Zwei Frauen und ihr Baby: Endlich Mami!

Liebe Leserinnen und Leser, heute können Sie den Blog für einmal nicht kommentieren. Sollten Sie den beiden Müttern zu ihrem Baby beglückwünschen wollen, so schicken Sie der Autorin eine Mail (franziska.kohler@tagesanzeiger.ch). Sie leitet diese dem Paar gerne weiter. Die Redaktion.

Carte Blanche: Letzter Teil der Serie «Zwei Frauen und ihr Baby» von Franziska Kohler*.

Die beiden Mamis und ihr Baby

Eine glückliche Familie: Tanja und Sarah mit der vier Monate alten Noée (Foto Franziska Kohler)

Als Noée geboren wurde, war es noch dunkel in Zürich. Sie kam an einem Montag im März zur Welt, um 4 Uhr in der Früh. Sieben Stunden lang war Tanja in den Wehen gelegen, in den Spitalgängen auf und ab gewandert, hatte sich in die Badewanne gesetzt, war wieder hinaus gestiegen, hatte versucht, TV zu schauen, bis sie sich auf nichts anderes mehr als den Schmerz konzentrieren konnte. Am Schluss bekam sie eine PDA, und dann ging alles ganz schnell.

«Möchten Sie Ihr Baby halten?», fragte die Hebamme Tanja, die neugeborene Noée auf dem Arm. «Nein», sagte Tanja. «Sarah soll sie als erste haben.» Es war eine spontane Entscheidung: «Ich hatte unsere Tochter neun Monate lang in mir getragen, nun wollte ich, dass Sarah sie kennenlernt». Sarah, Tanjas Frau, war während der Geburt dabei gewesen, hatte die Nabelschnur durchgeschnitten. Und so war Sarah die erste der beiden Mütter, die Noée im Arm hielt, eine Stunde lang. «Ein überwältigendes Gefühl», sagt sie.

Etwas mehr als drei Monate sind seither vergangen. Wir sitzen in einem Restaurant mitten in Zürich, auf der Terrasse, die Sonne scheint. Noée liegt neben uns im Kinderwagen und schläft. Sie ist Tanja wie aus dem Gesicht geschnitten, hat dieselben Augen und dieselbe kleine Nase. Das sei wohl mit ein Grund, warum sie nicht oft an den Samenspender aus Dänemark denke, wenn sie Noée anschaue, sagt Sarah, «nicht mehr».

Denn kurz nach Noées Geburt machte sie sich Gedanken. «Ich schaute dieses Baby an und dachte: Meinetwegen kennt es seinen Vater nicht.» Tanja beruhigte sie, erinnerte sie daran, dass es Noée mit Vater gar nicht geben würde, nicht geben könnte. Denn sie sei schliesslich nur zur Welt gekommen, weil sie beide sich für diesen Weg entschieden hätten.

Jetzt ist Sarah also Mutter, ohne je schwanger gewesen zu sein. Auch wenn sie mit Noée biologisch nicht verwandt ist, hat sie in ihr von Anfang an ihre Tochter gesehen. Nach der Geburt durfte sie drei Tage freinehmen, wie es sonst bei Vätern üblich ist, ihr Chef war da unkompliziert. Danach arbeitete Sarah normal weiter, nur sechzig Prozent zwar, «aber trotzdem genug, um Noée manchmal zu vermissen. Wenn ich mal erst um 8 Uhr abends nach Hause komme und sie schon schläft, ist das hart.»

Die beiden versuchen, sich die Aufgaben zu teilen, so gut es geht. Tanja stillt noch, pumpt aber seit der zweiten Woche Milch ab. Um flexibler zu sein und auch, damit Sarah das Baby ab und zu füttern kann. Dass sie Noée nicht selbst stillt, macht Sarah nichts aus, «ich habe keinen Futtergebe-Neid». Sie baut auf andere Weise Nähe zu ihrer Tochter auf: Indem sie die Kleine allein zu sich ins Bett nimmt, mit ihr spielt oder sie eben füttert.

Die Verbindung zwischen Tanja und Noée ist im Moment noch stärker, das spürt Sarah. «Tanja erkennt schneller, warum die Kleine weint, kann sie besser beruhigen – das nervte mich am Anfang.» Aber Tanja verbringe schliesslich auch mehr Zeit mit dem Baby. Noch bis im August ist sie im Mutterschaftsurlaub, dann geht sie wieder arbeiten. Eineinhalb Tage pro Woche, für den Anfang.

Als die beiden zum ersten Mal einen Tag ohne Noée verbrachten, war es dennoch Sarah, die weinte. «Wir sassen im Tram, auf dem Weg zu einer Feier mit Freunden, und mir liefen die Tränen herunter, weil ich die Kleine schon vermisste.» Gleichzeitig war dieser Tag wie ein Befreiungsschlag für ihre Beziehung. «Im ersten Monat drehte sich alles nur noch ums Baby: Schläft es, trinkt es, macht es in die Windeln? Zuerst kam das Kind, dann ich und mein Schlaf, dann wir als Paar», sagt Tanja. «Wir hatten Angst, uns zu verlieren.» Um wieder mehr Zeit zu zweit zu haben, geben sie Noée jetzt hin und wieder ab, gehen allein weg, unterhalten sich über andere Dinge.

«Vater: unbekannt», steht in Noées Geburtsurkunde. Die Behörden könnten deshalb versuchen, die Vaterschaft abzuklären und dem Kind einen Beistand zur Seite stellen. Der würde dann einmal pro Jahr bei der Familie vorbeischauen und abklären, ob es in guten Händen ist. Darauf haben sie im Fall von Noée verzichtet, weil der Vater ganz offensichtlich nicht zu ermitteln ist. Und auch, weil Sarah und Tanja miteinander einen Vertrag aufgesetzt haben, in dem sie sich dazu verpflichten, gemeinsam für die Kleine zu sorgen und finanziell für sie aufzukommen, auch wenn sie sich eines Tages trennen sollten.

Mami Sarah und Mami Tanja, so soll Noée ihre Mütter nennen, sobald sie sprechen kann. Und sie soll nicht lange allein bleiben. Zwei Kinder wollen die beiden noch bekommen: Eines von Tanja, eines von Sarah.

Noée habe ihr Leben entschleunigt, Ruhe in den Alltag gebracht, sagt Tanja. Allein in die Stadt zu gehen, ohne Sarah und das Baby, fühle sich manchmal eigenartig an, «weil die Leute dann doch gar nicht merken, dass ich jetzt eine Familie habe. Ich sehe immer noch gleich aus, obwohl alles anders geworden ist.» Sind alle drei zusammen unterwegs, werden sie oft in Gespräche verwickelt. «Ah, wer ist denn hier das Mami?» Beide, sagen sie dann. Nach dem Vater habe danach noch nie jemand gefragt.

Sarah (27) und Tanja (29) leben in Zürich, sind seit fünf Jahren ein Paar und seit September 2012 verheiratet. Im März bekamen sie ihr erstes Kind. Der Mamablog begleitete sie während der Schwangerschaft und berichtete in regelmässigen Abständen über ihr Leben, ihre Liebe und ihren Alltag.

Franziska100x100*Franziska Kohler ist Nachrichten-Reporterin bei Tagesanzeiger.ch.

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