Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Inzwischen Nutzungen

Roland Fischer am Mittwoch den 20. September 2017

Wieder mal ein schönes Reel von Berns bestem Bastelkünstler:

Wie man hört werkt Zimoun übrigens mit Freunden an einem neuen Studio – es ist da ein neuer Kunstwerkort am Entstehen, in Berns Westen. Ebenfalls neu bespielt werden soll das ehemalige Altersheim am Elfenauweg, da sind nicht weniger als 84 Wohn-, Arbeits- und Lagerräume verteilt auf zwei Gebäude mit 5 Stockwerken zu vergeben (bisschen seltsam allerdings dass das über Zürich läuft und nicht über die offizielle Berner Koordinationsstelle). Und apropos ehemaliger Pflegeort, das klingt doch eigentlich auch ganz interessant:

Im 2. Halbjahr 2017 ist die Eröffnung eines Hostelbetriebs auf dem Zieglerareal geplant. Das ehemalige Personalrestaurant soll in Zukunft von Hostelgästen, Flüchtlingen und Quartierbewohnern gemeinsam genutzt werden. Der Verein Ziegler-Freiwillige freut sich auf diese Mischnutzung mit anderen Interessengruppen und ist zuversichtlich, dass dadurch neue Formen der Zusammenarbeit und des Miteinanders entstehen.

Und was tut sich eigentlich so im Süden, im legendären PTT-Hochhaus? Auch schon lang nichts mehr gehört. Und Oh, Gosh! Ein Virtual Reality Kino an der Effingerstrasse 10, Bern (Untergeschoss)? Was entsteht denn da Spannendes?

Dampfere einst und jetzt aber!

Roland Fischer am Donnerstag den 14. September 2017

Es hatte eigentlich alles seine Ordnung:

Mitte der 1980er-Jahre war das Veranstaltungsangebot der Bundesstadt bescheiden: Die freie Tanz- und Theaterszene suchte nach Auftrittsorten. Die Reitschule war verbarrikadiert, die Hüttensiedlung Zaffaraya niedergewalzt. Der Verein Dampfzentrale entstand 1986. Sein Ziel war die kulturelle Nutzung der Dampfzentrale Bern. So reichte er beim Gemeinderat der Stadt Bern ein Gesuch ein.

So hatte das mal ausgesehen da unten – zunächst ländliche Idylle (aus dem Archiv der Burgerbibliothek: Ansicht der Dampfzentrale von Süden – Kamerastandort: ehemaliger Spitz des Marzilibades), dann Rumpelkammer (merci Dampfere! Fotograf: Hansueli Tachsel).

FP.E.186, Bern: Marzilistrasse 47; Marzili, 1904 – ca. 1940, Artist:anonym

Und weil sich in diesen bewegten Zeiten auf dem Dienstweg nicht so viel bewegte, wurde

im Mai 1987 die Dampfzentrale Bern für eine Nacht besetzt und der Züri West-Song «Hansdampf» entstand: «D Wäut schteit uf em Chopf u dräit sech überem Parkett, 1000 Bärner dräie mit u i schtah irgendwo ir Mitti, u cha nid gloube, was i gseh.»

Und für die Nostalgiker hier noch ein Youtube-Fund, 1993:

und das, 1988.

Weitere Funde gern in die Kommentare! Nun wird aber erst mal gefeiert, ab morgen. Mit einem tollen dreitägigen Programm.

Süss wie Coca Cola

Milena Krstic am Samstag den 9. September 2017

C. brachte den Witz mit der Sachertorte und der Wandl guckte unter der Kapuze seines weissen XXL-Pullis hervor und sagte so etwas wie: «Also, geil is’ es’ ja schon». Das war beim Abendessen, stimmiges Einstimmen im Rössli, auf einen Konzertabend der klassischen Sorte: Da tritt ein uber nicer Act auf, ist aber noch nicht so extrem bekannt, also wird auch kaum jemand erscheinen. Das is’ net so geil, aber truth hurts immer.

Sänger, Produzent, DJ, Pianist: Findet’s den Wandl auf der Bühne des Dachstocks.

Trotzdem. Wir waren dort. Und es war wunderschön. Verschleppt, vertrackt, alles nur angedeutet, unausgesprochen, charmantester Lo-Fi mit allerlei Nettigkeiten aus der Soul-Wunderplunderkiste und dazu dieser Typ, der sich ins Falsett singen kann, haucht, Töne trifft, während die Samples disharmonisch im Raum verschwimmen. Bedroom-Pop ist ein furchtbar abgefingertes Wort, aber es muss hier nochmal ran, weil der Lukas, so heisst der Wandl nämlich, den sehe ich vor mir, wie er rauchend auf seinen weissen Bettlacken herumrutscht und auf seinem Klappcomuter sweet und sexy Tunes produziert.

Mit wem wir es hier zu tun haben? Wandl ist ein Jungspund aus Wien, aufgestiegen aus dem Dunstkreis der Wiener/Salzburger Wolken Jungs: Yung Hurn, Crack Ignaz, you name ’em. Ein gehauchtes «Coca Cola» hat ihm den Ruhm über Noisey die Blogosphäre hinaus verschafft, soweit, dass er gestern Abend – ganz sanft – im Dachstock gelandet ist. Der war ganz bescheiden gefüllt, aber der Wandl hat ein verträumtes Set gespielt, am Ende den Soul verlassen und elektronische Tanzmusik serviert, so zauberhaft war das, am Bühnenrand zu stehen und in die Sorglosigkeit einer Freitagnacht zu entgleiten, mit ganz viel Raum drumherum für eigene Irrungen und Nachtwandlereien.

Reiner jedenfalls prophezeit dem Wandl den Superstar-Status. Und sobald Wandl den erreicht hat, wird er wieder im Dachstock spielen – dann aber im ausverkauften.

Wandls Album «It’s All Good Tho» gibt es auf Bandcamp zu hören und kaufen. Wer das mag, mag auch James Blake und guten Sex.

Irgendwo im Jura

Roland Fischer am Donnerstag den 7. September 2017

Wieder mal raus aus der Stadt. Wo es noch Raum gibt, für Kraut und Unkraut. Und für Kunst. Ziemlich grandioser Raum, in diesem Fall.

Irgendwo in den Jurahügeln steht eine alte Klosteranlage, die schon ein Weilchen kein Kloster mehr ist. Die Anlage inzwischen eine psychiatrische Anstalt, die imposante Kirche: meist leer. Und zwar leer auf eine Weise, die man sonst nicht kennt bei Sakralräumen – nicht mehr überladen mit religiösem Dekor, aber auch nicht Ruine. Ein White Cube der sakralen Art, so kommt die Architektur mal ganz anders zur Geltung.

Und noch viel interessanter wird es, wenn sich Künstler in diesem Riesenraum ausbreiten dürfen. Seit ein paar Jahren wird die Kirche jeden Sommer zum Art Space, dank einem umtriebigen Team rund um die Bernerin Marina Porobic (Bone, Berner Filmpreis Festival) und eingeladenen Künstlern. Dieses Jahr haben sich Lutz & Guggisberg in Bellelay ausgetobt, mit dem üblichen Schalk nehmen sie es locker mit der sakralen Ehrwürdigkeit auf. Eine Art Arche Noah des Heute haben sie da hineingezimmert, mit einer Unmenge simpel gekneteter Viecher und Sachen aus Ton. Ein labyrinthisches Bestiarium, Variationen zu einem Thema, eine nicht so richtig geschickte aber dafür umso unterhaltsamere Kreation. Was wenn der Schöpfer zwei linke Hände gehabt hätte?

Diesen Samstag ist schon Finissage, mit einem Konzert von Lutz & Guggisberg mit Roland Widmer. Und obwohl hinter den sieben Bergen: Man kommt da auch gut mit dem Postauto hin. Service fürs Publik.

Der Prophet von der Marktgasse

Mirko Schwab am Freitag den 1. September 2017

September 1: Schwab tut, was er zum kalendarischen Herbstbeginn stets machen tut: Den Sommer verabschieden. Heuer mit einem Gruss an den unbekannten Akkordeonisten.

Unter meinem Küchenfenster hat es ihm gut gefallen, dem Propheten von der Marktgasse. Den ganzen Sommer über kam er Tag für Tag, machte es sich auf dem kleinen Klappstuhl bequem und spielte den Winter aus seinem Akkordeon heraus. Auf und ab, mit einer fast terroristischen Beharrlichkeit und zur Unterhaltung des Gassenpublikums, dessen geschäftiges Auf und Ab sich gut vertrug mit dem Prinzip heavy rotation. Nur ich da oben in der Teufelsküche blieb immer zugeschaltet, adressiert vom Nihilisten mit dem Klappstuhl. Gefangen im Loop der Verkündigung eines schwanenden Berns.

Dem Maronihäuschen-Bern.
Dem Rendez-Vous-Bundesbern.
Dem Zibelemärit-Bern.
Dem Weihnachtsmarkt-Bern.
Dem Glühwein-Bern.
Dem Gringweh-Bern.
Dem Schneematsch-Bern.

Dem versalzenen Bern.
Dem überzuckerten Bern.
Dem geruchlosen Bern.

Spiel ihn noch einmal, unbekannter Mann. Und dann fahr mit mir in die halbjährige Nacht. Aber lässt das Akkordeon daheim, gell?

Nur damit du weisst

Mirko Schwab am Samstag den 26. August 2017

Seit zwei Tagen nur noch Trettmann. (Ein ganzer LKW voll mit bulgarischen Melonen, Schüblig.)

Mit automatischer Tonhöhenkorrektur und einer strikten Entsättigungspolitik in der Bildsprache hat sich das Kreuzberger Label Kitschkrieg einen guten Ruf erspielt. Prädikat Zeitgeist. Darüber thront, als unangefochtener König: Ronny Trettmann. Seit sich der in Karl-Marx-Stadt geborene Seelensänger vor zwei Jahren seines Vornamens entledigt und das karibianische Timbre merklich abgedunkelt hat, wird ihm weit über die Dancehall-Szene hinaus Respekt gezollt. Mit Recht: Keiner versteht es wie er, den Kitsch mit dem Krieg zu verheiraten, Plastik und Soul unter 1 white cap zusammenzuführen. Weiter darf man schwärmen, dass ihm auch textlich – mit der Nonchallance eines alten Hasen und unter Einbezug alter Dancehall-Gimmicks – die Dinge gut gelingen. Zuletzt: «Grauer Beton».

Eine Ballade zwischen Plattenbauten, von der Spätjugend in der Wendezeit. Das durch die Hip-Hop-Schulen tradierte Bild des Blocks – in den schlechtesten Varianten als Betteln um Realness – wird hier in sorgfältigen Schattierungen gemalt.

«Und ab und zu hielt gleich dort wo wir wohn’n
Ein ganzer LKW voll mit bulgarischen Melon’n»

Und obwohl doch unterschiedliches Terrain, der Westen von Bern und der Osten Deutschlands, klingt aus der Ferne dies Piano an:

«Es het Schüblig ggäh.»

Trettmann spielt am 03. November im Dachstock.

Naturschütz

Roland Fischer am Freitag den 25. August 2017

Donnerstag abend. Poesienacht im Boga, in der vielleicht am wenigsten pittoresken Orangerie der Welt. Und das ist jetzt nicht unbedingt kritisch gemeint, der Raum hat durchaus etwas für sich. Und wenn er so voll ist wie gestern (und auch schon am Mittwoch, dem Vernehmen nach), dann ist auch die Akustik einigermassen ok. Gefüllt wurde dieser Raum gestern mit allerlei lyrischem Wagemut, von jungen Autorinnen und Autoren. Und alle bemühten sich – mehr oder weniger bemüht – um einen Bezug zum Boga, zu Flora und Fauna. Würde gut auch ohne gehen, dachte man.

Dann noch weiter rüber zur Schütz, da spriesst ja auch so einiges an Kulturkraut. Und toll dass es da offenbar keinen Chef-Gärtner gibt, dass hier jede Ecke selber etwas anpflanzt und schaut, wie es gedeiht. Zuerst war da also ziemlich dunkel grundierter Jazz, auf der grossen Bühne, eine gute Ladung Sommerend-Melancholie. Und dann noch ein mächtiges Soulorgan drüben beim Roxy, wie zum Trotz. Und es zeigt sich wieder mal: Magerwiesen haben den grössten Artenreichtum.

Oder verendet klinisch tot

Mirko Schwab am Freitag den 11. August 2017

Sternschnuppen am Nachthimmel, ganz Bern tanzt zur Temporärmusik. Vergessen wir die Treue nicht. Alles Gute unter der Brücke!

Schützenmatsch. (Franziska Scheidegger)

Es ist Sommer und die Sandsteinstadt mal wieder in der Manischen: Holzbühnen, Siebdruck, Volksküchen allenthalben, überall schöne kleine Projekte zur Verlustierung und politischen Wohlfühlmassage. Ein Hauch von Grossstadt eben, sagen sich die Berner*innen stolz, aber leise. Auch dem Sommer ist es nicht hunnipro geheuer: Er schickt das Städtchen zurück ins Grau und verhängt Nieselnächte bei 11° Celsius – nicht gleich «meinen» und schön demütig bleiben. Hopp YB.

Ein guter Grund für kulturpolitische Demut feierte gestern sein Vierteljahrhundert. Das «Sous Le Pont», Hausrestaurant der Reitschule. File under: stadtweit beste Frittes (ausser bei bisweilen allzu verliebter Besalzung und nebst überhaupt recht vielseitiger Karte zwischen kulinarischer Ambition und saisonaler Bodenhaftung) und im wortwörtlichen Volksmund liebevoll «Souli» geheissen. Und so zeitgeistig sich dieses Geburtstagsfest gerierte mit flockig Freiluft-Dayrave und DJ-Culture und so, als wäre auch hier nur die Lust am Flüchtigen zu zelebrieren, so ungleich grösser ist das Verdienst dieses Hauses.

In der Zwischennutzungs-Euphorie geht nämlich manchmal fast zverlieren, wer erstens im Winter die Stellung (in dem Fall: die Stallung) hält, wenn der Glasbrunnen versiegt und Schneematsch liegt auf der Schütz und die Boys mal wieder zehn oder mehr Punkte Rückstand bejammern. Wer sieht dann zu, dass es was zu festen gibt, Obdach ist für die nächtliche Herumtreiberei von uns Tagedieben und eine Flasche Grappa bereitsteht, wenn einem die Frau das Bett verwechselt hat?

Zweitens sind es gerade diese Instiutionen, die unter widrigsten Umständen und im eiskalten Klima bürgerlicher Verstocktheit gekämpft haben: Dafür, dass wir heute mal eben gemütlich bei der Stadt anklopfen können, für einzwei lustige Tage, Wochen oder Monate einen Flecken  zwischennutzen können und noch gäbig ein paar Kisten Kulturgeld hinterhergeworfen bekommen, sobald wir «Interdisziplinarität» richtig schreiben können. Ist das nicht schön? Sicher doch. Ist es selbstverständlich?

Ein paar Identitätsfragen sollten wir also nicht zu faul sein, sie zu stellen. Bei all der Freude an der sommerlichen Temporär-Diversität, gegen die ich hier nicht anzuschreiben gedenke, sie mitfeiere und selbst mitgestalten will. Institutionen wie die Reitschule sind im Gegenteil sogar darauf angewiesen, dass neue Akteure die Initiative ergreifen und die Bürde verschiedenster sozialer Bedürfnisse mitschultern, die von der Reitschule als Kuckucksmutter des Berner Nachtlebens immer selber getragen werden muss. Aber eben: Nachhaltigkeit hört nicht auf mit der Wahl des richtigen Mehrweggeschirrs.

Mein fav boy Urs, wie so oft mit dem Durchblick zwischen Stil und Standpunkt – du hast diese kulturpolitischen Fragezeichen bei verschiedenen Gelegenheiten schon anklingen lassen und nichts mehr als ein Anschluss daran sind meine Worte: Don’t forget your Brasserie, your Eidgenossen, verleugnet nicht den Internationalen Strobo Club, das Ross, die Cafete nicht, das Kapitel nicht und den Dachstock nicht, landet spät in der Casa M oder verendet klinisch tot beim Henkerbrunnen, auch wenn der Sommer glauben macht, sie alle seien gar nicht nötig.

Und meinem lieben Souli Alles Gute, du alte Sau.

In da hud

Roland Fischer am Donnerstag den 3. August 2017

Nettes neues Crowd-Hobby: Stadtpläne einfärben, damit man weiss, in welchem Quartier was los ist. Wo findet sich der Geldadel, wo ist Touristenalarm, wo verkehren die Hipster (wahlweise Alarm oder Attraktion). Ein einzelner Pinselstrich bewirkt noch nichts, erst die Masse macht’s. Hier der aktuelle Stand für Bern:

Andere Städte sind schon viel detaillierter koloriert – ein Blick lohnt sich womöglich für die nächste Ferienplanung. Und man kann sich vorstellen, dass da auch schon etliche Edit-Wars à la Wikipedia toben.

Kultur im Kocher

Roland Fischer am Freitag den 14. Juli 2017

So sieht es also aus, Berns niederschwelliges Kulturangebot:

Tatsächlich ist das eine schöne Initiative, dieses Parkonia-Festival im Kocherpark. Die Barcrew wirkte zwar zuweilen ein wenig überfordert, aber weil die Stimmung sonst überaus entspannt war zwischen Jonglierenden, Ping-Pong-Tisch und Bühne war das ziemlich egal. Gestern legten die Hiphopper von Churchhill einen fast schon offensiv gutgelaunten und pünktlich um zehn (die Nachbarn!) fertigen Auftritt hin. Wenn die Regeln brav eingehalten werden hilft die Stadt wo sie kann; demenstprechend poppen grad allenthalben Sommerspecials up – davon soll hier dann auch mal noch die Rede sein.

Hier bloss noch der Hinweis, dass es im Kocherpark Mitte Sommer einen fliegenden Wechsel geben wird: Die Bühne wird ab- und eine Leinwand aufgebaut. Bern bekommt endlich wieder ein richtiges Openair-Kino! Und erst noch – wie schon Parkonia – mit Gratis-Eintritt. Bisschen seltsam, oder, dass im reichsten Land der Welt Kultur immer öfter damit beworben wird, dass sie das Portmonnaie nicht belastet?