Dancing Ausserholligen

Mirko Schwab am Freitag, den 21. September 2018 um 13:40 Uhr

Eigentlich saudoof, so Rollschuhdisko. Eigentlich ein Fall für die Mottenkiste der Achtzigerjahre.

Aber «who gives a fuck» sagt mein Freund Y. immer dann, wenn man sich selbst oder seine Prinzipien nicht allzu ernst nehmen sollte. Er hat recht. Ich hab Prosecco. Die S-Bahn fährt am Europaplatz ein, wo Nebel aufsteigt bis hoch zum Betonbauch der Autobahnbrücke. Bunte Lichter haben sie montiert, Glitzer Glitzer allenthalben, die besten schlimmsten Lieder stehen in der Luft. Lieder einer Zeit, der wir uns nostalgisch erinnern, ohne sie erlebt zu haben. Dancing with tears in my eyes.

Es ist Rollschuhdisko. Und Rollstuhl-. Die «Heitere Fahne» ist mal wieder fremdgegangen, unverkennbar oszillierend zwischen Inklusivität und Sexyness hat sich die verrückte Idealistenschar breitgemacht am Verkehrsknoten, für einen unbeschwerten Tanz auf Rollen. Es ist schön, passiert sowas. Zumal hier, wo das amerikanisierte Bern und das eidgenössische, das Schrebergärtli-Bern und das verlotterte aufeinandertreffen wie sonst nirgendwo, wo die Zwischentöne viel Platz haben im urbanen Kessel zwischen Verkehrsarchitektur, Arbeiterhäusern und Gentrifikation.

Und es ist nicht selbstverständlich. Kollektive wie die «Heitere» prägen damit nicht nur die wichtige Debatte um Kultur in der Öffentlichkeit und überholte Bewilligungspraktiken, um Lärm, Luft und Demokratie, eine Debatte, die gerade erst richtig – voilà – ins Rollen kommt. Gerade die Idealistenkiste aus Wabern leistet mit ihrer eleganten und unprätentiösen Art der sozialen Festerei auch einen wichtigen Beitrag zum Selbstverständnis meiner lieben Sandsteinstadt. Eine derart vielfarbige und gemeinschaftliche Atmosphäre, getragen von Leuten mit und ohne Behinderung oder Haarausfall oder wasimmer, who gives a fuck – dieser seltsame Gegenentwurf zum klassischen Szenenauflauf, zur «quiche urbaine», er wäre im sich selbst stets bis zur Verspannung bewussten Zureich etwa kaum daheim.

Nichts ist peinlich hier zwischen den Brückenpfeilern. Im Diskonebel mischt sich Freiheit unter. Immer dann, wenn man sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Ein Bier muss sein.

Clemens Kuratle am Donnerstag, den 20. September 2018 um 23:36 Uhr

Innereien eines Kollektensäulis.

Die Hitze steht zwar noch, aber die Clubsaison ist am Anlaufen. Damit beginnen auch wieder die Barkonzerte mit Eintritt frei, wo man ganz elegant nach zwei Gin-Tonics und einem netten Konzert das Münz noch in der Topfkollekte entsorgen kann.. Oder eben nicht.

Die Vorstellung, dass die Kollekte ein Zustupf zu der, vom Veranstalter bezahlten Gage ist, ähnlich wie das Trinkgeld für den Kellner, ist ein landläufiger Irrtum. In der Regel gehen Musiker nach solchen Gigs mit nichts, ausser der Kollekte (und dem Naturallohn in Bauch und Blutbahn) nach Hause. Wenn in den Hüten nur Kleingeld entsorgt wird und keine Mamis im Publikum sind, welche grosszügig aufrunden, reicht das im Idealfall fürs Benzin oder das Zugticket nach Hause, in vielen Fällen aber eben nicht mal für das.

Wir lieben Musik. Musiker*innen lieben Musik und viele von ihnen finden auch: Frei zugänglich ist toll! Wer sich in einer Bar knapp ein Bier leisten kann, soll auch weiterhin dorthin gehen, sich eine Stange gönnen und die Band abfeiern.

Für alle anderen:

Geht in’s Lokal eurer Wahl und seid euch bewusst, was ihr konsumiert. Getränke und Musik!

Studierende, Gymnasiast*innen und Auszubildende, ohne reiche Eltern, Grosseltern oder Onkel: Wenn ihr ein Bier trinkt an dem Abend, dann schaut dass mindestens einer der Musiker von eurer Kollekte sich dasselbe Bier kaufen kann. Beim zweiten Bier kurz in’s Portemonnaie schauen und sichergehen, dass es für den zweiten Musiker auch noch reicht.

Alle andern zahlen der Band im Minimum eine Runde von dem Getränk, das sie konsumieren. In den Hut muss der Stutz, wohlverstanden. Trinken tun die Musiker in der Schweiz zum Glück meist noch gratis.

Wer mehr hat, gibt mehr!

Kulturbeutel 38 / 18

Mirko Schwab am Montag, den 17. September 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Die Musikförderung Bern, die sich den Anliegen der Berner Populärmusik-Szene verschrieben hat, lädt zum gemütlichen Stammtisch. Am Dienstag treffen sich Musiker*innen, Veranstalter*innen und alle, die sich zum Thema austauschen oder ihre Anliegen anbringen möchten auf einzwei Bier. Ab 20 Uhr im Foyer des Internationalen S’ Clubs. Angereichert wird der Schwatz mit einem Satz Musik der frischgetauften Dean Wake.

Fischer empfiehlt:
Nächstes Wochenende ist Lehrerzimmer-Fest mit vollem Programm: Am Freitag Konzert mit Benjamin Folke Thomas (passender Name!) und am Samstag unter anderem Kunstbuchflohmarkt (falls sie sich jetzt schon stapeln: man kann auch verkaufen) und Kunstversteigerung. Und Disco.

Der Urs empfiehlt:
Von hinter den Dühnchen – die Buchtaufe vom Jüre Halter im Dach, am Dienstag. Lesung, mit Endo und Batkovic on top.
Hot.
Und wenn schon im Stock, bleiben bis Samstag. SAFE THE RAVE – die Kontakt-Abbruch-Party.

Der Kuratle empfiehlt:
Zwei Grossformationen, ein Solokonzert und alles am Freitag…
Das unvergleichliche Fischermanns Orchestra macht, bestens eingespielt nach ihrer Kolumbientournee, in der Region halt und zwar um 21:00 im Singe in Biel. Auch gross, etwas leiser und dennoch intensiv ist das seltene Orchester. Zu hören um 20:00 im werkhof102.
Wem das zuviele Musiker sind, der gehe zu Gitarrengott Manuel Troller (Schnellertollermeier uvm.). Er tauft seine Soloplatte um 21:00 in der Dampfzentrale!

Jessicer empfiehlt: Bisher nur Gutes gehört von und aus Estonia. Deshalb am Donnerstag ins Ross Konzert reinziehen gehen, es spielen verschliffen und psychedelisch die HOLY MOTORS. Irgendwo zwischen tighter Ernsthaftigkeit und bedingungsloser nihilistischer Coolness. Nice.

Das Versagen der Nacht

Roland Fischer am Samstag, den 15. September 2018 um 13:32 Uhr

Remarque hat mal diesen wirklich remarkablen Satz geschrieben, im Arc de Triomphe: «Die Nacht übertreibt.» Der Protagonist versucht da in der Pariser Nacht eine einigermassen verlorene (und natürlich sehr schöne) Seele zu trösten, mit Schnaps vor allem. Und mit den Worten, dass wenig lange wichtig bleibt. Vor allem nachts.

Ja, sie nimmt sich gern ein wenig zu wichtig, die Nacht. Von ihrem Versagen, spätestens am nächsten Morgen, erzählt eine kleine feine Ausstellung von Nina Rieben im Grand Palais. Eine Serie von «Einschlafwerken» gibt es da, aber es sind wohl eher Nichteinschlafenkönnenwerke. Oder geht es Rieben um diesen Übergang vom Wachen zum Schlafen, um diese Halbwelt? Da werden Bewegungsmelder aufgeweckt und Leerstellen lächerlich gemacht. Und es werden sentimentale Notizen zu Zigaretten gedreht, halb aufgeraucht und achtlos weggeworfen. So dass Unsicherheiten auf einmal in Rauch aufgehen. Sie sind aber natürlich immer noch genauso präsent, man kann sogar sagen: sie bekommen erst so die ihnen gemässe Materialität.

Nachher noch ins Schlachthaus, wo es weiterging mit Schall und Rauch. Saisoneröffnung, zuerst mit Dorit Chrysler, dann mit Fhun Gao am Theremin (REA zum Auftakt leider verpasst). Klänge, aus der Luft gegriffen. Warmer Campari Soda dazu und Nachtgeschichten jenseits von Gut und Böse. Manchmal tut sie allerdings ziemlich grossartig und hat ja sogar recht damit.

Kulturbeutel 37/18

Mirko Schwab am Montag, den 10. September 2018 um 5:55 Uhr

Schwab empfiehlt:
Der bessere Schlagzeuger von KSB, Jazzocato Clemens Kuratle, er kann auch Pop. Am Mittwoch mit Guy Mandon im beloved Ross. Bittersweet Synth-phonies, funky Kopfstimme und Falsetto, hintersinnige Texte im Dialekt der neuen Empfindsamkeit und keine Berührungsängste mit den grossen – eben – Popmomenten. Das wird schön.

JJ empfiehlt:
Es gibt ja diese seltsame Bern-Toggenburg-Connection, weiss der Teufel wie die entstanden ist und wann. Jedenfalls ist neuerdings nach Toni Brunner auch Tillmann Ostendarp aka Dj Real Madrid in Bern eingezogen, aber nicht Bundeshaus, sondern mehr so Subkultur. Der drittberühmteste Toggenburger plant nun bereits seinen ersten Coup zur Auflockerung und Öffnung der Berner Kulturszene, kommenden Donnerstag findet die erste Ausgabe von Tillmanns Abendschau im Werkhof 102 statt. Es gibt unter anderem soziokulturell erklärten Feminismus von Poetry Slamerin Lisa Christ, Science Facts von Max Kämmerling und eingeladen zum Deeptalk mit Tillmann sind ganz kosmopolitische Gäste aus Zürich, Innerschweiz, Toggenburg. Hausband der Schau: Die fave Hochzeitsband Frutti di Mare ft Goran Koç. #bethereorbegrüsig

Fischer empfiehlt:
Ein hueren Puff wieder mal in der Reitschule, right? Eine Wiederaufnahme eigentlich, die Show hatten wir doch schon: Ariane von Graffenrieds Genderpuff, dem Jugendclub Schlachthaus auf den Leib geschrieben, kommt zurück. Letzte Chance, dreimal im Tojo, von Donnerstag bis Samstag.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag, den 9. September 2018 um 17:13 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn. Aber auch in der Sandsteinstadt ist burn-out, Weltschmerz, Sonntagsdepression, ist Hoffnung und 1 Schultzerucken. Ein quasi Gastbeitrag unserer Autorin Jessica Jurassica aus dem Abseits (ihr …!)

wenn nichts mehr hilft hilft dann nur noch lyrik [palmen-emoji]

faschismus oportunismus kapitalismus polizeigewalt herrschaft unterdrückung bern chemnitz charlottesville internet / täglich / tränengas gummischrot hitlergrüsse nazitattoos machtdemonstrationen gewalt drunterkommentare / messerstiche, angedrohte ausgeführte / (sprach)bilder eingebrannt auf der netz haut / gerötet entzündet / sprache der gewalt sprache des krieges kämpferische sprache revolutionäre sprache / männer* und frauen* sprache / spreche ich 1 männliche sprache oder ist sprache eh universell geschlechtslos / spreche ich 1 sprache der gewalt / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du

sexism fascism escapeism / violence silence patience / deafness numbness faceless / labien libido lybien / hardcore normcore glencore / fuckboy sextoy tolstoy / fascism sexism violence / fear power death / deaf death / numerous deaths / verstehst du mich / wer bin ich ohne sprache wer / bist du / VERSTEHST DU MICH

echo

hallo echo

echo

echo

e c h o

twitter dot com

twi t t e r   d  o  t    c   o   m

LOL

[palmen-emoji]

MFB-Lieblingsscherben: Sommer

Mirko Schwab am Samstag, den 8. September 2018 um 15:30 Uhr

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Baze – «Gott»

Der Meister der Schwerblütigkeit ist zurück. Weg war er nie. Zu tief die Furchen, die sein letztes Werk «Bruchstück» ins Sandsteingemäuer geschrissen und es zu einem Schlüsselwerk der Popgeschichte dieser kleinen Stadt gemacht haben. Nun bietet auch der neue Silberling reichlich Anlass zum Verdacht, dass wir es mit einem Künstler in der besten Phase seines Schaffens zu tun haben dürften. In dunklen Schwänken erzählt uns Baze von Nebel, Rost und Staub – und zwischen den bald futuristischen, bald postapokalyptischen Beats, zwischen den grossen Fragen und den kleinen Versäumnissen, bei all der schlechten Laune über gutgemeinte Ratschläge und bei all der vergeudeten Zeit – es keimt sowas wie Hoffnung auf.

Hype:
Aeiou – «You Won’t EP»

Willkommen in der Diskothek des Oli Kuster. Der stille Schaffer mit der Vorliebe für körnig synthetisierte Tastensounds und einem Talent zur gleichermassen verführerischen wie cleveren Popschreibe, er lädt zum Tanz again. An seiner Seite: Die in Basel beheimatete Liechtensteiner Sängerin Karin Ospelt. Sie schenkt dem wandelbaren Unterfangen Aeiou ihre wohltemperierte Stimme und ein unwiderstehliches Melodiegespür. Und also sind wir den Hits des im Mai erschienenen Extended Plays unlängst erlegen.

Hype:
Migo & Buzz – «Partys im Blauliecht 3»

Wer vereint Untergrund und Hitparade denn sonst so unkompromittierbar und kredibil? Die dritte Episode aus der Serie «Partys im Blauliecht» liefert womöglich auch die Blaupause des Erfolgs um die beiden brothers in krime Migo und Buzz: Letzterer glänzt mit von den Verlockungen des Zeitgeists unbeeindruckten, bittersüssen Backbeat-Riddims, schnörkellos und stilsicher. Und darüber: die offenherzig politisch engagierten und doch immer wieder angenehm schulterzuckenden Zeilen Migos – mal Vorplatzpoet, mal Vorstadtprolet, dazwischen viel Grauschattiertes. Und darüberhinaus: Fein platzierte Featurings von Geistesgenossen wie Tommy V. Chefmetaphoriker und schliesslich Bruderküsse unter Chaoten, Theo Äro, Iroas – Platz 4 in der Hitparade, who gives a fuck. Es ist gar nicht so schwer, real zu sein.

Hope:
Dean Wake – «The Mountaineer»

Tief unter dem frivolen Treiben der Aarbergergasse verschanzt sich eine Band im Proberaum. Vier Seelenbrüder im Luftschutzbunker. Und so klassisch das Narrativ der vom Tageslicht verschonten, in schlechter Luft gegärten Gitarrenmusik, so gültig ist diese Version davon: «The Mountaineer» kündigt den auf Mitte September terminierten Zweitling an. Und es sieht nach Aufbruch aus, gut gereift verhelfen Dean Wake dem kanonisch todgesagten Independent-Rock vielleicht zu einer Renaissance. Erlesene Gitarrensounds, findiges Songwriting, gehörig Drive unterm Arsch und eine elegische Baritonstimme liefern Argumente. Doch überhaupt gilt am Schluss nur das Lied – diese erste Single, sie ist ein gutes.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

Oder warum der Smiley uns gehört.

Urs Rihs am Freitag, den 7. September 2018 um 12:32 Uhr

Samstagnacht, im Hagel von Gummischrot und beissenden Wolken von Capsaicin, da lag er plötzlich am Boden, zwischen den Scherben, mit Kugelschreiber gezeichnet auf das gelbe Wuchtgeschoss.
Dieser Smiley galt uns – aber gehören tut er das sowieso.

Eine rote Linie überschritten – würde good ol’ Paul Rechsteini wohl sagen. Popkulturelle Appropriation bei der Polizei!
Dieses simple Lächeln, ein Symbol der Attitüde, der COOLNESS, als Waffe der Exekutive missbraucht. Das sagt vieles aus – auch wenn Aussagen grundsätzlich verweigert gehören – über den state of mind einzelner Einsatzkräfte.

Original police-bern material.

Aber erst ein kurzer Blick über die Schulter: Smiley, der oder das – ursprünglich entworfen in den 60ern von einem gewissen Werbegrafiker namens Harvey Ball aus den godfuckin’ U.S. of A. – wurde nach seiner Geburt schnell zu einer Insigne der Gegenkultur. Ende der Achtziger gar zum Gallions-Icon der Acid House Bewegung aus Chicago. Das war pure underground. Dann kam der second sommer of love auf der Insel, der Rave und der Rest ist Geschichte.

Auch im Comic avancierte der gelbe Kreis mit dem nasenlosen Lächeln zum Zeichen der Alternativen, der Kaputten, Zyniker und Antihelden. Am prominentesten vielleicht als «The Button» im Superhero-Noir WATCHMEN ebenfalls aus den 80ies. Oder, knapp zehn Jahre später, im schwerstgesellschaftskritischen SciFi-Gonzo-Epos TRANSMETROPOLITAN als dreiäugige Variante und als Reminiszenz – der Smiley wurde weiterverwendet als Bezeichnendes, als Signifikant: Für das Dagegen.
You dig?

Und natürlich durfte das Proto-Emoji auch im Graffiti nicht fehlen. Unzählige Adaptionen und Varianten gab es davon, wahrscheinlich am konsequentesten und radikalsten wurde es in unseren Breitengraden von «OZ» aka «Oli» in Hamburg gesprüht und umgesetzt. Bis er 2014 von dieser verfluchten S-Bahn in den Tod gerissen wurde – R.I.P. Brother.

Was es zu beweisen galt – der Smiley untermauert Attitüde, wie eingangs festgemacht, und diese speist sich echterweise aus dem Unangepassten. Aus Homo- und Bürgerrechts-Struggles bei der Housemusik, als Ablehnung gegen den Mainstream im Comic und als Ausdruck des eigenen fehl am Platz Seins im Graffiti.
Die Liste wäre – vom Smiley losgekoppelt – um unzählige Beispiele zu erweitern. Wichtig ist, füttert sich Attitüde nicht aus «echtem» Leiden, untergräbt sie sich selbst, wird hohl und brüchig.

Wenn nun einzelne Köpfe im Polizeikorps es für nötig halten, ihre Geschosse mit Botschaften zu bekritzeln, bevor sie es auf Kopfhöhe verpulvern, dann kommt dabei erster Dinge ein archaischer Drang zum Zug, welcher über Jahrtausende bereits verbrieft ist.
Schon die Römer versahen ihre Schleudergeschosse mit Nachrichten an ihre Feinde und dass in zeitgenössischen Kriegen Bomben mit Schriftzügen versehen werden ist bekannt. Zum Nachdenken – aber nicht weiter tragischer als ohnehin schon.

Dass bei der Kantonspolizei aber offensichtlich mit popkultureller Symbolik der in die Schranken zu weisenden Gruppe kokettiert wird, lässt auf noch andere Defizite schliessen.
Wohlstandverwahrlost?
Das sind wir in unserem westlich-neoliberalen Diskurs alle, das greift auch bei der Exekutive als Begründung ihrer Verfehlungen nicht weit genug.
Vielmehr scheint hier tatsächlich die eigene Attitüde auf sandigem Grund zu stehen.
(Obwohl das Leiden vorhanden wäre.)
Vielleicht weil man merkt, dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl im städtischen Kontext mehr und mehr von der «präventiven Präsenz» der Polizei zu lösen scheint? Oder weil die Uniform so schrecklich spannt und der Helm drückt?

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Cool sein dürft ihre noch lange nicht – dafür müssen erst die Waffen weg.
Und der Smiley, das Lachen –
das gehört uns.

The acid one.

“The Button” – WATCHMEN

TRANSMETROPOLITAN

“OZ”

 

 

 

Triff mich, wo ich leide

Mirko Schwab am Donnerstag, den 6. September 2018 um 12:01 Uhr

Das Schwob-Haus hat sein Innerstes nach aussen gekehrt. Impressionen einer Art Kunstausstellung.

Aldir Polymeris, Nicolle Bussien: «Soulseeker» (Bild: Aldir Polymeris)

«Please call me back / I miss you so much -»

Ich liege auf einer alten Matratze und stehle mich in fremde Leben. Eine Hörmuschel ist mein Schlüsselloch. Voyeur bin ich o. écouteur. Nummerierte Auschnitte fremder Realitäten sind zu hören, konserviert als Audiodateien, Voice Memos, beiläufig aufgenommen oder mit einem ganz bestimmten Ziel – die Geschichten bleiben unbekannt, die Intimität ist anonym.

Aldir Polymeris, Künstler aus diesem unbequemen Dutzend Künstler_innen, die im Schwob-Haus Einblick gewähren in ihr Schaffen. Er führt mich herum an diesem kalten ersten Septembersamstag, der auf die Laune drückt. Und also beste Voraussetzungen bietet fürs Alleinsein mit der Kunst. Wir beginnen im Erdgeschoss und diesem kleinen Zimmer mit der Matratze, das er früher bewohnt hat, das jetzt sein Atelier geworden und heute Kunstwerk ist. In Zusammenarbeit mit Nicolle Bussien, Atelier zweite Etage rechts, ist die Arbeit «Soulseeker» entstanden und hier beheimatet. Ein Softwarefehler eines File-Sharing-Anbieters habe tausende von anonymen Sprachnachrichten ins Netz gespült, erzählt er mir. «Soulseek» heisst das Programm, Peer-To-Peer, seit rund zwanzig Jahren werden so virtuelle Güter ausgetauscht im Graubereich der Legalität. Die beiden Kunstschaffenden haben sich des Fundus von Schnipseln angenommen und nach Kategorien der Intimität geforscht, anhand derer sie die Audiodateien – Konzertmitschnitte, Selbstgespräche, Liebesbekundungen – auf fünf Hörmuscheln verteilt haben.

Ich liege auf einer alten Matratze, es könnte meine sein oder irgendeine. Ich höre diese Stimme und es könnte deine seine oder igendeine. Anonymous intimacy.

Innerhalb weniger Tage sei die ursprünglich geplante kleine Führung für einen Verein der Kunstförderung zu einer regelrechten Ausstellung gewachsen, meint Aldir – zumindest fast. Er verweist auf die speziellen Voraussetzungen dieser «Schwob-Schau»; darauf, dass die Kunstschaffenden dort an die Oberfläche treten, wo sie sich gerade befänden. Im räumlichen Sinn in ihren Atelierstuben, an ihren Schreibtischen, an Leinwänden, an Bildschirmen, die sich im Schwobhaus über drei Etagen und einen grosszügigen Keller erstrecken. Und im zeitlichen Sinn, mit Arbeiten mitten im Prozess, mit Skizzen und mit Auslegeordnungen.

Triff mich wo ich hadere u. leide.
Triff mich rastlos in meiner Bleibe.

Es nachtet ein am Falkenhöheweg. Ausser mir und Aldir ist kaum mehr jemand da, die Weissweinflaschen sind bald leer und die Akkus der Geräte. Die Loops der vielen gezeigten Videoarbeiten erlöschen hie und da. Im Halblicht höre ich einer Klanginstallation von Emile van Helleputte zu, erstes Geschoss rechts. Es spielt ein Orchester aus Schwämmen. Angetrieben von kleinen Propellern und einer Schaltzentrale kriechen die Quader rhythmisch über den Parkettboden.

Ich steige in den Keller herab. Im geräumigen Atelier des Malers Janick Sommer wird der Prozess sichtbar; leere Leinwände, fotografische Vorlagen, New York City, ein verstörend sinnliches Bild einer Frau, die in der Spätsommersonne auf einem Balkon sitzt und dem Einsturz eines Zwillings des World Trade Centers zusieht, Narben des 21. Jahrhunderts, ein Liebespaar, darunter feinfühlige Strukturen, milde Farben, ein Fleck. Wieder hinauf. Christoph Schneeberger: Dragqueens machen sich für einen Auftritt zurecht, Identität, Intimität. Dahinter grossformatige Gemälde, laut, grotesk, fantastisch. Weiter hinauf und zuoberst, im ehemaligen Malsaal von Susanne Schwob selig: Dokumentarfilm im Standbild, angebracht über dem Schnittpult der Filmemacherin Tamara Milosevic. Reflexionen über politischen und religiösen Extremismus.

Frau Schwob hat hier oben Landschaften gemalt und Stilleben. The times they are a changin’.

Christoph Schneeberger. (Bild: Aldir Polymeris)

Die Community im Schwob-Haus, sie beschert dieser kleinen leisen Stadt Akzente. Folgen Sie der Einladung. It’s generous intimacy.

Im Schwob-Haus wird gearbeitet. Immer am Achten aber lädt die Ateliergemeinschaft zu Veranstaltungen rund um die zeitgenössische Kunst, Literatur und andere Dringlichkeiten. Diesen Samstag ausnahmsweise in der Sattelkammer mit Amélie Bodenmanns Ausstellung «F.L.U.S.S.». Es gibt Apéro.

Loveletter to a festival: Musikfestival Bern

Clemens Kuratle am Mittwoch, den 5. September 2018 um 2:34 Uhr

Kriegt vom Musikfestival nichts mit, macht ihre Sache aber trotzdem ganz gut. Möwe in Howth/IRL.

Bereits doppelt gebeutelt von Fischer und Kuratle, folgt hier eine detailliertere Liebesbekundung ans Musikfestival Bern.

Hört ihr Leute, die ihr sonst nicht hingeht um “Neue Musik” zu hören:
Tut es doch!

“Unzeitig” ist’s eh, dieses Festival. Der Zeitpunkt zum Hingehen kann gar nie der Richtige sein, ist beziehungsweise immer der Falsche (oder umgekehrt?) und die Inder spielen unterschiedliche Tonleitern, je nach Tageszeit. Für den Mittag gibt’s leider kaum Leitern, aber wer will da schon Musik hören?
Und so passt’s perfekt, dass das Ensemble Paul Klee genau dann Musik unter dem Titel «Aus der Zeit gefallen» präsentiert. (täglich um 12:15 im Ono)

Zeitlebens aus Zeit und Raum gefallen, ist auch der vor knapp 50 Jahren durch den Freitod aus dem Leben geschiedene “Composer in Residence” Bernd Alois Zimmermann, dessen kompromisslose Musik in verschiedensten Räumen Berns erklingen wird. Zum Beispiel in der Grossen Halle der Reitschule, am Donnerstag um 20:45.

Also gebt euch den Klängen hin! Wenn ihr was im Vornherein als intellektuell aburteilt, habt ihr selber schon zu viel darüber nachgedacht. Contemplatio, oder?! Und der Autor schweigt auch bald..

Kuratle empfiehlt:
– Die Lektüre des Programmhefts – Weil es sich lohnt.
– Die Installation von Strotter Inst. in der Zytglogge, zu Unzeiten wie 11:11, 13:13 etc..
– Die Uraufführung des Stücks «Home (Münstergasse 37)» von Jonas Kocher.
– Die Nachtgezeiten im Berner Münster. Kirchenkonzert ohne rückenfeindliche Bänke!
– Die Letüre des Programmhefts – Wegen des restlichen Programms.

Kuratle schätzt am Musikfestival, dass das Kuratorium, trotz des übervollen Programms, um ein stimmiges Ganzes bemüht ist. Mit der Tatsache, dass diese Fülle kaum kurz und knapp zusammengefasst werden kann, tut er sich jedoch schwer. Das Musikfestival startet heute mit einem Eröffnungsfest in der Dampfzentrale und endet Sonntags um 18:30 im Progrhof mit dem «Poème Symphonique» für 100 Metronome von György Ligeti.