Archiv für die Kategorie ‘Wüsten & Oasen’

Loveletter to a festival: Gugus Gurte

Mirko Schwab am Dienstag den 10. Juli 2018

Liebes, zum sechsten Mal schon, wie ich höre. Die Jahre verfliegen. Im Wind, der Substanz abträgt vom Berg mit jedem Jahr – eine stromlinienförmige Düne versinkt im Plastikmüll. But you no care.

Ein Glas Weisswein auf dich. Du Glitzer-Punk und Sozi-Hedon. Machst Gemeinsinn gemeinhin sinnvoll und all inclusive: Menschen mit Behinderungen, mit Herausforderungen, mit Geltungsdrang oder unbekanntem Talent gehen auf in dir und machen Sachen: Gugus, Dada, Theater, Lärm.

Drüben bei Zuckerberg verkaufen gerade alle ihre Viertagespässe oder versuchen es, die Preise sinken – ist es wegen dir?

Wegen des Musikprogramms allein kämen sie wohl nicht. Da gibt es andere Adressen und das weisst du auch. Du bleibst dir treu und machst Kollekte, aus Kraut und Rüben ein feines Süpplein. Es schmeckt besonders gut in diesem Jahr: Frau Trouble etwa, die sich unberechenbar gemacht hat in selstsamen Liebeleien mit dem Kitsch, Herr Porsche mit seiner Bieler Seelenmusik, Geschlechtsteile, die im Voodoo-Rhythmus wackeln und der Baze, der Klassenbeste, auf produktiven Abwegen – sie sind um die nötige Schärfe besorgt in der allgemeinen Sämigkeit. Eine Sämigkeit, die dir gut ansteht, das weiss ich schon.

Und eben, all inclusive: Zessen, Ztrinken, Diskothek. Und eine Metzgete der Hemmungen hast du dir ausgedacht, du alter Hippie-Schwerenöter. Einen Zungenkuss auf dich, ein zwanglos ausgezogenes Hemd vielleicht?

Ein Hoch auf die Talstation!

Gugus Gurte – Sexy Freunde. Von Mittwoch bis Samstag in und um die Heitere Fahne in Wabern.

Jazz: Annäherung an ein Unwort

Clemens Kuratle am Samstag den 7. Juli 2018

Nicht shiny, nicht glamourös und auch nicht zwingend schön, dafür ziemlich wendig. Eine Ode an eine zum Musikstil degradierte Geisteshaltung.

“Der Jazz wird’s danken.” Mit diesen Worten offiziell von der KSB-Gang begrüsst, darf ich jetzt meinen Einstand geben. Eine Stimme für die junge Berner (Jazz)-Szene soll ich sein. Hoppla.

Klingt zuerst mal lahm, nicht?

Was ist das überhaupt, Jazz?

Ich muss ausholen: Kommunikationsformen sind so verschieden, wie es Menschen auf diesem Planeten gibt. Den einen ist es vergönnt, schnell in Worte zu fassen, was sie denken und fühlen. Andere können das zwar auch, brauchen dazu aber länger und viele hadern mit der Sprache an sich. Ein anderes Ventil muss her und wenn die Sprache versagt, spricht die Kunst. Zum Beispiel eben  dieser Jazz (ich stolpere jeweils, wenn ich dieses Wort brauche) das wohl missverstandenste “Genre“ unserer Zeit.

Musiker*innen, welche die maximale Ausdruckspalette auf ihrem Instrument suchen, bietet diese Musik ein Vehikel. Dabei ist der ideologische Unterbau entscheidend, nicht die Klanglichkeit und nicht irgend ein Stilmittel.

Nicht um spezifische Grooves oder Sounds gehts, sondern um die Haltung. Eine Haltung die missverstanden, falsch eingeordnet und die vermehrt auch wieder eingefordert werden muss.

Haltung heisst hier Präsenz.

Mit der Musik ausdrücken, was man gerade fühlt.

Die Musik so spielen, wie sie in dem Moment gespielt werden will.

Genau wie im Gespräch nicht immer die selben Phrasen gedrescht werden wollen, kann das auf dem Instrument auch nicht das Ziel sein und wo gute Popmusik diese Neuartigkeit in der Produktion und im Arrangement sucht, versucht der J***-Musiker (Genderneutralität wird ab hier dem Flow geopfert, sorry..) die Dringlichkeit improvisatorisch auf die Bühne zu bringen.

Nach Hits sucht man dann halt vergebens.. Aber wenn die erarbeitete Klang- und Ausdruckspalette zu einem späteren Zeitpunkt in den Dienst eines guten Songs gestellt wird, umso schöner! Nicht ohne Grund vertrauen unsere Grossen (Sophie Hunger, Baze, Eveline Trouble, Fai Baba, to name too few!) auf das Können von Musikern, welche sich auf dem Instrument auszudrücken wissen..

Wichtiges Forschungsfeld bleibt die Improvisation und hier wären wir wieder bei dem was **zz sein sollte. Die unmittelbarste Kommunikationsart, der Schlüssel zu der Seele eines Instrumentalisten, wie ich ihn mir wünsche. Pathetisch aber wahr!

Dieser Haltung ist die Legitimität wohl kaum abzusprechen, aber sie setzt den Hörer vor grössere Herausforderungen. Es gilt sich auf die Sprache einzulassen, sie zu verstehen versuchen. Wie geht das?

Ganz einfach: Ab ans Konzert, Ohren auf, gelegentlich die Augen zu und dann schauen ob die nonverbale Kommunikation greift.

Wenn‘s nicht gefällt:

– Tant pis, schlechter Zeitpunkt. Als ob man immer offen für alles wäre..

– Die Musiker haben sich verfahren.

– Es war schlechte Musik ← Uh jaa, die gibts.

s‘isch haut Tschäässs.

 

Oder kann das weg? Da, beim PTT-Tower?

Roland Fischer am Dienstag den 26. Juni 2018

Weiter geht’s mit Seltsamkeiten im Stadtraum. Kunst oder nicht? Installation oder Überbleibsel? Man weiss es oft nicht so genau. So sieht’s zum Beispiel auf dem Vorplatz des ehemaligen PTT-Towers am Stadtrand bei Ostermundigen aus:

Übrigens sollen Stadtraum-Fragen in eben diesem Hochhaus bald regelmässig zum Thema werden:

Diese Geschichte [des Hauses] und Blick in die Zukunft bilden zusammen die spannende Ausgangslage für unsere Talks- und Vortragsreihe. Während der Zeit der Zwischennutzen laden wir fortlaufend spannende Persönlichkeiten aus Architektur, Städteplanung, Entwicklung, Kultur und Ingenieurwissenschaften ein um Themen wie Urbanisierung, Gentrifizierung, urbane Mobilität oder auch Schätzenswertes in städtischen Gebieten zu besprechen.

Genaueres erfährt man auf der Webseite des Hochhaus-Projekts noch nicht. Dafür aber, dass der neue Besitzer des Turms nicht nur in Bern kulturelle Pläne hegt, sondern nebenbei auch in Venedig für Furore sorgt, hinter den Kulissen: ReInvest hat als Sponsor das Gewinnerprojekt der diesjährigen Biennale im Schweizer Pavillon mitermöglicht. Das ist doch ein gutes Omen für eine hoffentlich baldige Belebung des Hochhauses mit Architektur und Kultur.

Summer in the (nein, nicht schrumpfenden) City

Roland Fischer am Samstag den 19. Mai 2018

Die Kunsthalle: eine Institution. Die Bar von Lang/Baumann zum 100jährigen Bestehen, als locker hingeworfenes Sommer-Special gedacht: auch bereits eine, nach dem Eröffnungsabend. Eine 18 Meter tief in den Aarehang getriebene.

Womöglich hat diese Stadt ein bisschen ein Problem mit kultureller Spontaneität. Aber man will nicht klagen, man will da in Ruhe noch so einige Drinks geniessen, ohne den grossen Auflauf gestern.

Fand der Chef (im Bildhintergrund) übrigens auch. Er liess am Mikro verlauten, dass dieser tolle Ort wohl nicht gleich wieder verschwinden werde, nach Ablauf der Bewilligung (wir haben es also gehört). Also, Mirko, falsch: Nimmt man den Zollstock, dann ist Bern grad ein Stück grösser geworden. 50 Quadratmeter, grob geschätzt. Ein gekachelter neuer Stadtplatz mit integrierter Bar und Baumhaus-Charme. Nein, man will nicht klagen.

Bern schrumpft

Mirko Schwab am Mittwoch den 16. Mai 2018

Bümpliz – Casablanca. Kleine Hommage an eine Küche.
Mit Bildern von Jessica Jurassica.

Die Fahrt nach Bümpliz Süd dauert zwei S-Bahn-Stationen. Am Bahnhofskiosk, in dem eine Migros-Tochter eingemietet ist, kann man Tabak kaufen und einzwei Dosen. Weil Migros-Töchter dürfen eben Tabak und Ztrinken. Und deshalb sind die Avecs und Migrolinos auch gern an diesen Vorstadtbahnhöfen, wo sich zu fast jeder Tageszeit ein Grüpplein hustender Vorstadtcowboys zum Tabaktrinken und Schäumleinmähen einfindet und zum Rock hören über Bluetooth. Zwischen Bahntrasse und Wald pfeift die Freiburgstrasse in die Agglomeration hinaus, also hat es Garagen. Säuberliche Autogaragen wie zum Beispiel die Th. Willy AG (A. meint auf Google: «Es war sehr befremdlich, ich fühlte mich nicht willkommen in dieser Garage. Der Berater den ich hatte war nett.» A. vergibt drei Sterne.) Exotischere auch. Balas Autoservice etwa würde einen ganzen Text verdienen, so arbeitsintensiv und wahrscheinlich sinnlos das Herumrangieren verbeulter Schrottkarrossen, so freundlich sein Grüssen und so grüsig seine Art, den Frauen nachzuspienzeln, wohl bis heute geblieben sind. Ein paar Häuser weiter haben wir gewohnt, Hausnummer 354, 3018 und fünf vor Niederwangen sozusagen – weit weg war die Sandsteinstadt, viel weiter weg, als es die Postleitzahl verraten hätte.

Der Käfigturm schlägt eine weitere vergangene Stunde an, immer fünf vor oder schon zu spät, aber nie pünktlich lässt er seinen Glockenschlag durch die Gassen fahren. Die Tür klingelt und ich öffne die Tür. Jemand kommt vorbei und trinkt Kaffee oder bringt etwas zu Essen oder Tabak oder Dosen. Bringt Euphorie oder zumindest Sauflaune, bringt Trauer oder zumindest Melancholie, bringt Geschichten oder zumindest Geschwätz, bringt Freunde oder Fremde oder Fragen, bringt Drogen oder fragt nach welchen, bringt Luft von draussen, zum Lüften, zum Ablassen, bringt etwas jedenfalls herein in die vernebelte Küche und im besten Fall sich selbst. Ich sitze dann meistens an meinem Rechner und rauche Kette.

Früher bin ich rausgegangen, um «in die Stadt zu gehen». In Bern meint man damit sehr spezifisch die Altstadt und schon in der Lorraine fragt man sich abends vielleicht, ob man noch «in die Stadt» gehen soll. In den Köpfen nämlich ist Bern noch so gross wie vor vierhundert Jahren. Auch als wir später «in der Stadt» eingezogen sind, als unsere Strasse zu einer Gasse wurde und aus dem blauen Strassenschild ein gelbes, auch da bin ich zuerst noch rausgegangen. Doch der Umkreis wurde kleiner, die Aareschlaufe zog sich zu. Nur mit guten Gründen schaffte ich es in die Länggasse oder nach dem Breitsch oder westwärts weg. Und jetzt lebe ich in dieser Küche. Meine Matratze ist zwar woanders, sie hat knapp Platz in der Waschkombüse, doch – ausser um zu schlafen, ausser um zu ficken in den besseren und zu onnanieren in den schelchteren Zeiten oder eben zum Wöschen hin und wieder – bin ich da doch selten.

Jetzt lebe ich in unserer Küche. Das wäre traurig, sicher, aber es ist unsere Küche. Wenn man alleine ist, kann man darin gut schreiben. Öffnet man die Fenster, kommt die Allgemeinheit herein, das öffentliche Allerlei, die Strassenmusik. Öffnet man die Tür, kommen Menschen, die sich selten anmelden, weil immer jemand hier ist. Legen die Hand aufs Herz, zünden den Tisch an oder ziehen sich aus. Das ist auch ein Liebesbrief an sie. Sie machen unsere kleine Küche gross und kochen ihr eigenes Bern darin ein.

Was soll die Schütz?

Roland Fischer am Donnerstag den 5. April 2018

Good News, es gibt wieder ein Neustadtlab auf der Schütz! Da formiert sich gerade ein Verein, der bestenfalls dann auch die kommende, gewissermassen offizielle Zwischennutzung für drei Jahre bestreiten möchte. Zunächst gibt es aber noch einmal eine (von der Stadt finanziell auch wieder unterstützte) Zwischenlösungs-Zwischenlösung.

Sammlung Hans-Ulrich Suter 1319, Bern: Länggasse; Schützenmatt — Rummelplatz; Freizeit, ca. 1925

Den Auftakt zur autofreien Schützenmatte macht das No Borders-No Nations-Festival der Reitschule am 27. und 28. Juli 2018. Dann wird aufgebaut und eine Woche später kann wieder experimentiert werden im Berner Städtebau-Labor. Aber was versucht man da genau eigentlich herauszufinden? Gute Gelegenheit für einen guten Text. Der Stadtplaner Chris­toph Haerle spannt in einem Gespräch mit Philipp Sarasin einen grossen Bogen, von den Foren der Römer bis zu den Public Spaces von heute.

Es erfolgt sogar eine Drei­tei­lung, indem im Hoch­mit­tel­alter, von Italien bis Deutsch­land, die drei Mächte der Politik, der Wirt­schaft und des Kultes ihre je eigenen öffent­li­chen Räume schaffen – den Markt­platz, den Domplatz und den poli­ti­schen Platz, wie etwa in Siena die Piazza del Campo oder in Rom den Campi­do­glio. Das ist der Platz, der eine Loggia hat, von der aus verkündet wird, was die Politik zu sagen hat; der Platz vor der Kirche hingegen ist der Ort der Prozes­sionen, und auf dem Markt­platz steht der Brunnen, an dem nach dem Mercato gewa­schen werden konnte. Mit anderen Worten, das, was bei den Römern, zumin­dest in der Zeit der Repu­blik, noch auf einem Platz zusam­men­ge­halten wurde, hat sich im Mittel­alter auf drei Plätze verteilt.

Das passt nun irgendwie gar nicht mehr heute. Dann kamen die Bürger und reclaimten die Strassen.

Im ausge­henden 19. Jahr­hun­dert aller­dings wurde mit dem bour­geois der Besitz­bürger zele­briert, der sich als Mit-Besitzer des öffent­li­chen Raumes verstand. Hier spielte aller­dings eine listige Dialektik: Indem der bour­geois gegen die voll­stän­dige Verein­nah­mung des öffent­li­chen Raumes durch die Macht auf der Teil­habe, auf der Teil­nahme am öffent­li­chen Raum bestand, war er immer auch citoyen, Staats­bürger, poli­ti­scher Bürger.

Und dann kam, hoppla, die Postmoderne.

[…] die Verbin­dung zur Frage nach dem post­mo­dernen Raum ist sicher darin zu sehen, dass diese neuen Räume nicht mehr auf den Zweck hin konzi­piert wurden, sie für die klas­si­schen poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giösen Funk­tionen auszu­statten.

Von da an kreist das Gespräch eigentlich um eine Leerstelle: Wenn für einen heutigen öffentlichen Raum keine dieser Funktionen mehr gilt, welche tritt dann an deren Stelle? Aber vielleicht ist das ja nicht Problem, sondern Lösung. Denn dann sagt Hearle noch etwas, das man ganz gut als Schütz-Motto brauchen könnte, oder?

Ich bin der festen Über­zeu­gung, dass öffent­liche Räume nur dann gute öffent­liche Räume sind, wenn sie funk­tional unter­be­stimmt sind.

Hinter Clubtüren schauen

Gisela Feuz am Dienstag den 23. Januar 2018

Wollten Sie schon immer wissen, wo sich ihre Kinder und Grosskinder am Wochenende rumtreiben, wie die Notschlafstelle im Dead End aussieht, was ein DJ eigentlich genau macht und warum ein Rockkonzert so laut sein muss? Dann bietet sich am Samstag 3. Februar 2018 beste Gelegenheit dazu, diese Fragen beantwortet zu bekommen, dann ist nämlich Tag der offenen Clubtür.

Nebst vielen anderen Veranstaltungen, welche Buck – Pro Nachtleben Bern an diesem Tag durchführt, gehts auch dieses Jahr wieder mit Frau Feuz auf Club-Safari. Gestartet wird um 15 Uhr im Bonsoir, dann wird Halt gemacht im ISC, Bierhübeli, Dead End und dem Dachstock, abgeschlossen wird die Safari mit einem Rundgang durch die Reitschule. Vor Ort werden Mitarbeiter*innen des jeweiligen Kulturbetriebes kurz ihren Club vorstellen und für Fragen zur Verfügung stehen. Frau Feuz bringt Sie sicher von Ort zu Ort und steuert unterwegs zusätzliche Informationen zur Berner Clublandschaft bei.

Die Safari dauert je nach Fragen 2 bis 3 Stunden, ist gratis und richtet sich explizit auch an ältere Semester und Menschen, die nicht mit der Clubkultur vertraut sind. Nehmen Sie doch diese Gelegenheit wahr, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Fragen zu stellen, werte Damen und Herren. Ich freue mich auf Sie!

heute-bern-bar

Am Samstag 3.2.18 stehen Berns Club-Türen sperrangelweit offen

Treffpunkt: Samstag 3. Februar 2018 um 15 Uhr vor dem Bonsoir, Aarbergergasse 33/35. Die Club-Safari findet im Rahmen des Tages der offenen Clubtür statt. Anmeldung erwünscht auf info(ät)buck-bern.ch

Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

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Von Räumen träumen

Roland Fischer am Dienstag den 28. November 2017

Kleines Quiz? Wie kreativ wird in so einem Büro wohl gearbeitet?

Keine Auflösung, der Schnappschuss ist unlängst beim Vorbeispazieren am Postparc entstanden. Wo es auch noch ziemlich tollen Leerraum gibt, aber ist wohl unbezahlbar. Ganz im Gegensatz zu anderen tollen Räumen, bisschen weniger direkt im Zentrum gelegen, dafür mit viel Aussicht. Das ehemalige PTT-Hochhaus an der Ostermundigenstrasse 93 wird auf drei Etagen zwischenvermietet, für zwei Jahre.

Bei Interesse ist Eile geboten! Die Bewerbungsfrist läuft nur noch bis 1. Dezember. Und pressieren sollte auch, wer den ersten grossen Kulturspektakel im Hochhaus sehen möchte, genau eine Woche später. Pakt packt Neue Musik in den neuen Kulturtower, vom Parterre bis rauf im 17. Stock. Ewig viel Platz in dem Haus – die Teilnehmerzahl ist aber trotzdem beschränkt. Also: Vorverkauf hier.

Und hörthört, Ateliers für ausgewählte Kunstschaffende soll es da dann auch bald geben, und zwar gratis, wie das SRF-Regionaljournal in Erfahrung gebracht hat:

[…] wird auch über Georgina Casparis laufen. Die Zürcherin wird die 10 bis 15 Ateliers, welche gratis an Kunstschaffende vergeben werden kuratieren. «Es wird eine Rotation in den Ateliers geben. Elf Monate arbeiten, im zwölften Monat die Werke ausstellen.»

Postkarte aus Jerusalem

Gisela Feuz am Samstag den 11. November 2017

Ganz bestimmt wird eine Stimme «JETZT REICHT’S!» aus den Wolken schmettern, dann wird ein Blitz niederfahren, der unser Reisegrüppchen zu Staub pulverisiert, sobald wir die Tore der heiligen Stadt passieren. So die Annahme, als wir vorgestern mit der Eselkarre von Tel Aviv Richtung Jerusalem galoppierten. Ich mein: Reverend Beat-Man, der wohl unheiligste Prediger überhaupt in der heiligen Stadt des gelobten Landes. Oh la la. Dass besagter Reverend fährt wie ein Berserker und damit Angst und Schrecken auf den Strassen Israels verbreitet, ist das eine. Dass er dann in seinen Blues-Trash-Predigten innerfamiliären Sex besingt mit Bruder, Tante, Urgrossvater und wer da sonst noch alles in der Genealogie rumdümpelt, zum Jesus Christ Twist bittet und den Gehörnten höchstpersönlich durch sich sprechen lässt, liess einem durchaus die Instant-Strafe Gottes fürchten.

Der Allmächtige hat aber offenbar eine Schwäche für das schwärzeste all seiner Schäfchen. So erwartete einem nicht das Fegefeuer, sondern die fantastisch schöne Kulturfabrik HaMifall mit trash-affinem Publikum jeglicher Altersklasse, das wild tat, als würde es keinen Morgen geben und sich auch vom wenig gottesfürchtigen Hallemotherf******luja-Segen des Reverends nicht aus der Fassung bringen liess. Heilandzack Jerusalem, wer hätte das gedacht. Und wer hätte gedacht, dass das Tote Meer dann auch noch extra für die Berner Pilgerschaft die schönsten Pastellfarben auspackt?!

Erleuchtet grüsst,
Ihre Frau Feuz