Wasserwerk Rocks!!!

Grazia Pergoletti am Sonntag, den 1. Oktober 2006 um 4:13 Uhr

ZZZEs gab ja dort diese Momente hin und wieder. Zum Beispiel vor etwa 10 Jahren, als The Roots im Wasserwerk, an einem müden Dienstag oder so vor zirka 30 Nasen alles gaben. Oder Moby vor etwa 70 Leuten. Heute Abend war wieder so ein Moment.

Die Fegefeuer-Folterknechte sind auf Betriebsausflug. Niemand zuhause im Reich zwischen Himmel und Hölle. Eine gute Gelegenheit, das Purgatorium in Stücke zu zerlegen, denken sich Nuschelbariton Björn Ottenheim (Gesang, Drums) und Daan Schinkel (Orgel). Anstatt ihre weltlichen Sünden abzubüßen, um sich den Eintritt ins Paradies zu erkaufen, verfrachtet das holländische Duo seine PA ein paar Stockwerke tiefer und veranstaltet eine Rock’n’Roll-Party der dekadenten Art.

So beschreibt ein Pressetext, was ZZZ heute Abend im Wasserwerk vollführten. Ich dachte ja gleich Achtung!, als Björn Ottenheim, ein Endo Anaconda im Blues-Explosion-T-Shirt, und der leicht verhuschte Daan Schinkel die Bühne betraten. Was folgte, war der absolute Wahnsinn!! Man war an Alan Vegas Suicide erinnert, aber auch die Beschreibung der Veranstalter: Jim Morrison trifft auf Fat Boy Slim ist nicht so schlecht.

Überhaupt: die Veranstalter… Eine Clique junger Männer und Frauen, die da offensichtlich seit zwei Jahren etwas richtig Gutes aufbauen. Ich hätte es vor einigen Stunden nie für möglich gehalten, doch jetzt sage ich es: Wasserwerk, the Place to be! Heute Abend ein leider kleines, aber geradezu handverlesenes Publikum. Einzig: Ganz so laut hätte die Chose nicht sein brauchen. Unbedingt wiedermal da hingehen, es gibt was zu entdecken!

Teamgeist

Grazia Pergoletti am Freitag, den 29. September 2006 um 18:33 Uhr

wurzel 5Morgen kommt meine Tochter aus dem Ferienlager in Fiesch zurück und dann hat der Spass ein Ende. Nicht, dass mich jetzt hier jemand falsch versteht: Generell macht mein Leben natürlich sehr viel mehr Spass, wenn sie da ist. Einzig: Das neue Album von Wurzel 5 kann ich ab Morgen nicht mehr ununterbrochen auf voller Lautstärke abspielen, da meine Süsse es verständlicherweise recht hennenblöd findet, wenn ihre Alte die selbe Musik hört wie sie.

Dabei habe ich jahrelang vergeblich versucht, sie zum Hip-Hop zu erziehen! Dass ihr L-Deep zu abgehoben waren, konnte ich ja noch nachvollziehen. Aber dass sie bei GREIS ungerührt blieb und auch Kutti-MC links liegen liess, gab mir dann doch zu denken. Nichtsdestotrotz: Was nicht wie Good Charlotte bis zum Haaransatz tätowiert war, konnte es bis eben vergessen, von ihr auf den MP3-Player geladen zu werden. Doch jetzt kommt Teamgeist von Wurzel 5 und alles wird gut.

Eine super CD! Abwechslungsreich und immer überraschend. Tolle tolle tolle Sounds, ob verspielt, wie zu Ke Gschänk, klaustrophobisch, wie zu Teamgeist, oder Brasil-angehaucht, wie zu den beiden Disco-Knüllern Für Di und Typisch! Und gerappt wird natürlich, was das Zeug hält. Doch dazu bloss: Säuber lose!

Apropos CH-Kino

Grazia Pergoletti am Donnerstag, den 28. September 2006 um 18:54 Uhr

Heidi Glössner (links)Bald kommt ein weiterer neuer Schweizer Film in unsere Kinos: Die Herbstzeitlosen von Bettina Oberli. Ein “Feel-Good-Movie” in dem es um rüstige RentnerInnen geht, wie die Vorschauen versprechen. Stéphanie Glaser spielt darin die Hauptrolle: eine Dame, die im hohen Alter beschliesst, ein Geschäft mit aufregenden Dessous zu eröffnen. Soweit, so gut.

An der Seite von Stéphanie Glaser sind eine ganze Reihe anderer Schauspieler und Schauspielerinnen zu sehen. So auch, in einer grossen Rolle, Heidi-Maria Glössner, Ihres Zeichens seit ca. 20 Jahren die Grande Dame des Stadttheaters Bern. Und ausserdem eine der warmherzigsten Diven, die mir je begegnet sind und eine Superkollegin. Wenn ich das mal so aus dem Nähkästchen herausplaudern darf.

Nun hab ich mich doch ein wenig gewundert darüber, im Zusammenhang mit diesem Film, zwei riesige Artikel über (die notabene wunderbare!) Stéphanie Glaser in der hiesigen Presse zu finden, jedoch kein einziges Wort über unsere Berner Lady Nummer eins. Ist dies ein Ausdruck dafür, dass Bern seine KünstlerInnen zu wenig liebt, zu wenig kennt oder einfach nicht stolz genug auf sie ist?

Wie dem auch sei, auch wenn ich nicht objektiv bin: Ich freue mich RIESIG darauf, die wunderbare Glössner in diesem Film zu sehen! Ein Hoch auf Heidi!

Herbstzeit – Kinozeit

Daniel Gaberell am Mittwoch, den 27. September 2006 um 17:15 Uhr

Alle reden vom Hoch der Schweizer Kinofilme, aber irgendwie habe ich das Trittbrett noch nicht gefunden, welches mich in die hochgelobte Schweizer Filmwelt mitnehmen würde…

Hingegen lobe ich die deutschen Filme! «Das Leben der anderen» war ein Genuss wie schon seit langem nicht mehr. Zuerst dachte ich: och nein, bitte nicht schon wieder so Nazi-Zeugs. Dann aber entwickelte sich diese rührende Geschichte zum ersten Herbst-Highlight dieses Jahres.

Emmas Glück

«Emmas Glück» war dann schon eher etwas gar seicht. Nicht unbedingt schlecht, vor allem die zwei Hauptdarsteller gefielen mir sehr gut, aber doch eine Klasse unter «Das Leben der andern».

Bleibt noch «Sehnsucht» und dann natürlich «Das Parfum». Wer Empfehlungen oder Warnungen zu diesen zwei Streifen abgeben möchte, der kommentiere doch nachstehend als kleiner Service für die Besucherinnen und Besucher von KulturStattBern.

Vielen Dank.

Schöner WochenausKlang

Daniel Gaberell am Montag, den 25. September 2006 um 21:46 Uhr

mh Das Bild täuscht: Matthew Herbert war bei seinem sonntäglichen Gastspiel im Progr nicht so cool wie auf diesem Foto. Zum Glück nicht, denn er und seine sechs Mitmusikanten – allesamt in Bademäntel (oder so ähnlich) – wirkten freundlich, zugänglich und sehr sympathisch.

Er gilt als einer der ganz Grossen in der elektronischen Musikwelt. Sogar Björk und Moloko engagierten den Engländer für ihre eigenen Produktionen. Dies war dann auch der Grund, dass sich Berns Musikgrössen die Ehre gaben (wenn auch etwas zurückhaltend und eher im Schatten stehend) um diesen Matthew Herbert endlich mal live zu sehen und zu hören.

Mir persönlich waren die Klänge etwas gar digital – allerdings war dieser Auftritt auch gleichzeitig der Start der Bee-Flat Konzertreihe, was mich wiederum sehr froh stimmt. Denn das ist ja das gute bei Bee-Flat: man geht hin ohne genau zu wissen, was einem erwartet. Und hie und da steht dann sogar eine Perle auf der Bühne.

Neu übrigens jeden Sonntagabend. Mehr Infos gibt es hier.

Asylgesetz auf Abwegen

Daniel Gaberell am Sonntag, den 24. September 2006 um 19:43 Uhr

Nach Langenthal, Olten, Grenchen, Lyss und Worb, ging heute Sonntag im Alten Spital in Solothurn die letzte der diesjährigen Integrationsolympiaden über die Bühne. Es trafen sich jeweils um die 70 Menschen unterschiedlicher Kulturen und demonstrierten eine für ihr Land typische Sportart oder Freizeitbeschäftigung. So kam es zum Beispiel zur Begegnung der Hornusser mit dem tamilischen Cricketteam. Oder die Tanzgruppe der Pro Senectute lernte einen kurdischen Volkstanz und Thais zeigten ihren typischen Tanz den Pfadfindern. Und natürlich konnten die Gegenüber sich immer in den entsprechenden Diziplinen versuchen.

KulturStadtBern ist kaum der Ort, um Integrationsfragen zu thematisieren. Aber: als Organisator dieser «Integrationsolympiaden» kehrte ich soeben von Solothurn zurück – noch mit kurdischen, indischen und thailändischen Klängen in den Ohren – und lese als erstes, dass in der Schweiz das Asylgesetz nun doch verschärft wird.

Es schmerzt, diese Niederlage zu akzeptieren, denn hinter mir liegt ein erfüllter, weitsichtiger und vor allem sehr menschlicher Nachmittag.

AltesSpital

Die Berner Kulturkeiferei

Manuel Gnos am Freitag, den 22. September 2006 um 9:49 Uhr

Es scheint in Bern gerade Mode zu sein, Konflikte öffentlich auszutragen. Unsere KollegInnen vom Schwesterblog «Zum Runden Leder» können davon ein Lied singen. In der hiesigen Kulturszene tut dies grad Dorothe Freiburghaus, Präsidentin des Vereins Berner Kulturagenda, mit einem «Offenen Brief» als Antwort auf ein Editorial von Ensuite-Gründer Lukas Vogelsang.

In beiden Texten geht es vorerst einmal um die Kulturstrategie der Stadt Bern. Das ist wichtig und nötig, denn ein solch zentrales Papier muss ausführlich diskutiert werden. Nun wird man aber – vor allem beim Lesen des «Offenen Briefes» – den Verdacht nicht los, dass hier die Beteiligten gründlich aneinander vorbei reden. Und dass erhebliche gegenseitige Empfindlichkeiten bestehen.

Wie dem auch sei, eine in dieser Art öffentlich geführte Debatte hat etwas Groteskes: Wir Leserinnen und Leser werden als Resonanzkörper der jeweiligen Botschaft gebraucht (missbraucht?), doch was der eigentliche Inhalt dieser Botschaften ist, können wir nur erahnen.

Deshalb habe ich Lukas Vogelsang dazu eingeladen, hier in KulturStattBern auf den «Offenen Brief» von Dorothe Freiburghaus zu antworten – auf dass für uns die eine oder andere Frage geklärt werde. Er hat zugesagt, braucht allerdings noch etwas Zeit.

Wir jedenfalls warten gespannt auf die nächste Runde in dieser Debatte.

Sympathische Schlaumeier

Grazia Pergoletti am Donnerstag, den 21. September 2006 um 12:53 Uhr

Schauplätzler im SüdenDie Künstlergruppe «Schauplatz International» ist an die «blutigen Strände der Zivilisation» im Süden Spaniens gereist. Dort haben sie, wenn man so will, ein Remake von «King Kong» gedreht, inklusive blonder Frau und grosser Angst. Die Blonde Frau ist Europa, einigt man sich, und Angst hat man nicht nur vor den Einwanderern, die mit ihren Booten aus Afrika kommen, sondern vor dem Fremden im Allgemeinen. King Kong ist das Fremde.

Damit der Zuschauer und die Zuschauerin nicht vor Angst vergehen, erhalten wir vor dem Film einen kleinen Angst-Crash-Kurs. Das ist nur einer von vielen verspielten Momenten, wo einem das Herz aufgeht, weil man mit derart einfachen Mitteln und viel Phantasie klug unterhalten wird. Ich würde den Abend nicht als Theateraufführung in dem Sinne, sondern vielleicht als gemeinsames Nachdenken über bestimmte Themenkreise bezeichnen.

«Schauplatz International» sind sympathische Schlaumeier, die sich substanzieller Themen annehmen. Dass ihre Aufführungen immer etwas charmant Besserwisserisches haben, mag an ihrer Gewissheit liegen, moralisch hundert Prozent auf der richtigen Seite zu stehen.

Zum Schluss gibt es noch den Tanz um die schwarze Tomate und die genialste Schiesserei, die ich je im Theater gesehen habe. Danach macht man sich über den Hof aus der Reitschule durch etliche Dealer auf den Weg nach Hause. Vielleicht mit etwas weniger Angst als sonst?

Hingehen: noch Freitag und Samstag, jeweils 20.30 Uhr im Tojo Theater!

Drei CDs, ein Einkauf

Manuel Gnos am Mittwoch, den 20. September 2006 um 9:30 Uhr

Drei CD-Covers, ein Einkauf.Als ich vergangenen Donnerstag vom CD-Shopping kam und mein Velo aufschloss, habe ich aus dem Gespräch zweier Teenieknaben einen kleinen Fetzen aufgeschnappt: «Das war, als ich noch HipHopper war.»

Was war, als er noch HipHopper war, habe ich nicht mehr mitgekriegt. An seinem entnervten Tonfall allerdings habe ich entnommen, dass ihm sein Begleiter etwas gar Unvorstellbares unterstellt hatte: Etwa dass er auf das Kätti, das immer so stark geschminkt sei, stehe; oder dass er doch letztes Jahr noch vollkommen auf die Schuhe der Marke Vans abgefahren sei. Etwas ganz Weltbewegendes halt.

Ich aber fragte mich, wann ich zum letzten Mal sagen konnte, dass ich eindeutig verortbar einer Szene zugehörig war. Eine Antwort darauf konnte ich auf Anhieb nicht finden. Auch ein Blick in meinen Beutel half mir nicht weiter, denn da fanden sich meine drei neu erstandenen Alben: «Elephant» von The White Stripes, «Return to Cookie Mountain» von TV On The Radio und der Soundtrack zum Coen-Gebrüder-Film «O Brother, Where Art Thou?».

Natürlich, auch ich hatte Phasen, in denen ich mich einer Szene zugehörig fühlte. Angefangen hatte es mit der Modern-Talking-Fraktion (die sich vor allem als Anti-Sandra-Guerilla verstand). Damals waren die 80er, ich war dreizehn und es war wichtig, eindeutige Präferenzen zu haben. Dann kam die Pet-Shop-Boys-Phase, von der ich dann gleich ins Schwermetallerlager wechselte, wo ich auch etliche Jahre hängen blieb – und eigentlich heute noch ein bisschen dazu gehöre.

In all diesen Grüppchen und Szenen war ich aber immer auch ein Fremdling: Ein Metaller, der Prince vergöttert, ein Rocker, der klassische Musik macht (und mag!), ein AC/DC-Fan, der Elvis hört, ein Junge mit einem grossen Metallica-Aufnäher auf der Jeansjacke und einer Depeche-Mode-Platte im Büchergestell.

Vielleicht hatte das damit zu tun, was mein Jugendfreund Dave an einem Kreator-Konzert sagte, als sich gerade ein paar Unverbesserliche gegenseitig auf die Rübe hauten: «Jede Szene hat mit der Dummheit ihrer Basis zu kämpfen.»

King Kong ist überall

Grazia Pergoletti am Montag, den 18. September 2006 um 0:25 Uhr

Das Vreni von Kämpf/Debatin/Urweider/Lenz ist noch nicht besprochen. Ich werde nächste Woche hingehen und ich bin sicher, es ist grandios. Wie alles zuvor von dieser Clique!

Aber generell, diese «neue Folklore», dieses Bern-ist-überall-Ding… Ich weiss nicht. Setzen Sie sich mal eine Stunde lang auf den Kornhausplatz, und sehen Sie, wer Bern ist: Schwarzafrikaner, Araber, Italiener, Türken, Spanier etc. Warum sehen wir auf den Bühnen (ausser wenn Meret Matter inszeniert!) niemanden dieser Menschen vertreten? Die Durchmischung ist doch das brennendste gesellschaftliche Thema zurzeit! Warum kommt es nicht vor?

Deshalb: Tipp von der Pergolette für kommende Woche: Schauplatz International, ab Mittwoch im Tojo Theater mit King Kong an den blutigen Stränden der Zivilisation, jeweils um 20.30 Uhr.