Das kurze Leben des Stuart Shorter

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 25. Juni 2006 um 15:52 Uhr

Ich liebe ja das “Paradiesli”, das Frauenabteil im Marzili! Während einem die Sonne auf das blutte Füdli scheint, kann man sich erstklassige Gedanken machen zu Themen, wie: Weiblichkeit, Alter, Tatoos: Ja/Nein, oder soll-ich-mir-jetzt-auch-sone-ganz-Gesichts-abdeckende-trendy-Riesensonnenbrille-kaufen?

Eine weitere Frage ist dann auch immer: Was lese ich in der Badi? Es muss etwas sein, in das man sich mit Elan und Spass reinschmeisst, und lohnen soll es sich auch. Mein Tip: “Das kurze Leben des Stuart Shorter” von Alexander Masters. Unterhaltsam, interessant, authentisch und alles andere als belanglos!

Alexander Masters ist in New York geboren und lebt in Cambridge, wo er Physik und Mathematik studiert hat. Danach arbeitete er bei der Odachlosenhilfe und lernte dort Stuart Shorter kennen, einen chaotischen, zuweilen gewalttätigen Obdachlosen. Während die beiden grundverschiedenen Männer gemeinsam für eine Kampagne arbeiten, die zwei Sozialarbeiter aus dem Gefängnis befreien soll, erzählt Stuart Alexander sein Leben.

Mit Witz und Mitgefühl (auch mit Wut) arbeitet sich Masters durch Postüberfälle und Gefängniskrawalle zurück bis exakt zu dem Tag, an dem Stuart die Gewalt für sich entdeckt – um zu begreifen, warum sich ein fröhlicher kleiner Junge in eine drogen- und alkoholsüchtige Dr.Jekyll-und-Mr.Hide-Persönlichkeit verwandelt hat.
Sunday Telegraph

Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen, es ist witzig und verzweifelt und lässt weitere brennende Badi-Fragen zu Themen wie Hautalterung oder ist-Heidi-Klum-wirklich-schwanger nur so dahinschmelzen.

“Das kurze Leben des Stuart Shorter” von Alexander Masters, erschienen im Kunstmann-Verlag

Regiert Fussball?

Frau Götti am Mittwoch, den 21. Juni 2006 um 14:48 Uhr

Bundeshaus

Programmvorschlag für alle, denen es ein bisschen genügelet mit Sie wissen ja schon, und die weder aus Japan oder Brasilien, noch aus Kroatien oder Australien kommen:

Das Kino Lichtspiel zeigt am Donnerstag einen interessanten Film.

OK, Sie haben ja recht, Frau Götti wird dort nicht anzutreffen sein, da sie Fussball schauen muss. Aber nicht dass KulturStattBern seine Pflicht nicht erfüllt hätte, auch im derzeitigen Ausnahmezustand.

Figuren-Theater Festival

Daniel Gaberell am Montag, den 19. Juni 2006 um 9:00 Uhr

Kathrin LeuenbergerFür die ganz Kleinen spielte am Samstag Kathrin Leuenberger das Figuren-Theater «Frau Meier, die Amsel». In einem kleinen weissen Koffer offenbart sich die ganze Welt der ängstlichen Frau Meier und ihrem gutmütigen Ehemann Theo.

Kathrin Leuenberger gilt mit ihrem Miniaturtheater Lupine als ganz besondere Perle und auch diese amüsante Geschichte (ursprünglich gezeichnet von Wolf Erlbruch), wo die Amsel (und Frau Meier!) das Fliegen lernen, ist ganz liebevoll und mit unzähligen Details ausstaffiert. Ein Genuss für alle grossen und kleinen Menschen.

Auch wenn der Begriff «Festival» wohl etwas hoch gegriffen war (nur ganz wenig Leute, handgeschriebene Orientierungshilfen auf A4-Blätter, klägliche Bratwürste), gab es doch ein Rösslispiel, welches derart schnell drehte, dass die Kinder durch die Fliehkraft beinahe in die jämmerliche Hamburgerbude gespickt wurden. Das immerhin war ein Festival – und was für eins!

Stattgefunden vom 16. bis 18. Juni 2006 in der Orangerie der Stadtgärtnerei in der Elfenau.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

christian pauli am Sonntag, den 18. Juni 2006 um 20:48 Uhr

Was ist wenn der japanische Trommler Doravideo (im Bild) bei 32 Grad am Schatten um drei Uhr Nachtmittags seine Felle traktiert, die ihrerseits die Projektionen manipulieren, die in seinem Hintergrund einen abartigen Rundgang durch die westliche Pop- und Politik-Kultur abspielen lassen?

Was ist, wenn in einer umwerfenden Ausstellung die Reaktorkatastrophe Tschernobyl einem die Augen und das Herzen streift und im Stock unten dran gleichzeitig eine verladene, verschwitzte Meute abravet?

Was ist wenn morgens um 3.30 Uhr der Amerikaner Otto von Schirach im von 30’000 Menschen besuchten Messegelände von Barcelona zu einer absurd-provokativen Performance ausholt?

Was ist wenn Senor Coconut und seine Band mitten im Gelände eine Retorten-Latinnummer nach der anderen abfeuern, derweil im Museum nebenan einem die Revolution erklärt, die der iPod ausgelöst hat?

Was ist wenn DJ Krush weit über 110 Dezibel fährt und neben Rahzel das Gleiche tut und zwischendrin beide aufeinmal?

Go to: sonar.es

Warum ich dies schreibe? Weil ich es immer ganz bemerkenswert finde, wie angenehm ruhig das Leben in dieser provinziellen, kleinen Kulturstadt Bern ist.

33 Revolutions per Minute

Grazia Pergoletti am Freitag, den 16. Juni 2006 um 21:49 Uhr

Obwohl ich eine Vinylliebhaberin bin und immernoch einen Plattenspieler in Betrieb habe, dachte ich bis jetzt, “33rpm” steht für “33 Rounds per Minute”. Falsch! Das r steht für “Revolutions”.

Unter dem Titel 33 Revolutions per Minute zeigt die Berner Künstlerin Diana Dodson im Off-Kunstraum “Marks Blond Project” eine kleine feine Installation. Am Donnerstag war Vernissage.

Marks Blond Project ist in einem ehemaligen Kiosk in der Länggasse zu Hause (Ecke Freiestrasse/Muesmattstrasse). Im Schaukasten, wo früher Illustrierte zur Schau gestellt wurden, prangt nun die Aufforderung “Join the Revolution”. Im Inneren des Kiosks ist eine Showbühne in Rosa, Silber und Spanplatte aufgebaut, die Assoziationen von Musicstar bis Las Vegas weckt. In der Mitte dieses Bühnchens ist wiederum eine kleine Drehbühne eingebaut, etwa von der Grösse eines Plattentellers. Auf der Rückwand glänzt in nostalgischer Schrift das Zauberwort “Revolution”.

“Stand on the revolving circle. Imagine yourself in your greatest physical, mental and spiritual potential. Keep turning.” Diese Slogans werden von einer künstlichen und angenehm einlullenden Stimme gebetsmühlenartig wiederholt (und stehen auch an den Wänden rundherum geschrieben – wer sie lesen will, muss sich schon mal um die eigene Achse drehen).

Keep turning! Das liess ich mir nicht zwei Mal sagen und stellte mich auf die Drehbühne. Und war dann ziemlich hin und her gerissen, ob ich dieses Drehen nun angenehm finden sollte, oder ob ich da oben zum Objekt verkomme, dass von allen Seiten begutachtet wird.

Neben der Bühne steht ein alter Plattenspieler und dreht sinnlos, weil ohne Platte, vor sich hin. Vielleicht ein Verweis darauf, wieviel revolutionäre Sprengkraft Musik einmal hatte.

Und heute? Ist alles nur noch Show? In Zeiten, wo vom Autohersteller bis zur Kosmetikindutrie alles mit “Revolution” beworben wird, ist Diana Dodson mit dieser Arbeit ein ironischer und sinnlicher Kommentar gelungen.

Die Installation ist noch bis zum 20. Juni zu sehen. Weitere Informationen zu Marks Blond Project unter www.marksblond.com.

(Foto: David Aebi)

Rausch und Harmonie

julia am Freitag, den 16. Juni 2006 um 2:51 Uhr

In der Dampfzentrale ist Carolyn Carlsons epischer Reigen «Tigers in the Teahouse» zu sehen. Ein ästhetischer Sinnesrausch, in den eintauchen kann, wer vor Pathos nicht zurückschreckt. Vom Zen-Garten über den Bambuswald bis zum finalen Teezeremoniell perfekt choreografiert und exzellent getanzt.

Carolyn Carlsons epischer Reigen «Tigers in the Teahouse». (Bild: Marco Caselli, zvg)

Carolyn Carlson ist Amerikanerin, selbst Zen-Buddhistin, und lebt seit vielen Jahren in Frankreich. Dort, in Masterklassen, lernte sie die Tänzer kennen: Yutaka Takei stammt aus Japan, ist Kampfkunst-Meister und ausgebildet in zeitgenössischem Tanz in Angers; Zheng Wu ist Chinese, ebenfalls in Angers trainiert und im traditionellen chinesischen Tanz zu Hause; Jacky Berger, der den Part von Won-Myeong Won übernommen hat, ist Tänzer am Centre Chorégraphique National Roubaix unter der Leitung von Carlson. Die drei schleichen wie Tiger über den Holzboden, zwischen Himmel und Erde und buchstäblich durch Wald und Wasser.

Die Altmeisterin des modernen Tanzes (in Frankreich gar zur Ritterin geschlagen) hat das Prinzip der Harmonie regelrecht verinnerlicht. Stillstand und Aktion, schwarz und weiss, Humor und Ernst – alles hält sich die Waage. Fernöstliche Lebensphilosophie und westliche Ästhetik verschmelzen zu einer Art visueller Haikus, zubereitet für das westliche Auge. Welche Fragen ihr wohl Jérôme Bel und Pichet Klunchun stellen würden?

Die Vorstellung vom Freitag ist ausverkauft, für Samstag gibt es noch Tickets.

Frage und Antwort

julia am Freitag, den 16. Juni 2006 um 2:35 Uhr

Jérôme Bel trifft auf Pichet Klunchun. (Bild: Jérôme Bel, zvg)Den Abschluss der Berner Tanztage bilden zwei Begegnungen europäischer Choreografen mit Künstlern aus dem Fernen Osten: Jérôme Bel trifft auf Pichet Klunchun und – siehe Beitrag oben – Carolyn Carlson choreografiert für drei Tänzer aus Japan, China und Südkorea (wobei letzterer in Bern durch einen Europäer ersetzt ist). Vielleicht hätten sie ihren Dienst besser als Einstieg in die Asien-Reise getan. Letztlich entspricht die Programmgestaltung jedoch dem Credo des Festivals: Es will nicht erklären, sondern zur Diskussion stellen.

Ein Paradestück hierzu ist «Pichet Klunchun and Myself» im Schlachthaus Theater. Jérôme Bel, französischer Wegbereiter der konzeptionellen Performancekunst europäischen Zuschnitts, befragt den thailändischen Maskentänzer Pichet Klunchun über seine Kunst. Und umgekehrt. Die beiden sitzen sich auf zwei Stühlen gegenüber und diskutieren, demonstrieren und vor allem: sie fragen und antworten.

Die Themen reichen weit über die Kunst hinaus; es geht um Religion, Tod und internationale Codes. Der eine versucht die Tradition weiterzuentwickeln, der andere schöpft gerade aus deren Ablehnung. Das Aufeinandertreffen des traditionellen Khon mit dem postmodernen Nichts wird zur zweiten Sternstunde der diesjährigen Berner Tanztage: 90 Minuten kluge und beste Unterhaltung, die auf den Punkt bringt, was der auf europäischen Festivals derzeit allgegenwärtige kulturelle Austausch im besten Fall bringen kann: Respekt und ein kleines bisschen Verständnis.

Unbedingt hingehen: Freitag und Samstag, um 18.30 Uhr im Schlachthaus (englisch gesprochen). Wer mehr von Jérôme Bel sehen möchte: am 22. September eröffnet er mit «The Show must go on» die Saison am Theaterhaus Gessnerallee in Zürich.

Form mit Zuckerguss

julia am Mittwoch, den 14. Juni 2006 um 2:21 Uhr

Nach Taiwan und Südkorea nun also Japan. Die Berner Tanztagen schreiten mit ihrem Rundblick durch die zeitgenössische asiatische Tanzszene voran (zwei Mixturen werden noch folgen: Thailand/Frankreich und USA/Japan/China/Südkorea).

Eines wurde bisher deutlich: die asiatische Tanzkunst ist eine Kunst der Perfektion. Die Körper der Tänzerinnen und Tänzer sind bis in die Fingerspitzen trainiert; ihr Repertoire reicht von westlichen Tanzformen, traditionellen Stilen bis hin zu Kampfsportarten. Diese beherrschen sie derart vollendet, dass unsereins nur ehrfürchtig den Kopf neigen kann.

Die Themen der Stücke sind Ausbruch aus Traditionen oder Verbindung derselben mit westlichen Formen sowie der Drang nach künstlerischer Freiheit. In «Gostly Round» der Leni-Basso Dance Company aus Tokio ist von all dem etwas abzulesen (auch wenn die Choreografin ihre Arbeit lieber nicht gedeutet weiss).

Akiko Kitamura arbeitet mit Videoprojektionen, Schattentheater, Lichtspielen mit Farben und Formen, Kreidestaub und einer fulminanten, formelhaften Bewegungssprache. Die Komposition dieser verschiedenen Medien ist von so viel Formwillen geprägt, dass die Geister – auch wenn sie noch so beschworen werden – weder das Geschehen auf der Bühne noch dasjenige im Zuschauerraum zu beseelen vermögen.

Natürlich ist der Zwang von Aussen spürbar, ebenso die Besessenheit von Innen, die Thema von «Gostly Round» sind. Die Körperbeherrschung, die Konzentration und Präzision sind bemerkenswert. Zwischendurch blitzen auch menschliche Züge auf in der kollektiven Masse. Sie reichen jedoch nicht aus, um der Maschine Leben einzuhauchen. Da hilft auch der Zuckerguss nicht, der die Formen mitunter gar ins Plakative verdreht. Die Struktur des Stückes bleibt schablonenhaft und darin unfassbar. Schade.

Noch zu sehen am Mittwoch um 20.30 Uhr in der Dampfzentrale

Brief an einen Fussballbanausen

christian pauli am Dienstag, den 13. Juni 2006 um 21:45 Uhr

Lieber Pädu

Auch die Reitschule zeigt Fussball. (Bild: Manu Friederich/Der Bund)Natürlich hast Du recht mit Deiner Abscheu vor fussballkorrumpierten Kulturlokalen. So ein Kommentar war bitter nötig. Wer denn sonst ausser Dir tut noch das Maul auf und schimpft über diesen Kulturkiller ersten Ranges, über die Geldverschlingmaschine, die unsere Kinder verrückt macht? Ich kann Dir ein Liedchen davon singen, wie es ist, wenn wir unserem Sohn erklären, warum wir ihm kein Schweizer Leibchen schenken wollen, obwohl wir mit der Mannschaft fiebern. (Der Hinweis, dass das Leibchen aus Sondermüll gemacht wird, ist noch das einfachste Argument.)

Jetzt sitze ich da, unten ist das Kairo gut gefüllt mit Fussballfans, ein paar Deppen tragen ein Schweizer Shirt und die noch mehr Bedepperten fahren fahnenschwingend den Nordring rauf und runter.

Warum wir Fussball zeigen (übrigens schon seit Jahren und auch unter dem Jahr – hopp YB)? 1. Weil wir damit gutes Geld verdienen. (Du kannst Dir ja vorstellen, wie wir im Kairo das Geld auch wieder ausgeben.) 2. Weil ein gutes Fussballspiel einfach spannender, zugänglicher, emotionaler, kommunikativer und aufgeladener ist als jedes Konzert oder jede Lesung – oder ämu meischtens. Für uns Veranstalter, die sich links und alternativ verstehen, ist das vielleicht eine bittere Erkenntnis. Ich habe trotzdem grosse Freude daran, wenn ich sehe, wieviele nette Menschen sich bei uns gemeinsam über Fussballspiele freuen oder ärgern.

Sei gegrüsst, Alter. Pauli

PS: Der Winter, und damit die Zeit, in der die Menschen durchschnittlich etwas mehr IQ als jetzt haben, kommt bestimmt.

Wunderkammer

Grazia Pergoletti am Dienstag, den 13. Juni 2006 um 8:51 Uhr

The Dead Brothers. (adi)Ein bisschen verspätet hier eine kleine Lobeshymne auf die neueste Platte der bestaussehendsten Boygroup der Schweiz. Die Rede ist von The Dead Brothers.

Zum ersten Mal live gesehen habe ich die Dead Brothers vor etwa sieben Jahren, als sie mit einer Art Wanderzirkus im Dachstock der Reitschule zu Gast waren. Darauf haben wir sie gleich für das Baufest ins Tojo geholt, es folgte ein Konzert im Café Kairo und schon war man gemeinsam auf Tournee: In Romeo und Julia auf dem Dorfe von Gottfried Keller (in der Inszenierung von Meret Matter für das Schauspielhaus Zürich) hat Alain Croubalien den schwarzen Geiger gegeben, Pierre Omer und Denis Geiser waren als Musiker mit von der Partie.

Seither sind einige Tonträger und Theaterprojekte sowie Personalwechsel innerhalb der Band ins Land gezogen. Und noch nie klangen die Dead Brothers so herzzerreissend, erhaben und verführerisch wie auf dem Album “Wunderkammer”.

“Trust in me”, flüstert Alain schon gleich zu Beginn, und es lohnt sich, diesem Angebot zu folgen. Wie eh und je mit dabei ist Pierre Omer, diese Ausnahmebegabung von einem Multiinstrumentalisten. Und die beiden neuen Familienmitglieder Delany Davidson und Christoph Gantert sind nicht nur als Musiker, sondern auch als Sänger eine grausam schöne Bereicherung.

Und zum Schluss noch: Film ab! Oder auch: Anderer Film ab!