Gegen Weihnachtsmüdigkeit

Frau Götti am Sonntag, den 24. Dezember 2006 um 12:34 Uhr

Sind Sie auch schon ein bisschen müde von Weihnachten?

Vom Braten und Mailänderli Schlemmen und schweren Barolo Trinken? Vom Zanken mit der Schwester und über-den-Job-Reden mit dem Schwager? Vom sich Sehnen nach alten Kinderzeiten, als die Welt noch in Ordnung war? Vom Päckli Packen und Karten Zeichnen? Vom schlechten Gewissen, wenn Sie keine Päckli gepackt und Karten gezeichnet haben? Vom schlechten Gewissen im Allgemeinen? Vom Begrüssen und Küsschen verteilen und Hände Schütteln und frohe Festtage Wünschen und Vielenvielendank-Sagen und Freude Heucheln?

Dann hilft nur eines: Flüchten. Und zwar spätestens mit dem letzten Bus in die Stadt. Ich zum Beispiel flüchte heute in die Reitschule. Oder was sind Ihre Tipps?

Quartier-Kultur IV

Daniel Gaberell am Freitag, den 22. Dezember 2006 um 13:00 Uhr

Schauplatz auch heute: die Länggasse, Berns nördlichstes Quartier.

Dann, wenn die Scheiben im Café Parterre zu nächtlichen Stunden beschlagen, wenn bei jedem Türöffnen laute Musikfetzen Richtung Falkenplatz dröhnen, dann, wenn eigentlich Schnee liegen sollte und der Heiligabend unmittelbar bevorsteht, dann spielen – wie jedes Jahr – die «Beatles jun.» auf. Die Band rund um Signorino TJ hat bekanntlich einiges drauf.

KulturStattBern traf den Beatle Signorino TJ zum persönlichen Interview:

Verstehe ich das richtig: die wirklichen Stars spielen auch auf kleinen Bühnen für kleine Leute – so wie Ihr im engen Café Parterre vor 40 Leuten?

Als wir damals auf dem Dach der Abbey Road Studios das letzte mal öffentlich spielten, da haben wir gemerkt, dass wir eigentlich im Kleinkunstbereich zu Hause sind. Wir haben darum, nach langjähriger Schaffenspause beschlossen, wieder auf Tournee zu gehen und nur an Wochenenden in Fussballstadien zu spielen. Die kleinen Bars, welche wir unter der Woche bespielen, hat unser Manager Brian Epstein anhand von akribischen Kaffee-Rests ausgewählt. Bern lag auf Platz zwei – unmittelbar hinter Roma.

Diese vier Konzerte im Parterre suchte man vergeblich auf eurem Tourneeplan. Wo habt ihr letzte Woche gespielt und welche Städte/Länder/Kontinente folgen in den nächsten Tagen?

Letzten Samstag spielten wir ein privats Konzert in London zu Ehren der Queen, nächstes Wochenende spielen wir zuerst in Shanghai und anschliessend in einem gelben Zeppelin über dem Kremmel eine Freiluftversion von “back to the U.S.S.R” für das geheime Lustkabinet des russischen Premiers.

Vielleicht noch kurz ein Wort zu euren Gagen im Parterre?

Wir lassen uns seid der offiziellen Trennung der Band nur noch in Naturalien ausbezahlen, da wir uns auch nur noch unter Einnahme starker Medikamente und dauerndem Alkoholkonsum wirklich vertragen können auf diesen engen Bühnen. Zugegebenermassen geriet die Logistik dieser kleinen Berner Bar leicht ins Rudern, als es darum ging den Überseekontainer mit Schnaps im Backstagebereich zu lagern.

Streichen Sie sich in Ihrer neuen Agenda die Vorweihnachtswoche bereits jetzt an – es lohnt sich.

beatles

Der Abend der Verschränkungen

christian pauli am Donnerstag, den 21. Dezember 2006 um 14:00 Uhr

27 Jahre Taktlos und Tonart: Zwei Berner Veranstalter «zwischen Bühne und Raum, Kunst und Club, Performance und Installation» feierten gestern in der Dampfzentrale ihren unrunden Geburtstag.

Zunächst wurde das 342-seitige Buch «13.11.1980 Archie Shepp/Jasata – 20.12.2006 Pan Sonic/Alter Ego» vorgestellt, eine umfangreiche Dokumention zu den 579 Konzerten von Taktlos/Tonart. Ein schönes Buch, das einlädt zum blättern. Tolle Typo und Grafik, feines und grobes Papier, sperrig und gleichzeitig auch zur flüchtigen Lektüre geeignet. Ein Buch der Erinnerung, dadurch sentimental, gewiss. Ein Buch aber auch, das mich hoffungsvoll stimmt, weil es zeigt, dass Musik auch in unserer Zeit ganz anders sein kann, und dass diese Musik sogar in Bern vernastaltet werden kann.

Dann der Festakt, das Konzert Nr. 580: Das finnische Elektro-Duo Pan Sonic spielte mit dem italienischen Kammermusikensemble Alter Ego (die nix zu tun haben mit den deutschen Dancefloor-Namensvettern). Eine strenge, hochspannende Musik, schwer wie harter Techno, leicht wie eine gezupfte Geige. Kompromisslos komponiert, fern ab aller Klischee-Fallen und doch voller Referenzen an Gegenwart und kurz Vergangenes.

Es war ein Abend der Verschränkungen: 27 Jahre lokale Kulturgeschichte mit internationalem Ausblick. Ein zahlreiches Publikum zwischen früher und Avantgarde, zwischen halbalt und älter, zwischen Club und Konservatorium, zwischen heimisch und zugereist. Musik zwischen Electro, Improvisation und zeitgenössischer Komposition. – Ich wünschte mir, es gäbe mehr derartige Bündelungen.

Katerstimmung im Kunstmuseum

Manuel Gnos am Mittwoch, den 20. Dezember 2006 um 14:48 Uhr

Am Montag stellte die Jury das Siegerprojekt vor, am Dienstag freute sich der «Bund» auf einen «prägnanten Museumsbau» und die «Berner Zeitung» (BZ) sprach von einem «mutigen Entscheid», aber seit heute Mittwoch herrscht in der Berner Kunstszene Katerstimmung: «Pläne für den Papierkorb?» fragt der «Bund», während die BZ schon weiss, dass das Projekt «so nicht realisierbar» sei.

Wie auch immer: Wir würden gerne wissen, was Sie zum Projekt denken. Gefällt Ihnen der Vorschlag für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums? Soll er gebaut werden? Braucht das Kunstmuseum Bern überhaupt einen solchen Bau?

Das Projekt «an_gebaut» für den Erweiterungsbau des Berner Kunstmuseums. (Bild zvg)

Finaler Slapstick

Frau Götti am Montag, den 18. Dezember 2006 um 6:30 Uhr

Da war man doch wieder mal ewig lang nicht mehr im Theater. Und dann innerhalb von kürzester Zeit gleich zweimal. Zum Beispiel heute, zum KulturStattBern-Weihnachtsausflügli, um die grosse Frau Pergoletti abzufeiern.

Oder zum Beispiel vor zwei Tagen, um den Showdown der abtretenden Herren Suske und Schönbeck im Stadttheater zu sehen: ihre Interpretation vom Endspiel des grossen Samuel Beckett.

Bei der ersten Szene fragt man sich mehr und mehr: Bin ich überhaupt im richtigen Film äh Stück. Denn es ist zunächst nicht Beckett, was uns die Herren da servieren. Sondern Eigenleistung. Und zwar in Form von “Slapstick und Sprücheklopfwettkampf“, wie es im Hinweis des Stadttheaters heisst. Eigenleistung, die das Publikum wohl auf Becketts Humor hinführen will.

Hat man das kleine Intro einmal überstanden, wandeln sich die Herren doch noch in Hamm und Clov, die Protagonisten des Stücks. die in verzweifelt-komischen Absurdität vom Scheitern am Leben berichten.

Und die beiden Schauspieler beherrschen ihr Handwerk ja schon. Nur: Müssen sie wirklich ihre Sprüche so laut und pompös weiterklopfen, damit das Publikum checkt, dass “nichts komischer” ist “als das Unglück“?

Uwe Schönbeck ist jedenfalls so dominant, dass er Suske an die Wand spielt. Und es sind doch neben aller burlesken Drastik die leisen Worte, die bei Beckett leuchten, wie diese:

Ich gehe so gebeugt, dass ich nur meine Füsse sehe, wenn ich die Augen öffne, und zwischen meinen Beinen ein wenig schwärzlichen Staub. Ich sage mir, dass die Erde erloschen ist, obgleich ich sie nie glühen sah.

Yeah: Gölä is back

Daniel Gaberell am Sonntag, den 17. Dezember 2006 um 11:12 Uhr

gola Wir haben ihn wieder gesehen, gern gesehen, unseren Marco Pfeuti, wie er ja mit richtigem Namen heisst. Ohne Haare und ohne Oberbekleidung, rockt er wieder derart über die Bühne, dass seine zahlreichen Tattoos im Schweiss glänzen als habe er sich seinen Oberkörper mit Vaseline vollgeschmiert.

Und jetzt das: Art on Ice in Zürich, Lausanne, Sheffield und St. Moritz mit Stéphane Labiel, Robin Gibb of the Bee Gees and Gölä.

Hallo Bern, schläfst du? Marco ist ein Oppliger, also ein Hiesiger. Wir haben eine Bernarena, ein neues Wankdorf und Oppligen hätte sonst sicher während den kalten Monaten eine Natureisbahn. Auch denkbar: die innovativen Bierhübeliveranstalter verlegen anstelle von WM-Kunstrasen eine richtige Eisfläche.

Bitte kommentieren und helfen Sie! Liefern Sie Argumente damit wir Art on Ice mit Robin und Marco nach Bern holen können.

Vielen Dank.

Lob aus dem Feuilleton

christian pauli am Samstag, den 16. Dezember 2006 um 1:00 Uhr

Es kommt ja selten genug vor, dass unsere kleine Stadt in den hehren Feuilletons dies- und jenseits der Schwabengrenze Erwähnung findet. Deshalb machte gestern Freitag eine knappe Notiz im deutschen Internetdienst Perlentaucher neugierg: «Marco Rossi findet den Umgang der Stadt Bern mit ihrem Bauerbe vorbildlichStadt Bern. Zürich oder Berlin, das schreibt sich ohne Attribut, aber Bern? Könnte ja sein, dass die Feuilleton-Klientel des Perlentauchers auf Anhieb nicht gerade wüsste…

Wer aber nun schüttet Lob über die Schweizer Hauptstadt aus? Die gute alte Tante von der Falkenstrasse in Little Big Town. «Zusammenspiel von Alt und Neu – Die Stadt Bern pflegt mit ihrem grossen Bauerbe einen vorbildlichen Umgang» titelt also die NZZ. Der Artikel steigt ein mit der hier leidlich bekannten Diskussion um den Baldachin, das nun zu bauende Stadttor am Bahnhof. Aber eigentlich ist der NZZ-Text eine Hommage an den abtretenden Berner Denkmalpfleger Bernhard Furrer («beschritt wiederholt neue Wege»).

Wir wollen das hier nicht beurteilen. Als Nachbar habe ich mich einfach darüber amüsiert, dass in der NZZ der gute alte Quartierhof, bekannt als Q-Hof, seine feuilletonistische Weihe abbekommt: «Exemplarisch» und «neu für die Schweiz» sei dessen Erhalt, schreibt Marco Rossi. Q-Hof? Ist das nicht diese ehemalige – und einst durchaus bemerkenswerte – Arbeitersiedlung, von der dank einem hartnäckigen Widerspruch aus der Besetzerszene wenigstens ein kleiner Rest vom Baggerzahn verschont worden ist?

Der Q-Hof sei zwar «nicht ,schön’, aber ein wichtiges soziales Zeugnis», zitiert Rossi Furrer. Mag sein. Als Zeugnis steht der Q-Hof heute aber vielmehr für die Berner Squatter-Szene der Achtziger Jahre, die mittlerweile mächtig in die Jahre gekommen ist. So muss das wohl sein mit der Denkmalpflege: Immer locker 100 Jahre hintendrein.

Well, hello

Manuel Gnos am Donnerstag, den 14. Dezember 2006 um 12:15 Uhr

Sophia am 13. Dezember 2006 im Fri-Son. (Bild: Manuel Gnos)Robin Proper-Sheppard, der Mann hinter Sophia, ist ein unberechenbarer Mensch. Während er unsere Frau Götti im April dieses Jahres noch mit «ziemlich schnodrigen und ziemlich witzigen Anekdoten» erfreut hatte, bekam das Publikum gestern Abend im Fri-Son lediglich ein knappes «Well, hello», drei Ansagen im Sinn von «The next song is…» und bei jeder Pause ein herzliches «thank you very much» geboten.

Also, das heisst, neben der Musik natürlich. Und die ist bei Sophia schlicht und einfach überwältigend. Eröffnet haben Mister Proper-Sheppard und seine fünf Mitstreiter den Abend mit drei Songs, die langsamer, trauriger und leidender nicht hätten sein können. Sicher nicht der Konzertauftakt, der es ins Handbuch «How to be a rock star» schaffen würde.

Aber egal, bei Proper-Sheppard funktioniert auch das. Mehr noch, er kann das Konzert mit dem Song «I Left You» beginnen. Denn das Publikum weiss, dass er es bei ihm nicht tun wird – jedenfalls nicht, bevor er sein Leiden und Fürchten in Musik umgesetzt hat. Und auch nicht, bevor er Lautstärke und Tempo kontinuierlich hinaufgeschraubt hat. Sondern erst, wenn er den Auftritt zu einem fulminanten, ewig währenden Gitarrengewitter im Dreivierteltakt hat kommen lassen.

Einmal mehr wurde klar, dass Sophia eine Band ist, deren Musik man weder zum Einschlafen hört noch als Soundtrack zum sorglosen Aufwachen an einem milden Sonntagmorgen im Frühling. Nein, Sophias Musik eignet sich für beides nicht: Man hört sie, um schlaflose Nächte voller Trauer und Schmerz besser auszuhalten.

Dienstag Abend in Bern

Grazia Pergoletti am Mittwoch, den 13. Dezember 2006 um 14:56 Uhr

Und hier wiedermal ein Bericht aus dem Nähkästchen der Patricia Boser der Lokalkunstszene:

Wie die geneigte Barfliege weiss, findet jeden Dienstag im Sous Soul ein offener Jazz-Jam statt. Es lohnt sich sowieso, da mal hinzugehen, denn erstens sind es meist recht virtuose Jazzschüler, die da mit grossem Spass aufspielen, und zweitens ist es ganz angenehm, weil das Lokal an diesem Abend nicht so brechend voll ist. (Und die Gäste nicht so voll, dass sie brechen. Sorry, blöder Scherz.)

Nun begab es sich aber Gestern, dass die Institution Züri West ihr Weihnachtsessen in eben diesem Sous Soul feierte. Und natürlich wurden nach Mitternacht Stimmen laut, dass die Herren zwecks Unterfütterung des Mythos jetzt doch bitte auf die Bühne steigen und ein kleines feines akustisches Improvisatiönchen zum Besten geben sollten.

Und siehe da, nach langem Zureden, Herumstehen und Gedrukse gab es eine wacklige und charmante Kostprobe eines neuen Songs. Ich habe nur “Fische versänke” und “studiere, studiere – probiere, probiere” verstanden. Foto hab ich leider keines, aber ich bin ja auch nicht der Bärner Bär. Uncool war’s und echt sweet!

Weihnachtskunst

Daniel Gaberell am Dienstag, den 12. Dezember 2006 um 15:40 Uhr

Der neue Adventskalender von «Haus am Gern» hat 17 Türchen und flatterte gestern in die Briefkästen der Schweizer Haushaltungen. Haus am Gern? Das sind Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta. Haus am Gern ist ein künstlerisches Unternehmen frei von geografischen Fixpunkten. Allerdings: viele Arbeiten der beiden wurden (und sind) schon öfters in Berns einschlägigen Kunsthäusern ausgestellt.

Haus am Gern macht aber nicht nur Kunst. 17 verschiedene Publikationen sind in der Edition Haus am Gern bis heute erschienen.

Zum Beispiel Nummer 07: «Heinz baut», ein Daumenkino von 116 Seiten für 7 Franken. Innert einer Sekunde entsteht ein 15 Meter hoher Turm.

Oder die 08: 204 Seiten mit Fotos von 200 Schweizer Scheiben- und Schiessständen (45 Franken).

Auch gut: die Nummer 16 – ein Künstlerbuch von 512 Seiten. Dieses Stück bleibt unverkäuflich, kann aber für 100 Franken pro Monat gemietet werden.

Hier finden Sie das gesamte Angebot und somit dürfen Sie eine stressfreie Vorweihnachtszeit geniessen – die Geschenkfrage hat sich für Sie soeben erledigt.

Gernn