Beiträge mit dem Schlagwort ‘Konzert Theater Bern’

Bern auf Probe: Tanz der Genderidentitäten

Anna Papst am Dienstag den 17. April 2018

Perückenköpfe, Sterne, Spiegel und rosarote Plastikpferde: Die Kunst heisst Musical!

 

Betritt man diese Tage die Vidmar 1, wähnt man sich in den späten Achtzigern: Ein riesiger, grünglänzender Stern nimmt die Bühnenmitte ein, die Protagonistin trägt eine Lederkluft mit Bikershorts, Corsage und Fransenjacke. Coiffeurstühle und Perückenköpfe säumen den Bühnenrand, die Seitenwände sind mit Spiegeln versehen; der ganze Raum schafft eine Anlage von Verkleidung und Travestie. Wo ausgefallene Frisuren auf rollbare Sitzgelegenheiten treffen, ist das Musical nicht weit: Geprobt wird „Coco“, geschrieben von Alexander Seibt, komponiert von Marcus Schönholzer. Diesen Beitrag weiterlesen »

Postkarte aus Fränwilje-Tobenlosch

Anna Papst am Mittwoch den 28. Februar 2018

Der wunderschöne Erdenfleck ist bilingue und wir sind es auch: Wir diesjährigen Autor*innen des Stück Labors haben uns für eine Schreibretraite im Gasthaus “Des Gorges” in Frinvillier-Taubenloch, ja, eingenistet, und erzählen auf Französisch und Deutsch von poststrukturalistischen Soldaten und gefallenen Kosmonauten, von gebrochenen Verbrechern und Löchern in der Wirklichkeit.

Innerhalb der nächsten zehn Monate werden unsere Stücke in Basel, Bern und Genf uraufgeführt werden, aber noch befinden wir uns in der Autorenblase, in der jede Änderung nur eine Backspacetaste entfernt ist. Wenn der Kopf zu voll und der Magen zu leer ist, fallen wir dreimal um und landen bei Juri im Restaurant. Vier Wildschweinwürste später rattert die Gedankenmaschine wieder, es klappert die Tastatur. “Schreiben ist eine einsame Tätigkeit”, lautet gefühlt jede zweite Überschrift eines Interviews mit einem*r Autor*in. Schön, dass wir an diesem einsamen Ort zu viert sind.

Taubenlochschlucht (schönes Wort)

Im Gasthaus “Des Gorges” kann man fantastisch essen und tief schlafen

Im Stück Labor wird Gegenwartsdramatik gebraut

Gewinnen mit KSB: Must-Read auf der Bühne

Anna Papst am Dienstag den 16. Januar 2018

Eine kurze Umfrage im Bekanntenkreis zeigt: In der Hand gehabt hat den Roman “Malina” von Ingeborg Bachmann schon jede*r. Doch während die Einen ihn verschlungen und zum Lieblingsbuch erkoren haben, haben die Anderen ihn, nicht ohne Scham und Reue, niemals zu Ende gelesen. Während die Einen ins Schwärmen kommen über die Eindringlichkeit der Sprache und die Klugheit der textlichen Collage, beschreiben die Anderen die Lektüre als zäh und zusammenhangslos.

Malina ist entgegen häufiger Annahme ein Mann. Die Frau wird schlicht mit “Sie” benannt.                Jürg Wisbach und Chantal Le Moign in der Inszenierung von Mizgin Bilmen. (Foto: Anette Boutellier)

 

Wer mitreden, aber nicht lesen will, hat nun die Chance, sich die Chose als Schauspiel anzusehen: Am Konzert Theater Bern inszeniert die junge Regisseurin Mizgin Bilmen, bekannt für bildstarke Inszenierungen das polarisierende Werk. Wer “Malina” längst gelesen verinnerlicht hat, darf gespannt sein, in welcher Form der an und für sich handlungsarme Roman auf die Bühne kommt.

Eine kleine Leseprobe des Werks sei hier gegeben. Eingefleischte Bachmann- bzw. Malina-Fans werden sofort wissen, auf welcher Seite diese Passage zu finden ist, Neulinge mögen ihre örtliche Bibliothek oder eine gut sortierte Buchhandlung konsultieren und eifrig zu blättern beginnen:

“Denn Heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften, für alle anderen hat es schlechterdings keinen Sinn, ›heute‹ ist bloß die Bezeichnung eines beliebigen Tages für sie, eben für heute, ihnen ist klar, daß sie wieder nur acht Stunden zu arbeiten haben oder sich freinehmen, ein paar Wege machen werden, etwas einkaufen müssen, eine Morgen- und eine Abendzeitung lesen, einen Kaffee trinken, etwas vergessen haben, verabredet sind, jemand anrufen müssen, ein Tag also, an dem etwas zu geschehen hat oder besser doch nicht zu viel geschieht.”

Mit etwas Glück gewinnen Sie 2 Tickets! Schicken Sie eine Mail mit Stichwort “Heute” bis Mittwoch 17. Januar um 12:00 Uhr an diese Adresse.

“Malina” von Ingeborg Bachmann, Inszenierung Mizgin Bilmen, 17.Januar 2018, 19:30 Uhr, Vidmar 2, weitere Vorstellungen bis 21. März 2018

Bern auf Probe: Erzählerin 4 hat die Grippe

Anna Papst am Dienstag den 19. Dezember 2017

Die Grippewelle macht auch vor dem Theater nicht halt: Irina Wrona, eine von vier Darsteller_innen in „Die Toten“, ist krank. Die Probe von Christian Krachts Roman muss – drei Tage vor Premiere – ohne sie stattfinden. Die Souffleuse liest Wronas Textpassagen, die Regieassistentin schlägt vor, sie könne sich anstelle der Erkrankten in die rechts auf der Bühne platzierte Badewanne legen. Regisseurin Claudia Meyer erkundigt sich besorgt, ob sich jemand der Anwesenden ebenfalls krank fühle. Schauspieler Alexander Maria Schmidt trinkt zur Stärkung der Immunabwehr einen Ingwershot, während sein Kollege Nico Delpy eröffnet, er habe beschlossen, nicht krank zu werden.

Schauen zu, wie der Kollege für zwei spielt: Schauspieler Gabriel Schneider und Souffleuse Sabine Bremer

In Unterbesetzung wird der Anfang des Stückes geprobt. Der sei eine echte Knacknuss, verrät Meyer. Sie habe schon unzählige Versionen dieses Anfangs geprobt, sei aber immer noch nicht ganz zufrieden. Immerhin, bei der heutigen Probe muss sie oft lachen. Und sei es dem häufigen Proben geschuldet oder der gründlichen Vorbereitung, jedenfalls zitiert Meyer sämtliche Passagen, die sie anders haben möchte, auswendig. Sie erweist sich als ebenso genau wie streng: „Nun“ darf nicht mit „jetzt“ paraphrasiert werden, „heisst“ nicht durch „ist“.
Von den vielen Wiederholungen ein Lied singen kann Nico Delpy: „Ernst Nägeli gab an, am allerliebsten hartgekochte Eier mit Bauernbrot und Butter und Tomatenscheiben zu essen“, habe er schon so oft sagen müssen, dass er den Satz nun jeweils variiere, damit er nicht jegliche Bedeutung verliere. Allein schon das Wort „Bauernbrot“ mache ihn wahnsinnig. So isst Nägeli bei ihm einmal Nüsslisalat, einmal Spaghetti, einmal Quinoa. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Gurlitts schrecklich nette Familie

Anna Papst am Dienstag den 31. Oktober 2017

Wenn eine Gruppe seit 18 Jahren Theater macht, sammelt sich einiges an. Im Proberaum von Schauplatz International, einem Urgestein der Freien Szene, lassen sich unter anderem ein Ruder-Fitness-Gerät, ein Keyboard, drei Fahrräder, rund 60 Klappstühle, drei Kaffeemaschinen, eine Mikrowelle, zwei Turnmatten, eine Gitarre, ein Fussball, eine Bratpfanne, eine Spritzflasche zur Pflanzenbewässerung und ein Skianzug finden. Das buntgemischte Sammelsurium erinnert an den Inhalt eigener Keller-, Estrich- und anderer Stauräume. In dieser vertrauten Kollektion von Übriggebliebenem macht man es sich gerne gemütlich, um von sich zu erzählen. So wie Marianne Kaiser, die am heutigen Probentag von Anna-Lisa Ellend für das Projekt „Gurlitts entarteter Schatten“ interviewt wird. Darin geht es um ein fiktives Familientreffen der Gurlitts, die alle irgendwie mit Kunst zu tun haben. Biographien und Kunstbezug der behaupteten Gurlitt-Familie speisen sich aus Interviews mit dem Schauspieler Nico Delpy und vier Bernerinnen und Bernern, die die Familienmitglieder auf der Bühne verkörpern.

Was an diesem Familientreffen wohl verhandelt wird? Probefoto von “Gurlitts entarteter Schatten”, geschossen von Schauplatz International Mitglied Anna-Lisa Ellend

Marianne Kaiser wird eine Tante von Cornelius Gurlitt spielen, die aus einem engen Tal kommt. Bei ihr selbst ist es das Emmental. In einem behüteten Mehrfamilienhaus, in dem neben ihren Eltern und Geschwistern auch noch Grosseltern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen gewohnt haben, ist sie aufgewachsen. Es wurde ihr im Emmental aber bald zu eng. Mit Marschmusik und Dorfchilbi konnte sie nicht viel anfangen. Als Jugendliche verschlang sie das Buch „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und war fasziniert vom kaputten Berliner Milieu. Bleich sein, fand sie, die mit ihren roten Backen quasi das Inbild des gesunden Landlebens war, das Nonplusultra.
Während Marianne Kaiser erzählt, führt Albert Liebl Protokoll, das neunzigminütige Gespräch wird vom Klicken der Computertastatur begleitet. Anna-Lisa Ellend stellt ihre Fragen der Chronologie des Heranwachsens entlang, kommt von Privatem auf Zeitgeschichtliches zu sprechen. Marianne Kaiser erzählt von Zaffaraya, von einer Zeit, in der es jede Woche eine Demonstration inklusive Sitzstreik vor der Schützenmatte gab. Später protestierte man gegen die Atomtests unter Jacques Chirac oder pilgerte nach Mühleberg um gegen hiesige AKWs mobil zu machen.

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Bern auf Probe: Der gefesselte Sekretär

Anna Papst am Dienstag den 19. September 2017

Es ist gar nicht so leicht, einen Menschen zu fesseln. Weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinn. Im übertragenen Sinn besteht die Schwierigkeit darin, ihn mit einer künstlerischen Darbietung bei der Stange zu halten, damit er nicht abdriftet und bei drängenden, wenn auch ungleich profaneren Gedanken wie der Frage, was er sich zum Lunch gönnen soll und ob er bis zum nächsten Waschtag noch genügend saubere Unterhosen hat, landet. Im wörtlichen Sinne strampelt der zu fesselnde Mensch, was das Zeug hält, das Seil lässt sich nur mit Mühe verknoten, und schnürt man es am ausgestreckten Körper zusammen, rutscht es wieder herunter, sobald der Gefesselte eine gebeugtere Haltung einnimmt. So zu beobachten in der Vidmar 2 des Konzert Theater Bern, wo gerade “Island” von Gornaya geprobt wird.

Da hüpft er noch frei herum: David Berger auf der Probe zu “Island”

Gefesselt werden soll der Schauspieler David Berger, und zwar von nicht weniger als drei weiteren Ensemblemitgliedern. Florentine Krafft sitzt auf seinen Beinen, Diesen Beitrag weiterlesen »