Ein freiwilliges Burn-out

Ein Gastblog von Claudia Marinka*

mamablog

Alle Hände voll zu tun: Der Alltag einer Mutter. (Keystone, Gaetan Bally)

Ich habe heute für für den 500 Meter langen Weg zum Einkaufen gefühlte zwei Stunden gebraucht. Mit einem knapp Zweijährigen auf dem Laufrad und einer Dreijährigen an der Hand. Während dieser gefühlten Ewigkeit hat mein Sohn gefühlte 1000 Mal wahlweise gequengelt, sich theatralisch auf den Boden geschmissen oder sich an mein Bein gekrallt. Dort ist er dann auch stoisch hängen geblieben. Während dieser beeindruckenden Performance versuchte meine Tochter wahlweise in den Buggy zu steigen, ihm sein Laufrad zu stehlen oder mich mit Aussagen wie «Äs isch streng, so lang zlaufe» lahmzulegen. Ja, ich habe sie zwischenzeitlich getragen. Shame on me! Erziehungs-Fauxpax hin- oder her, ich hatte genug. Mein Nervenkostüm war ausgereizt. Und das war bloss der Hinweg.

Abends, nachdem ich meine beiden Kinder zur gewohnten Zeit ins Bett gesteckt hatte, dachte ich wehmütig an alle Berufstätigen, die jetzt ein wohlverdientes Feierabendbier genossen – irgendwo da draussen, bei lauschigem Frühlingswetter. Und ich fragte mich: Wo bleibt mein Feierabendbier in lustiger Runde, nach getaner Arbeit? Mein Mann war an diesem Abend leider nicht abkömmlich. Er frönte mit Freunden dem Feierabendbier. Natürlich hätte ich mich alleine (für Einladungen reichte die Zeit leider nicht mehr) auf dem Balkon betrinken können. Doch das wäre dann doch ein wenig stillos gewesen, weil ja zwei schlafende Kleinkinder nebenan liegen. Irgendwie. Andererseits: Who cares? Ich habe mich dann mit einem Glas Rotwein begnügt – und frühem Zubettgehen. Huah!

Ich darf hinzufügen, dass ich Teilzeit arbeite. Manchmal auch in einem Büro mit Menschen um mich herum. Mehrheitlich bin ich aber Vollzeitmutter. Und das ist wohl der härteste Job aller Zeiten. Zu dieser Einsicht bin ich eher spät gekommen, ehrlich gesagt erst, seitdem ich eigene Kinder habe. Davor gehörte ich zu der Gattung Karrierefrauen, die ein müdes Lächeln für die Strapazen einer Mutter übrig hatte. Erst recht, wenn diese noch mehr Vollzeitmutter als Teilzeitarbeitende war. Hey, dachte ich mir, was beklagt die sich nur! Bei schönem Wetter auf dem Spielplatz hängen, mit befreundeten Müttern daheim Kaffee und Kuchen mampfen oder mit den Kleinen dem Mittagsschlaf frönen!

Natürlich hatte ich damals keine Ahnung davon, dass Kinder Mittagsschlaf vorwiegend in den ersten Lebensmonaten und danach partiell in den frühen Lebensjahren tätigen. Ich hatte auch keine Ahnung davon, dass die besagte Zeit ebenso Zeit für Hausarbeit oder bezahlte Daheimarbeit ist. Ach, ich war naiv, voreingenommen und überheblich. Dafür möchte ich mich auf diesem Wege in aller Form bei allen Müttern entschuldigen. Die Ergebnisse einer Recherche in meiner kinderlosen Zeit, wonach ein beträchtlicher Anteil an Burn-out-Patienten Hausfrauen sind, entlockte mir ein mitleidiges «Aha» (Hausmänner waren da eher seltene Patienten, gibt es aber wohl auch). Es ging mir einfach nicht in den Kopf. Wie kann das sein – Burn-out bei Hausfrauen, dass ich nicht lache! Jetzt lache ich nicht mehr – also schon, aber nicht darüber.

Die Wahrheit ist ganz einfach: Der Bürojob ist im Vergleich zu Kindererziehung und Haushaltsführung ein Wellnessjob. Damit möchte ich wiederum keineswegs den Bürojob schmälern. Auch bin ich ganz freiwillig da wo ich bin – und auch noch glücklich dazu. Aber eines ist klar: Mir soll kein Büroangestellter was von «fremdbestimmt» und «nervenaufreibend» erzählen. Dies ist hochoffiziell Müttern und Vätern vorbehalten.

marinka* Claudia Marinka arbeitet als freie Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen und hat bei verschiedenen Medien in den Ressorts Nachrichten, Gesellschaft und People gearbeitet. Die zweifache Mutter lebt mit Tochter, Sohn und Mann in der Nähe von Zürich.