Archiv für die Kategorie ‘Zukünfte’

Da grinst er dann, der Gränni

Mirko Schwab am Freitag den 24. November 2017

Il y jaja: Zuwachs am Bollwerk. Heute wird der erste Schaumwein geköpft im Gränni – und die halbe Stadt stellt sich W-Fragen. Wir haben uns deshalb noch rechtzeitig vor der Eröffnung mit einem der Drahtzieher verabredet auf ein Glas.

Storen hoch am Bollwerk 39, Auftritt Gränni.

Inventur: Eine F***book-Seite. Ein hipstoresk verzettelter Schriftzug. Eine Adresse, alles vornehm zurückhaltend in Schwarzweiss. Und ein etwas selbstgefällig windiger Kunstschul-Promotext, der mit brauchbaren Informationen geizt …

Nicht wenigen ist in den letzten Tagen und Wochen der «Gränni» untergekommen als sozialmediales Treibgut – und nicht wenige haben sich gewundert ob der zelebrierten Geheimnistuerei. Als eine bekanntere Band kürzlich ihre Spieldaten veröffentlicht hat und also dieser ominöse Gränni auf dem Tourtableau figurierte, da monierte drunter jemand einigermassen vehement: «WTF is Gränni?»

Ja, what the fuck denn nun? Ich treffe meinen hombre Valentin Hehl an besagter Adresse, Bollwerk 39, an der Hauptschlagader des hauptstädtischen Nachtlebens, schön vis-à-vis des Schandflecks of our hearts. Zwischen Diskothek und Omelettenbar versteckt sich da ein kleines Lokal hinter heruntergelassenen Storen. Hehl, ein schneidiger Mittzwanziger mit unverbrauchtem Gesicht, er geleitet mich herein. Umgeben von mattschwarz gestrichenen Wänden stehen wir dann am Tresen. Eine gleichermassen lieblich und säuberlich selbstgezimmerte Ausschenke, die programmatisch die gesamte Stirnseite des Raums beansprucht.

«Also eine Bar wird das geben» setze ich an. «Auch» hält Hehl dagegen, um dann gleich einen wesentlich fülligeren Ideenkatalog aufzufächern: Kleine Konzerte und kleine Raves, komödiantische Theaterabende und geselliges Kartenspiel, Karaoke und üppige «Tavolate» – überhaupt gastrokultureller Experimentiergeist sei es, der sie hier antreibe an der Hausnummer 39. In der improvisierten Kleinküche hinter der Bar rüsten sich derweil zwei Köche für ein Testessen. Im Publikumsraum steht schon grosszügig Beschallungstechnik bereit. Ja, denke ich bei mir, die haben einiges vor mit diesem Zimmerchen.

Schon am Anfang des Gesprächs stellt Hehl klar, dass nicht er alleine diesen Ort repräsentieren will. Und dass er schon gar nicht für alles verantwortlich zeichne, was es hier bald zu erleben gebe. Ganz generell gehe es nicht darum, die einzelnen Kulturköpfe hinter dem Projekt zu fokussieren. Ein bunter Haufen seien sie, die benachbarte «Chouette» sei zu Teilen involviert, daneben andere, befreundete Köpfe, einige davon aus Hehls angestammtem Veranstalterkollektiv «Fester», andere aus dem Dunstkreis eines weitverästelten Umfelds. Lieber aber weist er mich auf die schrullige Plastik im Eingangsbereich hin. Eine unförmige Herrennatur mit verzogenem Gesicht begrüsst jeden, der das Lokal betritt. Das sei jetzt eben der Gränni. Ein grummliger Schutzpatron und die Gallionsfigur, die im Team sonst keiner sein mag.

«Ein Gränni nur auf Zeit.» Die Sache ist befristet auf runde drei Monate genau, die am 24. Februar zu Ende gehen werden. Ich frage Hehl nach einer Zutat, die man dem Berner Nachtleben mit diesem Ort mitgeben wolle, nach einem Mehrwert, der die blosse Erweiterung vom Angebot übersteigt. Da spielten ihnen sicher die Rahmenbedingungen einer Zwischennutzung in die Karten, die das Experimentieren zulassen würden, die Spontaneität, das Ungeplante. So seien zwar die Wochenenden bis weit ins neue Jahr hinein bereits verplant, unter der Woche aber gäbs noch reichlich Platz – Platz auch für alle, die eine gescheite Idee haben und im Projekt mitmischen wollen. (So drop them Grännis a nice line.)

Wie sich der neue Schuppen im Downtown Bollwerk einleben wird, ob sich daraus eine fruchtbare Perspektivik fürs hauptstädtische Nachtleben erschliesst oder Bewährtes lediglich einen aufgerfrischten Anstrich erhält – es wird sich zeigen. Etwas Mut zur Schräglage wäre dem Projekt sicherlich zu wünschen. Eines ersten schelmischen Erfolgs jedenfalls dürfen sich Hehl und die Grännis schonmal rühmen: Studiert man nämlich das eingangs erwähnte Tourplänchen der Zürcher Band Wolfman etwas genauer, behauptet sich die kleine Kulturbar ganz schön selbstsicher neben der stolzen Luzerner Schüür, dem traditionsreichen Aarauer Kiff und dem weltgewandten Zürcher Exil.

Und da grinst er dann, der Gränni.

Vom 24. November bis zum 24. Februar. Grand opening today. Ab 17 Uhr werden die Wände vor Publikum bepinselt, danach Baile alter Schule mit der Secret Golden Pyramid Raidin’ Boom Bap Clique.

Letzte Runde №1: Albert Einstein

Mirko Schwab am Freitag den 18. August 2017

Sind es die Tramadoltröpfchen oder ist eben gerade …
Grosse Persönlichkeiten der Kulturgeschichte gehen im «3 Eidgenossen» eins ziehen. Letzte Runde!
Heute mit Albert Einstein
.

«Und deshalb ist es gut, dass du einmal stirbst» hat er ihm gesagt und ein selbstgerechtes Lächeln hinterhergereicht. Der andere, schon deutlich ältere der beiden Feisten, die sie da sassen und Stangen tranken und Stangen rauchten, sagte darauf nichts. Auch ich fand es recht frech. «Doch, lueg», setzte er nach, «du hast jetzt vielleicht noch deine Ressentiments gegenüber den Neuen, genauso, wie deine Eltern damals, als die Tschinggen raufgekommen sind.» Vom Gesprächsthema verdrossen bemühte ich mich um schnelles Rauchen. «Aber deine Eltern, die sind jetzt tot» raunte er schnörkellos «und den Ernesto, weisst, der von Bethlehem, den findest du ja auch einen Geraden.» Und genauso gehe es dann der nächsten Generation mit den Neuen. Und eben deshalb sei es gut, sagte er, «dass du einmal stirbst.» Also doch: Ein Satz von kühner Weisheit.

Diesen Beitrag weiterlesen »

Sohn des Zweifels

Mirko Schwab am Donnerstag den 11. Mai 2017

Es ist ein Geschenk unserer Zeit, dass wir über DJ-Sets schreiben dürfen in der Erscheinung als kleine Kunstwerke. Zum Beispiel letzthin dank Sképson.

Sképson, Produzent und DJ. Photo: Nicu Strobo (www.nschmid.ch)

Tobias Jakob ist ein stiller Mann und Schaffer. Keiner, der aus unsauberen Motiven hinter dem Pult stehen würde. Wegen den Girls oder den Gratisgetränken. Oder den geckenhaften Moves, mit denen Einfallslosigkeit an den Reglern gerne kompensiert wird: Kopfhörer lässig eingeklemmt zwischen Schulter und Ohr, der tätowierte Arm nach dem einen Potie ausgestreckt, als gälte es, eine Heldenstatue der eigenen Männlichkeit zu werden, bevor mit gymnastischer Verve der Bass gedroppt, gedienstleistet wird, an jener Stelle, da der Saal ihn nach sechzehn Takten verlangt hat, das Controlpad am Glühen, der Scheiss ist lit, schnell wieder hochziehen und sich dann laben in der Dusche verzückten Gekreisches aus der ersten Reihe. Nein, so einer ist er nicht.

Die Rechnung ist eine umgekehrte: Jakobs Bühnen-Ich Sképson steht da in recht unspektakulärer Konzentration. Wenn es einen gäbe, der seine Steuererklärung im Stehen ausfüllte, sähe das vielleicht ganz ähnlich aus. Der Witz kommt aus den Boxen. Verträumte Synthesizergewebe im Donnergrollen. Grollen, das über einen hereinbricht, wenn man sich gerade die Zigarette anzuzünden im Begriff ist. Das Unerwartete und Schelmische reitet immer mit auf Sképsons dringlichem Ritt durch wohlkuratierten Techno und Eigenkompositionen hie und da. Und der Zweifel: Jeder draufgängerischen Wendung scheint auch ein Rest Unsicherheit anzuhaften, die eben dort entsteht, wo die gängigen Regeln der eigenen intuitiven Kraft entgegenlaufen. Kunst halt.

Zuerst war das DJ-Set nicht mehr als die Summe seiner Bestandteile. Im besten Fall gut erlesene Stücke, so aneinandergereiht, dass niemand am Schwofen gehindert ward. Das Set aber als eigene Grösse, in der das Ausgelesene aufgeht in einer selbständigen Geschichte, es ist ein Geschenk unserer Zeit. Und Sképson, der ewige Zweifler, stille Draufgänger; ein wahrer Held derjenigen, die zum Tanzen auch die Ohren spitzen.

Aus dem Rössli, 27. April:

Sképson ist nur einer vom Label «Tiefgang Recordings», das die lebendige Berner Technoszene seit Jahren um eine bittersüsse Note bereichert.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag den 19. Februar 2017

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Photokredit: Rôgn H.

Es lag in der Luft und dann ist es explodiert.
Leute flogen durch den Raum, Bier, ein Stuhl. Einer hing am Lichtgebälk.
Scheinwerfer ein für den Bassderwisch Bit, Scheinwerfer ein für den göldenen Chronisten.
Liebe in Zeiten vom kommenden Alltag.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück. Kommt halt auch drauf an, wann man wieder essen kann.

Berner Beben (2)

Urs Rihs am Sonntag den 29. Januar 2017

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Berner Beben (1)…In der Kuppelhalle schneit es kleine Papierschnipsel als du eintrittst. Der Boden ist übersät mit Glassplitter und Marmorbruch. Die drei Eidgenossen stehen schief auf ihrem Sockel, Arnold von Melchtals Kopf liegt am Boden. Du folgst der Treppe hoch, geleitet von einem Geruch. Mittelmeer liegt in der Luft: Salz, Fisch, Gewürze.

Im Nationalratssaal rühren Menschen in grossen Pfannen Eintöpfe an, eine Gruppe Secondos aus Spanien und Portugal debattiert über Ingredienzen. Die Stimmung ist ausgelassen.
Du isst den besten Teller Paella deines Lebens und hörst, wie sich Kinder über den Westen der Stadt unterhalten: «Bethlehem hat es nicht ganz so heftig erwischt, dort stehen gar noch ein paar Hochhäuser! Die versuchen da einen Radiosender aufzubauen.» «Ja, ich habs auch gesehen, die haben eine riesige Antenne auf den Wohnturm gehievt!»
Es stimmt also, die Dreieckskooperative scheint sich zu organisieren, bis anhin war nur gerüchteweise davon zu hören. Durch einen alten Polizeifunk am Waisenhausplatz hatte wer das Kredo der Kooperative mitgeschnitten: Eine direkte Aktion mit der Utopie Neu-Bern kulturell zu resetten: Kein Subventionsfilz mehr, keine Grabenkämpfe in der freien Szene, alles multidisziplinär und synergetisch. Mit einem gemeinsamen Organ, einem freien Radio, an drei Orten stationiert.

Dein Plan ist klar, du willst da hin und mittun, diese Chance gibt es nur genau jetzt. Und den Reaktionären muss Paroli geboten werden. Die sind nicht untätig. Kurz nach dem Beben hat sich im Stadttheater die Rebellengruppe «DHP» eingenistet: «Die hochkulturellen Puristen», mit dem Ziel ihre Burg bis aufs blaue Blut zu verteidigen. Ihre markige Losung – Nach dem Zaster, bleibt der Stand! – kursiert auf den wertlosen Geldscheinen, als Mahnmal quasi. Einige riechen schon den Bürgerkrieg zwischen den Rebellen und schwadronierenden K-Kollektiven. Diese versuchen ihrerseits in den Gassen postrevolutionäre Theorien rigoros durchzusetzen und provozieren dabei üble Strassenschlachten. Transparente an Ruinenmauern in der Lorraine mit der Aufschrift «Das Beben zerrüttet seine eigenen Kinder!» zeugen von den Auseinandersetzungen.

Nun denn, du holst dir noch eine Portion Paella zur Stärkung, bedankst dich bei der Vokü-Gruppe und machst dich auf den Weg. An den offenen Adern der Stadt entlang Richtung Bümpliz. Es ist Nacht und bitterkalt, aber du trägst Hoffnung in dir, Hoffnung auf die Versprechen der Dreieckskooperative.

Einer der noch stehenden Wohntürme in Berns Westen, Base der Dreieckskooperative.

Redaktorin die Krstic übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Läng

Berner Beben (1)

Mirko Schwab am Samstag den 21. Januar 2017

Bern Zweitausendundbald. Ein Erdbeben hat die Sandsteinstadt aus den Angeln gehoben und mit ihr Recht und Ordnung. In den Trümmern gedeihts. Eine Fantasie in Fortsetzungen. Szenen in der neuen Stadt.

Als es zu rumoren beginnt und der Gassenboden sich auftut und das Geläut der zitternden Kirchen, als die Leuchtreklamen sich aus den Halterungen lösen, als die Welle gegen den Bahnhof brandet und das Senkeltram in der Waagrechten liegt, als oben und unten durcheinanderkommen in ein paar entrückten Augenblicken – da greift Frau Mülller noch zum Hörer, um sich über den Lärm zu beschweren.

Und da streichst du durch den Staub. Rasch war das Nötigste eingerichtet worden in Zelten und Baracken. Dir gefällt, wie der ganze Wohlstand dafür eingesetzt wurde, das Nötige zu bezeichnen, herzuschaffen und ausnahmslos allen zur Verfügung zu stellen. In der Suppenküche interessiert es niemand, wer du warst vor dem Beben, seit welcher Generation du hier warst, ob du Pfarrer warst oder Hure oder von der Polizei.

Also gehst du furchtlos durch den Staub. Auf der Suche nach deinen Leuten und nach den Plätzen. All die Orte, die du im Schlaf gefunden hättest, die im Schlaf standen seit du dich erinnern kannst, sind jetzt faszinierende Wimmelbilder. In den Zwischenräumen versammeln sich die Bebenskinder und am offenen Thorax der Strassen entsteht, was du zuvor nicht kanntest: echte Öffentlichkeit als Raum für alle. Zu erkunden ziehst du weiter mit den offensten Augen. Die Dämmerung legt sich langsam über die Wimmelbilder, die Bebenskinder entzünden Feuerstellen. Dein Blick folgt den Rauchsäulen und du entdeckst, wie Lichter leuchten in den glaslosen Fenstern des eingefallenen Kuppelbaus, der einst Bundeshaus hiess und noch keinen neuen Namen hat, weil noch nichts einen neuen Namen hat. Du gehst hin und die Tür steht offen.

Redaktor der Urs übernimmt und macht aus der angebrochenen Fantasie eine eigene.
Der Film «Berner Beben» aus dem Jahr 1990 dokumentiert die metaphorischen Erdbeben der Achtzigerjahre und zeigt, dass lebendige Stadtkultur eben Beben braucht. Hier in voller Länge.

Die Stadt lebt, wo sie ächzt

Mirko Schwab am Freitag den 30. September 2016

Dass die letzten Tage des Treppendachs am Bahnhof Ausserholligen GBS angebrochen sind, ist schnell gesehen: Der neue Stationsname ist mit Folie notdürftig über das alte Leuchtschild gepappt, Löcher im Plastik gähnen seit Monaten – in einer Stadt, in der kaum eine Kritzelei die Nacht ihrer Entstehung überlebt.

ah2

«Ausserholligen GBS» Verschiedene Materialien auf Plastik, Stahl und Beton, Gemeinschaftsarbeit. Verschiedene Autoren, Bern, 2016.

Am Europaplatz wird eifrig an jener mutlosen Idee peripherer Stadt gewerkelt, wie sie auch im Wankdorf Niederschlag findet in gläsernen und doch feisten Büroklötzen und auf weitläufigen Betonplätzen, die sogar den Vögeln zu tot sind, um darauf zu rasten. «Entwicklungsschwerpunkte» nennen die Behörden diese städtebaulichen Versäumnisse der Spätmoderne. Und putzen weg, was noch da ist aus der Zeit der Vernachlässigung. Nur weil sich aber jahrzehntelang kein Schwein vermarktbare Namen ausgedacht hat für solche Orte, bedeutet das nicht, dass dort nicht auch gelebt worden wäre.

Zum Beispiel unser Treppendach. Eine in ungünstigster Weise modische Tat aus der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, heruntergehundet, und vergilbt, von kunstvollen Graffiti und hingekotzten, von sinnigen und juvenilen Kritzeleien übersät, Kleber, Kleister, Kaugummi, schlängelt es sich wie ein armer Wurm zu den Gleisen der Gürbentallinie herab. Es ist ein grossartiger, grossstädischer Ort, dem eine Geschichte ins Gesicht geschrieben steht. Die Geschichte der Wütenden, Verliebten und Gelangweilten, die sich am Europaplatz schon herumtrieben, als der Ort noch nach dem Karrosseriebauunternehmen Gangloff hiess und kein eigenes Einkaufszentrum hatte. Wer denkt sich eigentlich immer so innovative Konzepte aus?

Es ist also ein symbolischer Ort amtsgrauer Ideenlosigkeit und unliebsamer urbaner Sprenkel. Das autonome «Café Toujours» ist Anrainer des Platzes, sie werden es räumen. Und sie werden das Treppendach wegputzen, weil es den «Kundenanforderungen» nicht mehr genüge und verschandelt sei. Das Hässliche aber gehört zur Stadt und die Verschandelung hat Urheber. Sie lassen sich nicht folgenlos weggentrifizieren. Und auch: Wollen wir Kunden sein?

Lasst den armen Wurm stehen und lasst ihn verenden. Solange ein Dach verhindert, dass alte Leute die nasse Treppe heruntergereicht werden, solange der Lift jene befördern kann, die ihn benötigen. Als Denkmal für den Wandel eines Orts, für Gleichzeitigkeit und Imperfektion. Als Oppenheimbrunnen und zufälliges Kunstwerk. Die anmutigsten urbanen Orte sind Schichtwerk – ironischerweise kann genau dieser aus der Zeit gefallene Ort jene Ahnung von Grossstadt einlösen, der die gutgemeinte Aufwertungsarchitektur provinziell hinterherhechelt.

Gegen die Beliebigkeit

Mirko Schwab am Samstag den 6. August 2016

Demonstration vor dem Rathaus: Der Jazz ist nicht tot. Und auch nicht flüchtig. Haudenschilds Trio E:Scape hat gestern sein erstes Extended Play getauft.

MH

Michael Haudenschild zwischen Rhodes und Flügel.

Es tötelet ja immer mal wieder an einschlägigen Jazzfestivals. Entweder geben sich die Programmatoren dann klassizistisch-ignorant und schmeissen ein paar Tributabende für gestorbene Virtuosen. Auf der Bühne nicken sich ältere Herren wissend zu, schütteln die alten Tricks und Gimmicks aus dem Hemdsärmel, während sich ein ebenso altes, gutsituiertes Publikum selbst zunickt. Feeling wie damals in den verrauchten Jazzlöchern der Bopblüte, jetzt halt mit Rauchverbot und nummerierten Plätzen. Oder man gibt sich offen und verwässert den Jazzbegriff mit allerhand ungutem Ethno-World-Eso-Klimbim, um der alten Story verzweifelt so etwas wie Vitalität zu injizieren.

Dabei geht das ganz gelenkig. Und es ist der sensiblen Programmation am BeJazz-Sommer zu verdanken, dass dies Interessierte und Dahergelaufene am Freitagabend zur Hauptsendezeit erfahren dürfen. Nach dem obligatorischen Mikrofontest mit Verweis auf die etwas verwaiste Crêpes-Bude stehen also da: Pianist Michael Haudenschild, Bassist Benjamin Muralt und Paul Amereller am Schlagzeug.
Diesen Beitrag weiterlesen »

Zukünfte: Anfang Februar 2023

Miko Hucko am Mittwoch den 3. Februar 2016

Ich stehe im Migros an der Kasse. Die Frau dahinter lacht. Oder weint. Ich sehe es nicht so genau. Jedenfalls winkt sie die Leute einfach durch, drückt manchen eine bunte Note Schweizer Franken in die Hand. Ich frage sie, ob es wahr sei. Den ganzen Tag, die ganzen letzten 24 Stunden bin ich an den Nachrichten geklebt, und jetzt ist es also passiert: “Wir sollten dafür sorgen, dass niemand verletzt wird”, sagt sie und kommt hinter dem Kassenband hervor.
Kühle Berechnung. Ich drehe mich um und fülle mein Körbli noch ein bisschen mehr. Ohne Geld gibt es keinen Diebstahl. Die anderen Menschen verhalten sich überraschend ruhig und gesittet – ich hätte ja gedacht, dass Chaos Wut Sturmgewehr (siehe Mani Matters Zündhölzli) über uns hereinbrächen. Doch das verbreitete Gefühl ist mehr Trauer, Totenstille, unheimliche, lähmende Angst. Der Verkehr fährt noch, denn die Berner_innen lassen sich nicht so schnell aus der Arbeit zwängen, nur ein paar Trams fallen aus. Ich gehe in den Progr, wo im Innenhof die SP-Stadtpräsidentin von ihrem Bier aufgestanden ist und eine entschuldigende Rede hält, sie hätte nicht daran geglaubt und von nichts gewusst, von ihrem grünen Tischli herab. Überhaupt halten alle Parteien Reden, und sowieso alles, was sich Politiker_in nennt oder Expert_in, aber für einmal sehe ich im SF vor allem Bilder von den Strassen Berns, in denen heute Abend die Tour de Lorraine stattfinden wird. “Haben sie es etwa geahnt?”

Soweit mein Gedankenprotokoll der Ereignisse während des WEF vor zwei Wochen. Sobald mensch mal drin ist, erscheint alles gar nicht so spektakulär, ja, fast schon normal, irgendwie, gar nicht so überschlagen. Und jetzt? Jetzt hat sich der Alltag auch nicht so sehr verändert, also meiner jedenfalls nicht. Aber ich habe ja auch nie “richtig” gearbeitet. Ich wohne immer noch in meiner WG, hänge ein bisschen im Progr, fahre Rad, koche, esse, trinke, denke, spiele – as usual. Klar, ich zahle keine Miete und auch sonst nix mehr. Womit auch?
Zum Glück hat der Bundesrat schnell reagiert und ein Gesetz erlassen, dass Hausbesitzende keinen Eigenbedarf mehr anmelden dürfen, damit ja keineR das Dach überm Kopf verliert aus purem Egoismus. Jetzt sitzen wir alle im selben Boot, nur, dass ein paar halt in grösseren Häusern wohnen. Und Leerstand gibt’s auf einmal in der Innenstadt zuhauf, die Besetzer_innen kommen gar nicht nach vor lauter Raum, denn wozu sollen die grossen Kleiderketten noch Geschäfte haben, wo sie doch kein Geld mehr verdienen können damit?
Der ÖV wird von Freiwilligen gefahren, jedeR 2-3 Stunden am Tag, selbstorganisiert. Genau so die Spitäler und Schulen. Ich selbst gebe einen Nachmittag Theaterkurs an der Sek, der Stundenplan wurde gleich mal gelockert – es wird beigebracht und gelernt, was halt grad geht. Die Strassen sind schmutziger geworden und lauter. Endlich.
Im Bundeshaus sitzt nur noch etwa die Hälfte, ohne Geld und Macht haben die ihre Lust verloren… Da ist noch alles möglich. Die Stadtverwaltung hat schon ganz aufgegeben, die Abteilung Kulturelles braucht es erst recht nicht mehr – denn mehr als Geld verteilen haben sie nie gemacht.
Eine grosse, kreative Erleichterung im Chaos bricht an. Ich fühle mich lebendig.
Wie geht es Ihnen damit, liebe Leser_innen? Wie hat sich Ihr Leben verändert in den letzten Wochen? Was ist Ihnen aufgefallen?

Miko Hucko hat mit Fischer um CHF 1000 gewettet, dass spätestens im Verlauf des Jahres 2023 der Kapitalismus abgeschafft wird. Sie, werte KSB-Lesende sind hiermit Zeug_innen davon. Miko Hucko hofft natürlich, dass wenigstens das Geld rechtzeitig seinen Wert verliert, weil ihr Bankkonto wahrscheinlich nicht voller wird bis dahin.

gegenaufgeklärt

Saskia Winkelmann am Freitag den 22. Januar 2016

Gegenaufklärung ist ein tolles Wort. Noch schöner ist es in Neonlettern geschrieben und über eine Bühne gehängt. Es macht viel auf und verbaut nichts. Ausgerechnet das Konzert Theater Bern veranstaltet die Talkshow von und mit Jürg Halter. Die in der Ankündigung verspricht “das Show-Prinzip“ zu „unterlaufen“. Passt das zusammen? Geht das? KSB war in der 2. Ausgabe der Reihe dabei.

Zum Anfang seiner selbsternannten Anti-Talkshow liest Jürg Halter, gekleidet in etwas, das später als grauer Overall in Erinnerung bleibt, ein Pamphlet, mit dem er das Publikum aufklärt über Dinge, die wir schon wissen, sich dafür entschuldigend, dass wir sie schon wissen. Dass die 62 Superreichen zum Beispiel so viel besitzen wie… Sie wissen schon. Impliziert ist natürlich der Vorwurf, dass sich niemand empört, obwohl wir sehen, was schief läuft. Das aufgeklärte, selbstkritische Theaterpublikum nickt zustimmend – in seiner Komfortzone der Kunst, ist es sicher. (Es klatscht einer im Publikum laut bei den Wörtern Fondue und Münchenbuchsee, die später an diesem Abend fallen.) Der Vorwurf ist richtig. Und Halter ist wütend und verzweifelt über die Welt. Er formuliert das immer wieder sich stoisch wiederholend auf Facebook, in Kolumnen, in seinen Gedichten. Auch heute auf der Bühne.

Gegenauflärung_KonzertTheaterBern_Foto:Michael_Schaer

Diesen Beitrag weiterlesen »