Archiv für die Kategorie ‘Tanz & Theater’

Heiter bis wolkig

Roland Fischer am Sonntag den 10. Juni 2018

In eigener Sache: Gestern an der Tojo-Bar gesessen, Wolken Revue passieren lassen:

Granular-Synthese, Wolkenbrüche, Bühnenwahrheiten. Geschichtete Atmosphären, Kunst und Künstlichkeiten. Man war sich dann einig, dass man vielleicht deshalb gern Kultur macht: weil sie etwas Wolkiges hat, weil sie kommt und geht, weil Licht und Schatten und überhaupt nicht manifest. Dann grätscht Rihs dazwischen, vom Barhocker nebenan: Jurassicas Text ist gelöscht.

Und man denkt: Cloud und so. Digitale Unfassbarkeiten. Löschen kann man heute höchstens noch Feuer.

Und man denkt: Aufmerksamkeitsökonomie. Cumulus. Donnerwetter.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Vierter Teil

Anna Papst am Sonntag den 3. Juni 2018

Vor einer Woche ging das AUAWIRLEBEN Festival 2018 zu Ende. In einer Nachlese fragen wir noch einmal die Zuschauer*innen. Heute: Claire Dessimoz.

Wer soll hier Platz nehmen? Die Teilnehmer*innen des Lab diskutierten über das Theater und sein Publikum

Claire hat einmal Achitektur studiert. Inzwischen erforscht sie als Tänzerin und Choreographin Wandel und gesellschaftliche Wahrnehmung. Claire war eine von acht Teilnehmer*innen am Lab How do you do?, bei dem Tanz- und Theaterschaffende das AUAWIRLEBEN Festival begleitet und unter einem bestimmten Gesichtspunkt reflektiert haben. Die Gruppe hat sich mit der Frage nach dem Publikum auseinandergesetzt: Für wen machen wir Künstler*innen unsere Arbeiten und wie bewusst denken wir beim Machen schon an die Zuschauer*innen?

“Für uns wurde die Frage der Vermittlung zentral. Die Künstler*innen sollten in ihrer Arbeit frei sein, zu tun, was immer ihnen einfällt. Wenn man Neues, Ungewohntes ausprobiert, Konventionen unterläuft, Sehgewohnheiten in Frage stellt, wäre ein Heranführen des Publikums an die künstlerische Arbeit aber nicht verkehrt.

Wenn alles bei den Theaterschaffenden selbst liegt: Die Kreation, die Analyse der eigenen Arbeit und die Veranschaulichung derselben, wird das zu einem in sich geschlossenes System. Wo bleibt da die Luft für ein Publikum, andere Perspektiven einzunehmen, als der*die Künstler*in selbst?

Früher hat Vermittlung teilweise auch durch die Medien stattgefunden, indem ein*e Theaterkritiker*in, die die Szene gut kannte, eine künstlerische Arbeit in einen Kontext zu stellen wusste und aus seiner*ihrer Sicht zu deuten vermochte. Aber gerade in der Freien Szene fehlt diese Form der intensiven Berichterstattung oft.

In unseren Gesprächen ist uns auch klar geworden, welche Wissenslücke zwischen der Deutschschweiz und der Romandie besteht. Die Produktionen jenseits des Röschtigrabens kennt man kaum. Wir hatten eher bei international bekannten Künstler*innen einen gemeinsamen Nenner, als bei Schweizer Theaterschaffenden.

Kill the Röschtigraben! ist deshalb unsere interne Überschrift zur Förderung des Austauschs zwischen den Theaterschaffenden aus den verschiedenen Sprachregionen. Wir haben angedacht, dass man Residenzen an Theatern aus der ganzen Schweiz organisieren könnte, um die jeweilige Szene besser kennenzulernen, dass man sich in Workshops austauscht oder im kleinen Rahmen anfängt, gemeinsame Projekte zu entwicklen. Das ist alles noch nicht spruchreif. Aber schön wär’s.”

Das Lab How do you do?#3  fand während des ganzen AUWIRLEBEN Festivals 2018 statt. Die Teilnehmer*innen waren Dennis Schwabenland, Emma Murray, Lucie Eidenbenz, Marcel Schwald, Diana Rojas, Susanne Abelein, Leja Jurisic und Claire Dessimoz.

Drifting through the night

Roland Fischer am Donnerstag den 24. Mai 2018

Irgendwo in der Lorraine gestern so gegen Mitternacht: Eine Schar von Nachtwanderern mit grün leuchtenden Ohren zieht in seltsamer Formation durchs Quartier.

Gesprochen wird nichts, doch scheinen alle die Regeln zu kennen. Alle haben Kopfhörer auf, vielleicht empfangen sie ja geheime Kommandos einer fremden Macht? Wird da eine Konspiration vorbereitet, werden Hirnwindungen umgespult? Oder was soll das Theater? Genau so etwas soll es, heutzutage. Driften durch die Nacht. Die Stadt mit anderen Augen sehen.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Dritter Teil

Anna Papst am Donnerstag den 24. Mai 2018

In drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Wie nahe darf ich dir kommen? “for the time being” untersucht unser Verhalten in Menschenmengen.

Als Nora zum ersten Mal mit Theater in Berührung gekommen ist, stand sie gleich selbst auf der Bühne: In der Theater AG ihres Gymnasiums. Nach der Praxis hat sie sich der Theorie zugewandt und studiert im zweiten Semester Theaterwissenschaft. Diese Woche ist sie jeden Abend im Theater, entweder als Zuschauerin am AUAWIRLEBEN Theaterfestival oder als Schauspielerin auf der Bühne im Stück “Lysistrata” der Zytglogge Theatergesellschaft Bern. Vergangenen Sonntag besuchte sie eine Vorstellung von “for the time being” von Schweigman& / Slagwerk Den Haag.

“Ich habe noch nie ein Stück gesehen, bei dem die Zuschauer*innen so stark beteiligt waren. Am Anfang musste ich die Performer*innen immer wieder anschauen: Sind das Wachsfiguren? Das Publikum hat sich auch wie durch ein Museum oder eben ein Wachsfigurenkabinett bewegt. Aber es waren alles echte Menschen. Als sie das erste Mal losgerannt sind, bin ich total erschrocken. Vieles von dem, was sie gemacht haben, hat mich an Aufwärmübungen im Theater erinnert. Durch den Raum gehen, jemanden anschauen, stehen bleiben und so weiter. Mit diesen einfachen Aktionen ist es ihnen gelungen eine Gemeinschaft mit dem Publikum einzugehen.

Irgendwann war mir klar, wir sind jetzt zusammen hier, der Abend gehört uns allen. Das ganze Publikum hat an einem Punkt der Performance Kartonschachteln zusammengebaut, als wäre es die normalste Sache der Welt. Man wäre sich komisch vorgekommen, wenn man sich nicht beteiligt hätte.

Ich würde das Stück Leuten empfehlen, die selbst Theater spielen. Eine Person, die gewohnt ist, dass es einen abgetrennten Zuschauerraum gibt und sie in Ruhe gelassen wird, hätte vielleicht nicht so Freude, wenn einer der Performer seinen Schweiss an ihrer Bluse trocknen würde.”

“for the time being” von Schweigman& / Slagwerk Den Haag war im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals 2018 zu sehen.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen! Zweiter Teil

Anna Papst am Dienstag den 22. Mai 2018

In drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Untertitel oder Subtext? “The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen

Leslie ist Mitbegründerin des Schlachthaus Theater Bern und war lange Zeit im Vorstand des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals. Die 74-jährige Buchhändlerin begleitet das Festival seit Beginn. Wenn ihr mal etwas nicht gefällt, haut sie das nicht gleich aus der Kurve. Am Samstag besuchte sie die Vorstellung “The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen.

“Uff. Ich bin ein bisschen geschafft. So viel Energie auf der Bühne. Unglaublich! Man will entweder tanzen gehen oder sich hinlegen und ausruhen. Das sind zwei tolle Jungs. Total eigen, die Verbindung aus Konzert, Text und Bühnenbild. Es war auch ästhetisch ausgefeilt, hat mich ein bisschen an Harald Naegeli erinnert. Was ich richtig gut finde: Das hier am Festival so extrem verschiedene Theaterformen nebeneinander Platz haben. Ich habe am Donnerstag ein Stück von Lola Arias gesehen, dass mir auch sehr gefallen hat. Dokumentarisches Theater, eine völlig andere Sache.

Wie ich diese Form hier nennen würde, kann ich gar nicht sagen. Ich war froh, dass es untertitelt war. Mein Englisch ist nicht so super, so ein Schulenglisch halt, und es ging wahnsinnig schnell. Inhaltlich kennt man es ein bisschen, aber formal ist es hochspannend. Ich würde es meinen Kindern und meinen Grosskindern empfehlen. Meinen Nachbarinnen auch – aber nicht allen.”

“The only way is UP” von Boris Van Severen und Jonas Vermeulen war im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestivals am Schlachthaus Theater zu sehen.

Geld auf der Anklagebank

Gisela Feuz am Montag den 21. Mai 2018

Schuldig oder nicht schuldig? Diese Frage musste sich gestern Abend die Zuschauerschaft am Ende einer vierstündigen Gerichtsverhandlung im Tojo Theater stellen. Auf der Anklagebank sass: Das Geld.

Der gebürtige Genfer Christophe Meierhans verhandelt in seiner Produktion Trials of Money die Frage nach der Verantwortung von Geld in unserer heutigen Gesellschaft. Weil Geld ja nun aber nicht eine Person aus Fleisch und Blut ist, wird es in Trials of Money als Semi Human Person bezeichnet und anhand von existierenden Gesetzen auf seine Schuldigkeit hin geprüft. Vorgeworfen werden dem Geld vier Vergehen: Betrug, Erpressung, unterlassene Hilfestellung und Anstachelung zu Hass. Im schmucken Wolken-Bühnenbild werden nacheinander neun Personen in den Zeugenstand gerufen, welche zuerst von der Richterin und aber vor allem auch vom Publikum befragt werden.

Die Zeugen und Zeuginnen: Zwei Banker, ein Obdachloser, Melinda Gates (Bill & Melinda Gates foundation), weiter werden eine Vertreterin des indigenen Stammes der Algonqin, ein Verfechter von Kryptowährungen, ein Ökonome und ein ehemaliges Kibbutz-Mitglied in den Zeugenstand gerufen. Und dann ist da auch noch der Kriminologe und forensische Psychiater, welcher der Menschheit in Bezug auf das Geld ein Stockholm Syndrom attestiert.

Die Grundfrage welche Trials of Money aufwirft, ist von aktueller Relevanz und Brisanz. Wie wollen und sollen wir mit Dingen verfahren, die zwar von Menschen geschaffen wurden, welche aber eine Art Eigenleben entwickelt haben? Wer ist hier in die Verantwortung zu nehmen, wenn etwas schief läuft? In einem Zeitalter, in welchem künstliche Intelligenzen vermehrt eigenständige Entscheidungen treffen, wird uns diese Frage zukünftig ganz bestimmt noch des öfteren beschäftigen. Die Ausgangslage wäre also eine spannende, bloss ist das, was in Trials of Money daraus gemacht wird, dann doch etwas gar trocken. Dem Publikum wird eingangs ein 12-seitiges Dossier abgegeben, in welchem Statements der Anklage und Verteidigung, relevante Gesetzestexte und Kurzbiografien der Zeugen und Zeuginnen aufgelistet sind. Die langfädige Einleitung und die Tatsache, dass von einer Erzählerfigur aus zweiten Hand geschildert wird, was gerade im Gerichtssaal passiert, machen das Szenario zähflüssig. Ausserdem sind die abgegebenen Dokumente in Englischer Sprache aufgrund des Juristen-Jargons nicht ganz ohne und dürften den einen oder anderen Zuschauer davon abhalten, Fragen an die Zeugen zu adressieren.

Andererseits wird durch diese Art der Umsetzung aber natürlich auch eines evident: Die Frage nach der Schuldigkeit von Geld, lässt sich nicht einfach beantworten, sondern ist von grosser Komplexität und Undurchschaubarkeit, zumal wir ja alle in irgendeiner Form mit dem Angeklagten verbandelt sind. Daraus ergibt sich die schizophrene Situation, dass das Publikum sowohl Ankläger und Geschworene, aber auch Mitangeklagte und Verteidiger zugleich ist. Auf jedes Argument folgt ein ebenso schlüssiges Gegenargument. Sie hätten gerne ein Beispiel?

Accusation: Money divides and rules. Money segregates humans. It creates a minority of rich and a majority of poor and uses these two groups against each other. Money manipulates the rich by providing them advantages in order to obtain their collaboration without their knowing.

Defense: Money enables equality. Money itself does not generate injustice. One the contrary. Money enables humans to help each other across their multiple divisions, across continents, borders, cultures and religions.

Stimmt doch beides, nicht? Schuldig oder nicht schuldig? Entscheiden Sie selber.

Trials of Money wird heute Pfingstmontagabend im Rahmen des Theaterfestivals AUAWIRLEBEN um 18 Uhr im Tojo Theater gezeigt.

Bern auf Probe: Frag die Zuschauer*innen!

Anna Papst am Sonntag den 20. Mai 2018

In den nächsten drei Beiträgen der Kategorie Bern auf Probe haben die Zuschauer*innen das Wort: Wie ist es ihnen bei ihrem letzten Theaterbesuch ergangen?

Am Bilingue Slam wurde um zu applaudieren gewinkt, statt in die Hände geklatscht.

Sandro, ein dreissigjährige Werbetechniker, besuchte am Freitag, 19. Mai im Rahmen des AUAWIRLEBEN-Festivals den Bilingue Slam, ein Poetry Slam an dem hörende und gehörlose Slammer*innen um die Gunst des Publikums  kämpfen. Sandro ist hörbehindert, kann aber mit Hilfe eines Hörgeräts Lautsprache verstehen und selbst in Lautsprache antworten.

“Der Slam hat mir gut gefallen. Mein Favorit hat am Ende gewonnen. Ich sehe am liebsten Gehörlose auf der Bühne, weil sie Körper und Gesicht stärker einsetzen als Hörende. Ein bisschen vermisst habe ich die Ausstattung. Ich mag es, wenn Theater auch etwas fürs Auge bietet. Beim Deaf Slam in Winterthur wurde noch stärker auf Dekoration und visuelle Effekte gesetzt. Aber das ist nur ein kleiner Abstrich.

Der Abend hat viele hörbehinderte Zuschauer*innen angezogen. Logisch, die Hälfte des Line Up waren gehörlose Slammer*innen und alle Texte wurden in Gebärdensprache übersetzt. Im Publikum sassen viele meiner Freunde, auch einige der Slammer*innen kenne ich persönlich. Die Community trifft sich regelmässig an Veranstaltungen für ein gehörloses Publikum. Darum habe ich leider fast alle Beiträge der hörbehinderten Slammer schon gekannt. Nur der letze Zusatzbeitrag des Finalisten Beat Marchetti war eine Überraschung für mich.

Wenn ein Theaterstück nicht in Gebärdensprache übersetzt wird und keine Untertitel hat, gehe ich nicht hin. Obwohl ich Lautsprache verstehen kann, bin ich im Theater aufgrund der akustischen Verhältnisse auf Gebärdensprache oder Untertitelung angewiesen. Für mich ist es cool, dass es am AUA dieses Angebot gibt. Hörende leben in einer anderen Welt als Gehörlose. Schön, wenn wir uns mal treffen. ”

Veranstaltung: Bilingue Slam im Tojo Theater im Rahmen des AUAWIRLEBEN Theaterfestival.
Line-up: Andreas Juon, Beat Marchetti, Cristian Verelst, Daniela Dill, Gina Walter, Jakob Rhyner, Milva Stark, Remo Zumstein  Moderation: Marguerite Meyer

Bern auf Probe: Tanz der Genderidentitäten

Anna Papst am Dienstag den 17. April 2018

Perückenköpfe, Sterne, Spiegel und rosarote Plastikpferde: Die Kunst heisst Musical!

 

Betritt man diese Tage die Vidmar 1, wähnt man sich in den späten Achtzigern: Ein riesiger, grünglänzender Stern nimmt die Bühnenmitte ein, die Protagonistin trägt eine Lederkluft mit Bikershorts, Corsage und Fransenjacke. Coiffeurstühle und Perückenköpfe säumen den Bühnenrand, die Seitenwände sind mit Spiegeln versehen; der ganze Raum schafft eine Anlage von Verkleidung und Travestie. Wo ausgefallene Frisuren auf rollbare Sitzgelegenheiten treffen, ist das Musical nicht weit: Geprobt wird „Coco“, geschrieben von Alexander Seibt, komponiert von Marcus Schönholzer. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bern auf Probe: Eine Lektion in äthiopischer Geschichte

Anna Papst am Mittwoch den 21. März 2018

Gebrehanna Productions möchten individuelle und kollektive Erfahrungen theatral erforschen. Zum Beispiel den Fall des sozialistischen Regimes in Äthiopien.

Wie bringt man einen jahrhundertelangen Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit auf die Bühne? Zum Beispiel, in dem man davon erzählt. Der äthiopischen Regisseur Aron Yeshitila, der inzwischen in Brugg wohnt, wollte in seiner ersten Inszenierung “Kings of Interest” auf die Interessen europäischer Mächte aufmerksam machen, die den demokratischen Wandel in seinem Heimatland immer wieder erschweren. Als Grundsituation wählt er ein Treffen unter Freunden: Seine Gruppe “Gebrehanna Productions”, zur Zeit bestehend aus vier Performenden, zwei davon Schweizer*innen, zwei davon Äthiopier sitzen bei Aron am Küchentisch. Man diskutiert über die neusten politischen Entwicklungen. Während die Schweizerin begeistert und hoffnungsvoll ist, winken die beiden Äthiopier ab: Zuviele Versprechungen wurden schon gemacht und nicht gehalten, als dass man den neusten Versicherungen Glauben schenken würde. Um zu erklären, woher dieser Pessimismus rührt, beginnt man, die letzten 150 Jahre äthiopischer Geschichte zu rekapitulieren, springt bald vom Stuhl auf und spielt in brecht’scher Manier Treffen zwischen politischen Führern nach.

Die Entscheidung, nicht nach einer Identifikationsmöglichkeit mit den involvierten historischen Grössen zu suchen, sondern ein distanziertes, schemenhaftes Spiel zu wählen, ist eine richtige. Dennoch kommt es nach dem ersten Durchlauf zu Diskussionen: Die beiden weissen Schauspieler*innen deutscher Muttersprache haben deutlich mehr Text als die beiden Äthiopier. Was aus pragmatischen Gründen entschieden wurde – die Deutsch- und Englischkenntnisse der beiden letzteren sind begrenzt, und man wendet sich schliesslich an ein Deutsch sprechendes Publikum – wird zum Statement: Wieder scheinen die Europäer*innen das Sagen und damit die Deutungshoheit über die geschichtlichen Ereignisse zu haben. Diese Aussage wollte man aber eigentlich nicht treffen, vielmehr soll die äthiopische Geschichte, die zu grossen Teilen auch europäische Kriegs- und Kolonialgeschichte ist, einmal aus der Sicht eines Äthiopiers erzählt werden.

Die Diskussion über die Wirkung der Textverteilung erweist sich als nicht ganz einfach: Zum einen ist da das Sprachproblem, zum anderen die unterschiedlichen Sehgewohnheiten und Theaterkonventionen. Während die schweizerische Hälfte sich über Tanzeinlagen wundert, die die äthiopische als passend empfindet, kann das Schweizer Testpublikum ein Bild nicht klar lesen, was den äthiopischen Darstellern schon fast zu deutlich ist: Während der Diktator eine Rede hält, erklingt ein Summen, dass zum bedrohlichen Gebrumm anschwillt. Der Führer sieht sich von einem Bienenschwarm bedroht. Das Insekt ist das Symbol der damaligen Widerstandsbewegung, die heute Regierungsmacht ist.

Es braucht viel Übersetzung, um dieses Stück gemeinsam zu stemmen, aber es lohnt sich: Das Ergebnis lässt sowohl die Performer*innen als auch die Zuschauer*innen einen anderen Blickwinkel auf die eigene Geschichte einnehmen.
“Kings of Interest” von Gebrehanna Productions, 21./23./24. März 20:30 Uhr, Tojo Theater Reitschule Bern

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitet für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzt sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Einmal pro Woche schielt sie über den kantonalen Gartenzaun, um mitzukriegen, was in Bern so geübt wird.

Postkarte aus Fränwilje-Tobenlosch

Anna Papst am Mittwoch den 28. Februar 2018

Der wunderschöne Erdenfleck ist bilingue und wir sind es auch: Wir diesjährigen Autor*innen des Stück Labors haben uns für eine Schreibretraite im Gasthaus “Des Gorges” in Frinvillier-Taubenloch, ja, eingenistet, und erzählen auf Französisch und Deutsch von poststrukturalistischen Soldaten und gefallenen Kosmonauten, von gebrochenen Verbrechern und Löchern in der Wirklichkeit.

Innerhalb der nächsten zehn Monate werden unsere Stücke in Basel, Bern und Genf uraufgeführt werden, aber noch befinden wir uns in der Autorenblase, in der jede Änderung nur eine Backspacetaste entfernt ist. Wenn der Kopf zu voll und der Magen zu leer ist, fallen wir dreimal um und landen bei Juri im Restaurant. Vier Wildschweinwürste später rattert die Gedankenmaschine wieder, es klappert die Tastatur. “Schreiben ist eine einsame Tätigkeit”, lautet gefühlt jede zweite Überschrift eines Interviews mit einem*r Autor*in. Schön, dass wir an diesem einsamen Ort zu viert sind.

Taubenlochschlucht (schönes Wort)

Im Gasthaus “Des Gorges” kann man fantastisch essen und tief schlafen

Im Stück Labor wird Gegenwartsdramatik gebraut