Die Anorexie wird männlich

Starb mit 38 Jahren an Magersucht: Model Jeremy Gillitzer. (Screenshot: Youtube)

Starb mit 38 Jahren an Magersucht: Model Jeremy Gillitzer. (Screenshot: Youtube)

Wie dünn ist zu dünn? Eine Frage, bei der die meisten automatisch an essgestörte Frauen und Mädchen denken. Letzte Woche aber war es ein Mann, der im Zentrum der Diskussion ums (un)gesunde Gewicht stand: Ein Model, das für Yves St.Laurent über den Laufsteg marschierte. Mode-Bloggerin Poppy Dinsey sass im Publikum und war geschockt ab dem Anblick des ausgemergelten jungen Mannes. Sie teilte ihr Entsetzen via Twitter mit der Welt und auf dem sozialen Netzwerk entbrannte im Nu eine Kontroverse, die schliesslich auch in die gedruckten Medien überschwappte.

Wäre das Model eine Frau gewesen, wäre vermutlich nichts passiert. An den Anblick weiblicher Magermodels hat sich die Gesellschaft gewöhnt, an die Geschichten magersüchtiger Mädchen ebenso. Mit der traurigen Realität abgefunden haben wir uns hingegen zum Glück noch nicht. So gibt es immer wieder Versuche, die Modeindustrie auf ein Mindestalter und Mindestmasse für Models zu verpflichten. Und in den Schulen werden Essstörungen thematisiert, damit nicht noch mehr Mädchen sich fast zu Tode hungern. Jawohl, Mädchen. Denn dass immer häufiger auch normale, nicht modelnde Jungs einen übertriebenen, bisweilen krankhaften Körperkult betreiben, wird ignoriert. Und dies, obwohl das Ganze keineswegs versteckt geschieht.

So hat mir der vierzehnjährige Sohn eines Freundes vor  einer Weile beim Apéro erklärt, dass er ganz sicher keine Chips esse, die seien erstens zu fettig und hätten zweitens zuviele Kalorien. Ich dachte erst, er mache Witze. Der Junge war schon immer schlank, und wenn man sich seinen Vater ansieht, wird sich daran vermutlich auch in Zukunft nichts ändern. «Du musst aber doch nicht abnehmen», entgegnete ich, und er sagte, dass das zwar stimme, «aber ich will eben auch nicht fett werden». Als mir sein Vater dann noch kopfschüttelnd erzählte, dass der Junge seit Neustem stets eine Kalorientabelle bei sich trage und der Sohn mir diese auch gleich stolz vor die Nase hielt, wähnte ich mich endgültig im falschen Film.

Nicht nur deshalb, weil auch ich bei der Kombination Teenie und Diät bis zu jenem Tag zugegebenermassen als Erstes an ein Mädchen dachte. Mich irritierte auch sein offener Umgang mit dem Thema. Als ich noch ein Teenager war, teilte man es höchstens der besten Freundin mit, wenn man eine Diät machte. Schliesslich sollte niemand merken, dass man mit seinem Körper unzufrieden war. Und ich mag mich an niemanden erinnern, der prophylaktisch hungerte, um bloss nicht dick zu werden – und dies auch noch öffentlich kundtat.

Nun mag man einwerfen, dass es positiv ist, dass heute so offen mit dem Thema Abspecken umgegangen wird. Das wäre es eigentlich auch, wenn es denn tatsächlich ums Abspecken, also ums Loswerden einiger überflüssiger Pfunde ginge. Doch das Ziel ist für die meisten längst nicht mehr eine gesunde, schlanke Figur, es scheint vielmehr ein Wettbewerb um den kleinsten Hintern, die dünnsten Beine, das definierteste Sixpack entstanden zu sein.

Denn gerade weil die Jugendlichen heute so selbstverständlich über ihre Diäten, Krafttrainingseinheiten und ihr Gewicht reden, gilt das ständige Kreisen der Gedanken um Kalorien und Körpermasse nicht mehr als Ausnahme, sondern als Norm. Wer etwas auf sich hält, hält beim Essen Mass. Und das gilt für Mädchen wie für Jungs. Zur Veranschaulichung: Laut einem Artikel auf ElternClub Schweiz haben 37 Prozent der 15- bis 20-Jährigen schon einmal eine Diät gemacht. Ein Viertel der Schweizer Schüler hat ein problematisches Essverhalten; über die Hälfte der weiblichen und knapp 30 Prozent der männlichen Jugendlichen finden sich zu dick.

Und die Jungs dürften weiter aufholen. Schliesslich werden auch die männlichen Idole heute mehr denn je über ihr Aussehen definiert, beziehungsweise das Aussehen alleine reicht schon, um die berühmten 15 Minuten Ruhm zu erreichen. Kein Wunder also, geraten auch die jungen Männer immer stärker unter Druck, ihren Körper einem unrealistischen Idealmass anzupassen.

Höchste Zeit, dass wir Erwachsenen uns dessen bewusst werden. Denn solange die «Manorexia», die männliche Anorexie also, in unserem Weltbild nicht existiert, nehmen wir sie nicht wahr. Und lassen die Jungs, die vom Diätwahn in die Essstörung abrutschen, mit ihrem lebensbedrohlichen Problem alleine.