An Papas Rockzipfel

Gemeinsam gegen Vorurteile: Nils Pickert und sein Sohn. (Bild: Nils Pickert)

Gemeinsam gegen Vorurteile: Nils Pickert und sein Sohn. (Bild: Nils Pickert)

Doch, Sie sehen richtig. Das sind Vater und Sohn, die da in Rock und Kleid durch die Strassen spazieren. Es ist nicht etwa Fasnacht und sie haben auch keine Wette verloren, sondern es ist beiden absolut ernst damit.

Nils Pickert, der Papa im Mama-Outfit, hat angefangen Röcke zu tragen, um seinen Sohn zu unterstützen. Der Kleine entdeckte nämlich schon früh seine Vorliebe für Mädchenkleider. Anstatt ihm diese auszureden oder ihn zumindest für den Gang in die Öffentlichkeit in Jungsklamotten zu stecken, liessen ihn seine Eltern gewähren. Doch wie das so ist, wenn jemand aus der Norm fällt, sorgte der kleine Mann in seinem roten Kleidchen immer wieder für Aufsehen und wurde von den anderen Kindern ausgelacht und gehänselt. So sehr, dass er sich zwischenzeitlich nicht mehr traute, im Rock oder Kleid aus dem Haus zu gehen. Da sei ihm «nach reiflicher Überlegung nur eine Möglichkeit geblieben», schreibt Pickert in der «Emma», nämlich «die Schultern für meinen kleinen Kerl breit zu machen und mir selbst einen Rock anzuziehen». Wer ein Problem damit habe, dass ein Mann Frauenkleider trage, könne sich fortan mit ihm anlegen, anstatt auf seinen Sohn loszugehen, so seine Überlegung.

Dass in der Tat viele Leute das Ganze zumindest sehr ungewöhnlich finden, beweist die Tatsache, dass sich Pickerts «Emma»-Artikel im Nu weltweit verbreitete. Es wurde so viel geschrieben über das feminine Vater-Sohn-Styling, dass Pickert sich am Ende gar entschied, in der «Huffington Post» eine Stellungnahme zu seinen Erziehungsmethoden zu verfassen.

Doch es braucht nicht einmal ein ganzes Outfit, um die Gemüter zu erregen. In der Kita, die meine Tochter früher besucht hat, liessen sich die Kinder ab und zu von den Betreuerinnen die Fingernägel farbig lackieren. Jungs wie Mädchen. Und alle haben sie ihre verzierten Hände am Feierabend stolz ihren Eltern gezeigt. Als ich das auf dem Spielplatz einmal beiläufig einer anderen Mutter erzählte, sah diese mich völlig schockiert an und sagte, dass sie sich so etwas ganz sicher nicht würde bieten lassen.

Ich war ziemlich überrascht von ihrer Reaktion. Wovor sie wohl Angst hat? Dass ein Junge, der als Kleinkind ab und zu lackierte Nägel trägt, in eine Transvestiten-Karriere gedrängt wird? Oder geht es vielmehr darum, dass sie als Mama sich schämen würde, wenn ihr kleiner Junge so verweiblicht würde?

Kinder lieben es bekanntlich, sich zu verkleiden – und dazu gehört nun einmal auch, sich zu schminken, sei das mit Fasnachtsfarben oder den Schminkutensilien der Mutter. Ich habe schon Fotos von befreundeten Familien gesehen, auf denen ein dreijähriger Junge höchst professionell mit dem Lidschatten der Mama vor dem Spiegel hantiert – und das sah nicht etwa abartig aus, sondern einfach nur süss. Und doch muss ich zugeben, dass ich mich ziemlich amüsiert habe, als mir ein männliches Kita-Gspänli meiner Tochter einmal erzählte, sein Vater habe ihm zu Hause die Nägel frisch lackiert. Vater und Sohn mit pinkem Glitzernagellack in der Hand, das gab irgendwie ein lustiges Bild ab.

Bin ich also doch nicht so offen, wie ich dachte? Beziehungsweise: Wie würde ich reagieren, wenn mein kleiner Junge sich der Welt plötzlich nur noch im Glitzerkleidchen und mit Lack auf den Nägeln präsentieren wollte? Ich denke, mit dem Nagellack könnte ich gut leben. Wie gesagt, das läuft für mich unter malen und basteln. Und da meine Tochter fürs Leben gern «Nägeli male» spielt, stelle ich mich schon mal darauf ein, dass auch mein Sohn eines Tages mitmachen will.

Ginge es hingegen gleich um die ganze Garderobe, hätte ich zugegebenermassen mehr Mühe, mich daran zu gewöhnen. Ich würde mich wohl ähnlich fühlen wie Cheryl Kilodavis, die ihrem Sohn Dyson die Tutus und Tiaras erst ausreden wollte. Bis ihr älterer Sohn sie eines Tages fragte, warum sie Dyson nicht einfach fröhlich sein Leben leben lasse. Da habe sie gemerkt, dass das Ganze ihr eigenes Problem sei, nicht Dysons. Und um das auch der Gesellschaft klarzumachen, hat sie 2010 das Bilderbuch «The Princess Boy» geschrieben. Für mehr Toleranz gegenüber denen, die ein bisschen anders sind.

Wie viel Toleranz haben Sie, wenn es um die Garderobe Ihrer Kinder geht? Lassen Sie Ihren Sohn auf Wunsch in Mädchenkleidern rumlaufen und die Tochter in Jungsklamotten? Und warum empfindet eigentlich die Mehrheit einen «Princess Boy» als abnormal, während die Prinzessin in Jungsklamotten akzeptiert wird? Würden Sie als Vater Ihren Sohn nach dem Vorbild von Nils Pickert auch modisch unterstützen (mein Mann hat mir bereits mitgeteilt, dass er das nie tun würde – uff, da bin ich aber beruhigt)? Oder ist das der völlig falsche Weg, weil es dem Kind auf lange Sicht nichts bringt, wenn sich auch noch der Vater der Lächerlichkeit preisgibt? Ja wird Nils Pickerts Sohn seinen Vater in zehn Jahren vielleicht sogar dafür hassen, dass er dem Kleidchenwahn kein Ende gesetzt hat? Und wo ziehen Sie persönlich die Grenze? Sind rosa Nägel und ein, zwei Haarspangen bei Jungs noch okay, oder geht das absolut gar nicht?

Fragen über Fragen. Ich bin gespannt auf Ihre Antworten.