Streber-Eltern nerven

Elternmithilfe wird von den Schulen ausdrücklich erwünscht. Im heutigen Mamablog geht es darum, wie weit diese Hilfe manchmal geht und wie ungleich die Unterstützung ist, die die verschiedenen Eltern anbieten können. Themenwoche Schule, Teil 4.

Eltern helfen ihren Kindern bei den Aufgaben. (Flickr/maclean)

Eltern müssen ihre Kinder unterstützen: Gemeinsames Aufgabenlösen. (Flickr/maclean)

Linda ist mal wieder in Eile. Sie keucht, sie habe so viel zu tun. Sie müsse eine Buchbesprechung schreiben, den Vortrag über die alten Ägypter fertigstellen, einen Aufsatz über die Stradivari-Geige abgeben und mit ihrem Zehnjährigen für die Mensch-und-Umwelt-Prüfung lernen. Ich schaue sie an und sage: «Du sagst ich und meinst auch ich, ja?»

Ein verschwörerischer Blick, ein Nicken – und sie erwidert: «Ja, leider. Aber das machen alle Eltern. Würde ich es nicht auch tun, hätten meine Kinder keine Chance.» Linda hat vier Söhne im Alter zwischen zehn und sechzehn Jahren. Sie ist geschieden, und sie unterstützt ihre Sprösslinge bei den Schularbeiten, wann immer es geht. Für die Aufsätze, Vorträge und Buchbesprechungen, die sie als Ghostwriterin für die Kinder schreibt, erhält sie jeweils mindestens eine Fünf.

Früher nannte ich Linda manchmal belustigt Tiger-Mom – und ärgerte mich etwas über sie. Bis vor einem Jahr, als auch mein Sohn als Hausaufgabe eine Buchbesprechung verfassen sollte und ein paar Tage später enttäuscht von der Schule nach Hause kam. Er hatte für die Arbeit eine Vier erhalten – seine schlechteste Schulnote bis anhin. Er und vier, fünf andere Kinder hätten es nicht gut gemacht, jammerte er. Der Rest der Klasse würde jubeln, die meisten hätten eine Sechs. Ich konnte es kaum glauben. Doch ich begann zu verstehen. Die Tigerin erwachte in mir.

Ich schrieb dem Lehrer eine Mail. Dass ich es toll fände, wie die Kinder lernten, Texte zu verfassen. Ich jedoch nicht sicher sei, wie weit die Eltern mithelfen dürften oder sollten. Die Antwort kam sofort: Es tue ihm leid, dass es offenbar nicht klar gewesen sei – doch bei Arbeiten, die zu Hause erledigt werden, sei die Hilfe der Eltern «klar erwünscht». Sie sollten ihre Kinder bei anspruchsvollen Aufgaben unterstützen. Sei die Mithilfe der Eltern mal ausnahmsweise nicht erwünscht, würde der Lehrer dies vorher mitteilen.

Ich war baff. Demnach sind Elterneinsätze wie jene von Linda total «legal» und normal. Lehrer verlangen die Mitarbeit der Mütter und Väter geradezu – offenbar im Glauben, die Eltern unterstützten sie in ihrer pädagogischen Arbeit. Ein schöner Gedanke eigentlich, denn es ist natürlich so, dass es für das Schulkind optimal ist, wenn Eltern und Lehrer am selben Strick ziehen.

Doch so funktioniert das meiner Meinung nach nicht. Sobald Eltern wissen, dass die Aufgabe benotet wird, helfen sie ihrem Kind oft mehr, als sie sollten. Sie werden überaus ehrgeizig, denn sie wollen für den Sohn oder die Tochter ja nur das Beste. Das Kind soll eine prima Ausgangslage haben, wenn es darum geht, in die Sek A oder ins Gymnasium zu gelangen. Also korrigieren und redigieren die Eltern den Aufsatz oder Vortrag ihres Kindes so lange, bis jeder Satz sitzt. Oder sie schreiben ihn von vorne bis hinten gleich selber. Das ist absolut ärgerlich.

Natürlich habe auch ich damit begonnen, meinen Sohn bei Hausaufgaben zu unterstützen, die der Lehrer danach benotet. Wie stark ich ihm helfen soll, finde ich allerdings schwer abzuschätzen. Es ist jedes Mal eine Gratwanderung zwischen Ehrlichkeit und Ehrgeiz. Zwischen entspannter Mutter und verkrampfter Mutter.

Die Verlierer sind dabei jene Kinder, die keine Erwachsenen in ihrem Umfeld haben, welche ihnen helfen können. Weil sie die Sprache nicht beherrschen, keine Zeit dafür haben oder weshalb auch immer. Diese Kinder haben nicht dieselbe Ausgangslage, von Anfang an. Sie bleiben auf der Strecke.

Elternmitarbeit in Ehren, doch hier ist sie fehl am Platz. Sie ist kontraproduktiv, denn sie verunmöglicht eine faire Benotung und verwässert die persönliche Leistung des Kindes. Schulnoten sollten deshalb nur für Arbeiten vergeben werden, die Schüler im Klassenzimmer schreiben. Oder wie sehen Sie das?