Bubensuizid darf nicht tabuisiert werden

Ein Gastblog von Walter Hollstein*.

Ein Blumenstrauss und eine Kerze am Ort eines Suizids. (Foto: Keystone)

Ein schönes, ruhiges Dorf in der Ostschweiz, Grüne, sanfte Hügel, die es schützen. Alte Bauernhäuser, keine Neubauten. Fast schon ein Cliché von Schweiz. Marie und Joschi kommen von der Gemeindeversammlung nach Hause. Sie rufen umsonst nach ihrem Sohn Philippe. Schliesslich finden sie ihn im alten Stall. Erhängt. Er ist damals gerade 16 geworden. Er war etwas still in letzter Zeit. Das war aber auch das einzig Auffällige.

So tragisch dieses Schicksal von Philippe ist, so wenig ist es in der Schweiz ein Einzelfall. Betrachtet man die vorliegenden Einzelzahlen, kommt man zum Ergebnis, dass sich nahezu jeden dritten Tag in der Schweiz ein Bub umbringt; das sind pro Jahr circa 100 Selbsttötungen. Während die Suizidquote bei jungen Männern, die älter als 25-jährig sind, in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist, ist bei Buben eine Zunahme zu verzeichnen. Dabei schwingt die Schweiz europaweit makaber obenaus – konkurrenziert nur durch Finnland. Suizidexperten und auch Kinderärzte weisen darauf hin, dass die Wirklichkeit der Selbsttötung von Buben noch um einiges schlimmer ist. Viele Suizide würden aus Scham und Eigenschutz maskiert und offiziell als Unfälle ausgegeben.

Schrecklich ist aber nicht nur der Tod jedes Buben; schrecklich ist das Geschehen auch für die Angehörigen. Pragmatische Statistiker sprechen davon, dass von jedem Bubensuizid zwischen 6 und 8 Personen leidvoll betroffen sind. Diese Zahl ist wohl eher zu niedrig gegriffen, wenn man alle Verwandten einbezieht, die Spielkameraden und nicht zuletzt die geschockten Mitschüler. Sie alle bleiben mit furchtbaren Fragen nach dem Warum zurück, mit Schuldgefühlen, die Tat nicht verhindert zu haben, und häufig auch mit Selbstzweifeln. Damit müssen sie fortan leben. Oder auch nicht: Gerade nach einem Suizid im Bubenalter mehreren sich die Folgetötungen. Und auch wer weiterlebt, lebt nicht mehr glücklich. So zerbrechen nicht selten die Familien des Suizidanten wenige Monate nach der Tat.

Die geschilderten Tatbestände sind mit der vorgegebenen Struktur der männlichen Rolle eng verknüpft. Die gesellschaftliche Erziehung verlangt von Buben nach wie vor, dass sie sich auf Leistung, Sachkompetenz  und Erfolg konzentrieren. Dabei müssen Innenwelten abgespalten werden, weil sie bei der Verfolgung der äusserlichen Lebensziele nur hinderlich wären. Der amerikanische Psychologe William Pollack notiert: «Wo auch immer Jungen ihren Kummer oder ihre Angst nach aussen tragen, wird ihnen unmissverständlich bedeutet, dass sie sich beherrschen und ihre Angelegenheit selbständig lösen sollen.» Vorherrschend ist noch immer ein Männerbild, wie es Herb Goldberg einst in sieben maskulinen Imperativen zusammengefasst hat:

  1. Je weniger Schlaf ich benötige,
  2. je mehr Schmerzen ich ertragen kann,
  3. je mehr Alkohol ich vertrage,
  4. je weniger ich mich darum kümmere, was ich esse,
  5. je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemandem abhängig bin,
  6. je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und unterdrücke, und
  7. je weniger ich meinen Körper achte,

desto männlicher bin ich.

Was tun? Zu nennen wären vorerst vier Punkte:

1. Buben müsste  ermöglicht werden, sich auch in Dimensionen von Schmerz, Versagen und Verzweiflung öffnen zu dürfen.

2. Buben müssten individuell und institutionell die Möglichkeit von Hilfe und Beratung erhalten. Für Mädchen gibt es in unserer Gesellschaft ein reichhaltiges Angebot, für Buben nicht.

3. Seit den Siebzigerjahren haben Politik, Wirtschaft, Kirchen und Medien ein neues Frauenbild propagiert. Ein neues Männerbild steht noch aus. So werden Buben und Männer in den alten Schablonen männlicher Muster gehalten.

4. Der Bubensuizid darf nicht weiter tabuisiert werden. Er muss dringlich Thema in Politik, Medien und Schulen sein. Doch es herrscht Schweigen. Selbst Organisationen, die sich damit eigentlich intensiv beschäftigen sollten, tun das nicht wirklich. «Die Dargebotene Hand» – auf das Problem aufmerksam gemacht – reagiert nicht, auch nicht auf eine Dokumentation zum Thema. Weder der schweizerische Verband in Zürich und auch nicht die Anlaufstellen in Bern und Basel. «Pro Juventute» lanciert in diesem Jahr eine Präventionskampagne gegen den Jugendsuizid. Dass mindestens 8o Prozent der Opfer Buben sind, wird nicht einmal erwähnt.

Die kalifornische Journalistin Joan Ryan äusserte unlängst im «San Francisco Chronicle» ihr Entsetzen über den Freitod eines Jungen: «Jungen begehen 86 Prozent aller Suizide von Heranwachsenden. Sechsundachtzig Prozent.» Diese Zahl – so berichtete sie – verschlug ihr die Sprache, zumal als Mutter eines Sohnes. «Wenn 86 Prozent der Suizide auf Mädchen entfielen, gäbe es sofort eine nationale Kommission, die die Gründe dafür herauszufinden hätte.» Es gäbe Titelgeschichten und Talkshows, und Stiftungen würden Geld geben, damit Soziologen und Psychologen das Phänomen ergründeten. «Meine feministischen Schwestern und ich würden fragen, was läuft falsch in einer Kultur, die Mädchen – mehr als Jungen – dazu treibt, sich selber das Leben zu nehmen. Aber warum fragen wir nicht, was mit einer Kultur nicht in Ordnung ist, die Jungen – viel mehr als Mädchen – dazu zwingt, sich umzubringen?»

Die Antwort kann gegenwärtig nur polemisch ausfallen: Das männliche Geschlecht ist in der öffentlichen Wahrnehmung nichts mehr wert.

hiollstein150x150 Kopie*Walter Hollstein ist em. Prof. für politische Soziologie, Gutachter des Europarates für Männerfragen und Autor von «Was vom Manne übrig blieb. Das missachtete Geschlecht» (Verlag Opus Magnum 2012).