt es durch in Kooperation mit der Bildungsdirektion Zürich (AJB) und den Kinder- und Jugendhilfezentren (kjz). Es soll Eltern mit sozialen Belastungen bei der Pflege und Erziehung ihres Kindes anhand des Frühförderprogramms «PAT –Mit Eltern Lernen» unterstützen. Ziel ist die gesunde Entwicklung des Kindes zu fördern und eine optimale Vorbereitung für den Kindergarten und die Schule zu erreichen.