«Sprich nicht über den Krieg»

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Häuser an der Europa-Allee in Osijek, die bis heute nicht renoviert wurden, weil es einfach am Geld fehlt. (Foto: Andrea Fischer)

Vor uns Nebel. Und leere Felder. Sonst nichts, nur eine Tafel, die behauptet, dass wir gleich in Osijek sind, der ehemaligen Jugendstil-Perle Kroatiens. Dann tauchen doch noch die obligaten Lidels auf und das Multiplex Kino, die Boten jeder europäischen Stadt. Osijek existiert.

Wie werden heute zwei Mütter treffen, die in dieser Hundertausendseelen-Stadt mit der bewegten Vergangenheit aufwachsen sind, den Krieg von 1991 durchgestanden haben und mit den Narben leben, welche er in die Fassaden und den Alltag geschlagen hat.

Wir sind neugierig und auch etwas nervös. Der Kontakt zu den beiden Frauen wurde mir über Freunde in der Schweiz vermittelt, einer von ihnen stammt selbst aus dem ehemaligen Jugoslawien und hat mich gewarnt: «Sprich nicht über den Krieg, das mögen die Leute nicht.» Ich muss an Fawlty Towers denken. Don’t mention the war.

Doch als uns Tatjana, eine Fotografin, abholt und wir uns alle erst mal herzlich umarmen, als kennten wir uns schon ewig, ist die Nervosität weg. Und sie wird auch nicht wieder kommen. Die kleine zierliche Frau, die ständig lacht, zeigt uns ihre Stadt, die vor Historie nur so strotzt.

Und schon bald ist es Tatjana selbst, die uns auf die Schusslöcher im abgeplatzten Putz der Prunkbauten hinweist, die uns erzählt, dass der Krieg alles verändert hat und dass die Kinder – auch ihre zwölfjährige Tochter – längst nichts mehr hören mögen aus jener düsteren Zeit, die noch heute das Leben hier bestimmt. Immer wieder entschuldigt sich Tatjana dafür, dass der Himmel so grau ist, der Regen so heftig und die Uferpromenade um diese Jahreszeit noch so leer.

Früher hätten sie hier wunderbar gelebt, erzählt sie uns und heftige Empörung dringt in ihr Lachen. Empörung über die Kriegsgewinnler, welche die verbliebenen Fabriken gekauft haben, zu Spottpreisen, und sie verscherbelt haben. «Während fast alle Jobs weg waren, sind sie reich geworden», sagte sie. Und ob der EU-Beitritt im Juli daran viel ändern wird, bezweifelt sie.

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An vielen Fassaden sind die Einschusslöcher noch zu sehen. (Foto: Andrea Fischer)

In einem Club in der Altstadt treffen wir noch ihre Freundin Slavica, deren elfjährigen Sohn Ivan und ihren Mann Saša. Slavica hat im Moment ein ernstes Problem mit ihrem Fuss. Wegen der Schwellung trägt sie die Schuhe ihres Mannes, die einzigen, die im Moment passen. Gut, dass hier wenigstens die medizinische Versorgung kostenlos ist, sagt sie.

Von der Gesundheit kommen wir Frauen rasch auf unsere Familien zu sprechen. Warum Tatjana und Slavica nur je ein Kind haben, traue ich mich nicht zu fragen. Es scheint unpassend in Anbetracht der Tatsache, dass die meisten hier mit rund 1000 bis 1250 Franken pro Monat leben.

Umso auffallender ist die unaufgeregte, heitere Grosszügigkeit, mit der wir überall empfangen werden. Ich begreife, dass Tatjana und Slavica hier bleiben wollen, allen wirtschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz. «Hier sind unsere Familien. Man hilft sich gegenseitig. Das ist das Wichtigste für uns.»

Einmal, nach dem Krieg, hat Slavica dennoch versucht, in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. «Doch dort war ich nur die Ausländerin und als ich heimkam, war ich die Fremde. Das wollte ich nicht. Darum bin ich zurückgekehrt.»

Seither lebt sie hier und pflegt ihre zweite Leidenschaft nebst Mann und Kind: das Schreiben. Sie übersetzt Texte aus dem Russischen und Englischen ins Kroatische und schreibt Gedichte. Und sie erzählt mir von dem Roman, an dem sie seit vielen Jahren schreibt. «Darin ist alles, was ich erlebe, träume und was ich mit meiner Fantasie daraus mache. Was noch alles passiert, weiss ich nicht, aber den Schluss kenne ich schon.»

Auch Tatjana hat ihre eigenen Wege gefunden, mit wenig Geld, viel zu erleben. Sie arbeitet als Freiwillige und ist mit ihrem Mann zusammen Teil der lokalen Velo-Community, die zum Dunstkreis der legendären Osijeker Grafiker-Combo Lega-Lega gehört, für welche die Ehemänner der beiden Frauen arbeiten.

Überhaupt scheinen Kreativität und Kultur eine ganz wichtige Rolle zu spielen in dieser kleinen, stolzen Stadt zwischen Serbien, Bosnien-Herzegowina und Ungarn. Tatjanas Tochter Vivan und Slavicas Sohn Ivan besuchen beide die Musik-Primarschule «Franjo Kuhač», die weit über Osijek hinaus bekannt ist. Wenn alles klappt und sie begabt genug sind, werden sie auch in die zugehörige High-School aufgenommen werden.

Vivians Chor wurde der letzthin sogar in die Cargeniehall eingeladen. Mitfahren konnte sie leider nicht. Dafür war die Reise viel zu teuer. Tatjana zuckt mit den Schultern und lacht.

Mehr zu Osijek, den Menschen hier und Lega-Lega gibt es auf www.eriwan.ch, wie auch täglich weitere Geschichten zwischen Zürich und Eriwan.

7 Kommentare zu ««Sprich nicht über den Krieg»»

  • Ueli Fankhauser sagt:

    Ich finde den Beitrag oberflächlich, eine Art Zusammenschnitt der 20-Minuten-Schlagzeilen. Es scheint als ob die Bloggerin es nicht geschafft hat, irgendwas anderes zu entdecken, als das sie schon kannte, dies gesucht und nun natürlich bestätigt gekriegt hat. Zugegebenermassen war ich noch nie in Slawonien, ich weiss aber, dass es dort mehr gibt, als nur Einschusslöcher in den Gebäuden und ethnische Spannungen. So eine Reise wäre grad um das zu erkennen sinnvoll und darüber zu schreiben eine journalistische Herausforderungen. So bleibt es leider flach und einfallslos.

  • Christian Duerig sagt:

    Dieser Beitrag ist sehr oberflächlich. Weshalb schaffen es diese Länder nicht, Serien zu produzieren wie BBC oder PBS ? Schauen Sie bei „Call The Midwife“ rein und Sie sehen dem Leben ins Gesicht.

  • Joachim Adamek sagt:

    Schade, dass man heute kaum noch über Osijek und Vukovar in der “europäischen” Presse schreibt. Um so größer meine Hochachtung für Frau Fischer. Wer die Herzlichkeit der Menschen dort kennt und wie sie ihr Leben trotz erdrückender ökonomischer Probleme zu meistern versuchen, kann vor ihnen in der Tat nur den Hut ziehen. Die Leute dort fühlen sich oftmals nicht zu Unrecht von der internationalen Gemeinschaft ein wenig vergessen. Regelmässige Reportagen wären schon hilfreich. Kaum einer weiss beispielsweise, dass Osijek (bis zu den Sezzionskriegen) eine Perle des österreichischen Barock war.

  • Heiner Müller sagt:

    „Nichts mehr hören mögen aus dem Krieg“ ist verständlich. Und es ist gefährlich. Man muss den Leuten die Erinnerung an den Krieg aufzwingen, damit wenigstens eine Chance besteht, dass sie nicht die gleichen Fehler nochmals machen.

    • gabi sagt:

      Da geb ich Ihnen Recht.

      Allerdings wird das in dieser Region gleich noch zusätlich erschwert, weil dann eben auch alles über das Unrecht (und die vielen, vielen Kriege) zuvor hoch käme. Was es längst hätte müssen!

      Der Völker-Flickenteppich da unten ist noch viel bunter als sich das der Durchschnittsmitteleuropäer vorstellt (wussten Sie z.B., dass es selbst Dörfer mit slowakischen Bewohnern unterhalb der Drau gibt? ).

      Während in Jugoslawien das Partisanentum gegen den Faschismus als einigender Mythos bis zur Lächerlichkeit zelebriert wurde

      • gabi sagt:

        (jeder Ungeborene schien im Krieg schon Partisan gewesen zu sein), haben sich dennoch genau jene Vorstellungen von „reinem Blut“ und undurchlässigen Gruppen – wir gegen die – gehalten, die so ziemlich genau den Vorstellungen des schnauzelbärtigen Irren entsprach, den man zu bekämpfen vorgab – oder als Ustascha sowieso für das Nonplusultra der Welterklärungen hielt… Worüber unter Tito aber selbstverständlich erst recht nicht gesprochen wurden durfte.

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