Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Der Bündner auf dem Perron

Gisela Feuz am Freitag den 6. April 2018

Praktisch immer, wenn Frau Feuz mit dem letzten Zug von irgendwoher gen Bern rauscht, trifft sie auf den Mann mit Strickmütze und Gitarre. Auf dem zugigen Perron in Olten, oder neulich auch in Zollikofen, wo die SBB die Fahrgäste von Züri her wegen Geleisarbeiten umsteigen liess. Losgefahren um 1 Uhr, angekommen um 3:30 Uhr in der Früh. Na gut. Sommerzeitumstellung war auch noch dabei. Trotzdem. Aber item, ich schweife ab. Jedenfalls spielt sich Pascal Gamboni mit seiner Gitarre offenbar in sämtlichen mit dem Zug erreichbaren Städten und Käffern den Hintern ab.

Der gebürtige Bünder, der schmucke lo-fi-Gitarrenpopnummern in rätoromanischer Sprache zimmert, hat seit 2009 ingesamt neun Tonträger veröffentlicht, soeben ist «Da mai se» herausgekommen. Aufgewachsen ist Gamboni in Sedrun, bald einmal zog es ihn in die weite Welt hinaus, zuerst nach Österreich dann nach England, wo er mit seiner fünfköpfigen Band im Van quer über die Insel ratterte, um das Vorprogramm der Strangles zu bestreiten. Nach insgesamt 10 Jahren auf englischem Boden – Gamboni hatte sich in Bristol und London niedergelassen – verschlug es ihn ins beschauliche Bern, den Van tauschte er gegen Velo und Halbtags-Abonnement ein. Auch nicht nur schlecht. Ausser wenn die SBB gerade an den Geleisen schraubt, gell Pascal. Cars Salids, wir sehen uns demnächst auf irgendeinem Perron.

Wo sich Pascal Gamboni überall den Hintern abspielt sehen Sie hier. In Bern spielt er am 27.4.18 im Katakömbli.

Nicht Rausch, nicht Euphorie

Mirko Schwab am Dienstag den 27. März 2018

Lichterspiel auf der Guillotine. Die Berner Gruppe Lolasister mischt Flimmriges und Verspultes, wunderbar aus der Zeit Gefallenes und Feinsortiertes in gescheiter Popschreibe. Daran hätte sich der Autor eigentlich noch erinnern müssen.

Schwarzweiss image of the band.

«How to find (or at least where to look for it.)» Ich suchte an der Bar. Die letzten Tage waren angezählt und Alkoholismus mal wieder maximal salonfähig. Das hübsche «Micro Jazzfestival» im Keller einer ehemals feinen Villa drüben beim Inselplatz, es versprach den alten Favre (ein schöner, demütiger Mensch he is, hat sich von allen Gästen persönlich verabschiedet mit der Klasse eines Menschen im Einklang, im Reinen) und eine Band auch hinterher, wegen der ich eigentlich gegangen wäre, kommt mir aber grad nicht mehr in Sinn – eben, der Weisswein und jedenfalls ist diese eine Band dann nicht gekommen wegen etwas und dafür eine andere.

Der letzte Schluck im letzten Bus, ein letzter Gruss, im Slalom durch die Gass. Schliesslich, endlich, fick mich, fickt euch, ich liebe euch alle – eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Schüssel, ein Gebell noch,
adémæssi.

So hab ich mich doch wieder trinkend um bleibende Eindrücke betrogen und weiss jetzt, kurz nach Erscheinen der zweiten Videoaufzeichnung dieser anderen Band, dass mir die Musik, damals im Keller, fünf vor Ladenschluss, dass sie mich an der Hand nahm und in sanftes Glück, nicht Rausch, nicht Euphorie, in ein sanftes kleines Glück aber gebettet hat. Tell you why:

Das Quintett um Leoni Altherr macht seine Arbeit sorgfältig. Die Songs sind von formaler Eleganz, die Klangwelt ist mit Bedacht geflochten. Nichts schreit, nichts bellt, nichts tut sich hervor. Mit mondsüchtiger Sicherheit traumwandeln sich Lolasister durch ihre Songs und ja, das könnte gähnend langweilig sein. Dass dem nicht so ist, dafür sorgen die fünf mit ihrer individuellen Klasse einerseits; Altherrs und Hofstetters Schwesterstimmen, Schulers Geflimmer, das er behänd aus alten Orgeln zäuselt und eine der Rhythmusgruppe Utzinger / Keller von Herzen verdankte Arschcoolness, die auch an überschäumenden Temperamenten nicht zerbricht. Zum andern ist da: kompositorischer Witz, Mut zur Schräglage und ganz viel performative Ruhe als stilles Argument, das wirkmächtiger ist, als mancher glauben will (zumal in Zeiten, da das Wort «Performance» im Pop gern Gehampel und Gefuchtel und Feilbieten des eigenen Fleisches meint.)

Wir freuen uns auf den im allgemeinen Geflüster schon angekündigten ersten Tonträger dieser vielversprechenden, den Saumoden der Zeit mit Gelassenheit und Musikallität begegnenden Band. Und empfehlen den Konzertbesuch uneingeschränkt – eben auch nüchtern. Bühnendaten hier.

MFB-Lieblingsscherben: Januar / Februar / März

Mirko Schwab am Freitag den 16. März 2018

Back on track im neuen Jahr! Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB  die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Und weil wir Januar-Februar im Winterschlaf waren, melden wir uns heute mit einer Sonderausgabe im Quadrat zurück – vier Platten, dreimal Hype und beste Hoffnung!

Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Me & Mobi – «Agglo»

Wenn die «Spex» anklopft, scheint der Nerv der Zeit getroffen – und auch ohne den Wink der Popintelligenz dürften wir hinter diese heute erschienene Glanzleistung im Langspielformat ein dickes Ausrufezeichen setzen! Schlotter, Hoppe und Bürki schlagen aus ihrem bipolaren Holz- und Plastik-Instrumentarium den grösstmöglichen Profit, spielen uns eine Musik, die in die Zukunft weist. Spielwitziger Minimalismus als Jazz, der sich nicht schert – und drumherum eine Agglomeration aus arschcoolen Grooves, wohlplatzierten Digitalismen und der auch im Jahr 2018 nicht zu Ende erzählten Geschichte guter Handarbeit.

Hype:
Lo & Leduc – «Update 4.0»

Die hübschen Jungs mit den polyglotten Wortspielen haben sich im Februar mit ihrem vierten «Update» zurückgemeldet. Hueresiech hei mer gseit, wie isch das nume passiert hei mer gseit … Jahrelang hat sich die Kulturjournaille einen abgeschnödet über die gute Laune und dieses Plastikweltmusik-Gebaren wie eine aufblasbare Palme, an deren Ventil ein gewisser Dodo grinsend heisse Luft nachpumpte – und jetzt liegen wir uns alle in den Armen auf der Tanzfläche de la Cuba Bar, wo «079» die alten Akon-, Ashanti- und Aventura-Heuler mühelos zu Fülseln degradiert. Vielleicht fliegt höher, wer auch mal Federn gelassen hat. Props to those boys flyin’ high!

Hype:
Matto Rules – «Hidden Scenes»

Selten hat ein Schlagzeug so sexy geklungen in der Sandsteinstadt. Und nie kamen die Wave-Pop-Nostalgiker von Matto Rules ungezügelter und zeitgenössischer daher als in ihren letzthin in die Welt gesetzten «Hidden Scenes». Dem distanzierten Bariton von Frontmann Bonati stehen unerhört aufreizende, vom Funk hinterrücks begattete Elektropop-Grooves gegenüber, das gewohnt stringente Songwriting und die noch hübscher perlenden Synthesizerfantasien machen auch vor dem grossen Popmoment nicht kehrt. So introspektiv sich die konzeptuelle Rahmung des Albums um die verborgenen Welten des Unterbewusstseins drehen mag, so sehr drehen sich die neun Lieder letztlich im Takt der Diskokugel.

Hope:
Pato
«Es Stück vom Chueche»

Aus Downtown Solothurn erreicht uns der blutjunge Rapper Pato und fordert ein Stück vom Kuchen ein. Verdientermassen. Der Boy flowt. Um die Südstaaten-Beats unserer Zeit scheint er sich einen emanzipierten Deut zu scheren, lieber klaubt er sich ein paar gute Instrumentals alter Schule zusammen und segelt drüber in der sanften Mundart seiner Heimatstadt.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

‘Dschnure / Shut Your Mouth

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. März 2018

Über ein sehr talentiertes Duo aus Dresden und die Fahrigkeit der Musikvermarktung.

Stimmgewalt ist ein wüstes Wort. Übt gleich selbst Gewalt an den Stimmen, auf die es angesetzt wurde. Gerne verwechseln die floskelfreudigen Sadomasochisten der Promotion – ebenso wie die stinkfaule Musikjournaille – jene diagnostizierte Gewalt mit Feinfühligkeit. Inéz Schaefer ist das wahrscheinlich egal. Sie macht ihre Arbeit, sie macht sie verdammt gut und ob es die Gewalt ist oder die Liebe, die der kleine Mann mit dem Bleistift darin zu erkennen glaubt, ändert im Allgemeinen nichts.

Also:
Shut your mouth. Als mir das Lied letzten Winter im Feed zum Frass vorgeworfen wurde, da fiel ich instantly in Liebe damit; das Schlagzeug direkt ins Gesicht wie ein nasses Tuch, links rechts, und schon ist man mittendrin im wunderschönen Wahnsinn dieser Gruppe. Inéz Schaefer schmettert ihre zuweilen karibisch skandierten Zeilen hinterher und kurz bevor man den Verstand komplett verlöre, Ha!, ist Luft und Frieden: Unter Einsatz eines anmutig glucksenden Vocoder-Geräts seiltanzt sich die Sängerin, eine zurückhaltende Pianofigur als Sicherheitsnetz nur, seiltanzt sie sich in die Höhe und man glaubt Justin Vernon daneben zu erkennen, er nickt ihr zu mit einem Lächeln. Gesichert aber ist folgendes: Moses Schneider, der Bands wie Tocotronic grossartig und Bands wie AnnenMayKantereit mit Sicherheit nicht noch beschissener gemacht hat, dieser findige, zu tontechnischen Abenteuerlichkeiten neigende Intuist, hatte seine geschickten Finger an den Reglern. Schaefer singt, Schneider schält im Hintergrund – das Beste hätten wir beinahe vergessen.

«Minimalistische Beats» behauptet der Pressetext. Und lügt natürlich, jeder Pressetext lügt irgendwo, um der gegenwärtigen Mode einen Gefallen zu tun. (Lügenpresse! Sidenotiz: Die Band hat sich einst in Dresden zusammengetan.) Gelogen also darum, weil die Lieder getragen werden von einer perkussiven Opulenz, vordergründig und aufdringlich im besten Sinn, die mit fiesen Sounds und fiesen Rhythmen so zu operieren weiss, dass ihre Körperlichkeit und Direktheit dabei keinen Schaden nimmt. Dafür verantwortlich zeichnet Demian Kappenstein, Drummer at heart und wild und mindestens die Hälfte.

ÄTNA heisst das ungemein zeitgeistige Duo und brennt mit seiner polytoxischen Mischung aus Electronica und Kammerpop-Songschreibe, aus spätmodernem RxB und in die Klangwelt des Industrial verkanteten Dubmomenten gerade richtig durch. (Besagtes Lied liegt nach Spotify-Beliebtheit mit jämmerlichen 14’000 Hörmomenten auf dem siebten Platz, weit hinter der Pianoballade «Remission» mit 900’000 Plays.)

Ja, das einzige, was an dieser Band wirklich nervt: Die beiden sehen bei all der Begabtheit auch noch verdammt gut aus.

Finden Sie sich heue bei Bee-Flat im Progr ein. ÄTNA spielt auf, die – vielleicht etwas gar gut – bekömmliche Basler Folkpopgruppe Serafyn eröffnet. 19:30.

Central Soul

Roland Fischer am Donnerstag den 22. Februar 2018

Ok, Schweizerdeutsch. Verbindet man jetzt nicht unbedingt mit Blackness. Und dann noch Schaffhauser Dialekt. Und dann kommt da diese tolle ostschweizer Band daher und bringt dem Soul ein bisschen Zurückhaltung bei. Weil man halt einfach nicht herzschmerzend röhren kann in hiesiger Sprache.

 

Nach dem formidablen Konzert von Min King gestern im Rössli muss man sagen: Das funktioniert tatsächlich allerbestens. In der Mottenkiste der Black Music wühlen, die besten Stücke rausholen und ein bisschen Schweizer Commitments spielen (und zwar sehr gekonnt, dabei aber auch sehr laid back). Also gar nicht viel anstellen mit diesen Soul- und Reggae-Erfolgsrezepten, ausser eben der Gesang: statt einem Drama-Organ vom Stil eines Otis Reading die sehr viel leisere Dringlichkeit von Philipp Albrecht. Um Liebi geht’s da zwar auch Immer wieder, um zwischenmenschliche Dramen aller Couleur, das Ganze aber ein wenig croonender, melancholischer, augenzwinkernder auch als bei den grossen Vorbildern. Soul für hier und heute. Und ein Konzert so stimmig aufhören, wenn es die Sicherung raushaut ausgerechnet bei der letzten Zugabe: sowieso ein kleiner Triumph.

Chunnt guet

Milena Krstic am Samstag den 10. Februar 2018

Monumental Men ist eine Berner Band, zusammengesetzt aus Männern, die sich alle schon ihre musikalische Sporen abverdient haben: Christoph Haller alias DJ Biru Bee als eine Hälfte der Round Table Knights und Mitgründer des Bonsoir Clubs, DJ Mel Mercury, der seit einer gefühlten Ewigkeit die Clubszene mitprägt und Roman Bühlmann alias Patrick Bischop, der damals im Jahr 2013 mit seinem Debüt «Minor Lakes» aufgefallen ist.

Nun treten die drei gemeinsam aufs Parkett, um als Monumental Men eine Mischung aus Clubsound und solidem Liedermacherhandwerk zu vereinen.

Ich bin nicht hier, um eine Wertung abzugeben, sondern nur, um zu sagen: So schön, dieses «Enemy». Chunnt guet.

Clip ab und alles gute zum EP Release, liebe Monumental Men.

EP Taufe ist am Freitag, 9. März 2018, im Dachstock.

Hinter Clubtüren schauen

Gisela Feuz am Dienstag den 23. Januar 2018

Wollten Sie schon immer wissen, wo sich ihre Kinder und Grosskinder am Wochenende rumtreiben, wie die Notschlafstelle im Dead End aussieht, was ein DJ eigentlich genau macht und warum ein Rockkonzert so laut sein muss? Dann bietet sich am Samstag 3. Februar 2018 beste Gelegenheit dazu, diese Fragen beantwortet zu bekommen, dann ist nämlich Tag der offenen Clubtür.

Nebst vielen anderen Veranstaltungen, welche Buck – Pro Nachtleben Bern an diesem Tag durchführt, gehts auch dieses Jahr wieder mit Frau Feuz auf Club-Safari. Gestartet wird um 15 Uhr im Bonsoir, dann wird Halt gemacht im ISC, Bierhübeli, Dead End und dem Dachstock, abgeschlossen wird die Safari mit einem Rundgang durch die Reitschule. Vor Ort werden Mitarbeiter*innen des jeweiligen Kulturbetriebes kurz ihren Club vorstellen und für Fragen zur Verfügung stehen. Frau Feuz bringt Sie sicher von Ort zu Ort und steuert unterwegs zusätzliche Informationen zur Berner Clublandschaft bei.

Die Safari dauert je nach Fragen 2 bis 3 Stunden, ist gratis und richtet sich explizit auch an ältere Semester und Menschen, die nicht mit der Clubkultur vertraut sind. Nehmen Sie doch diese Gelegenheit wahr, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Fragen zu stellen, werte Damen und Herren. Ich freue mich auf Sie!

heute-bern-bar

Am Samstag 3.2.18 stehen Berns Club-Türen sperrangelweit offen

Treffpunkt: Samstag 3. Februar 2018 um 15 Uhr vor dem Bonsoir, Aarbergergasse 33/35. Die Club-Safari findet im Rahmen des Tages der offenen Clubtür statt. Anmeldung erwünscht auf info(ät)buck-bern.ch

Wie schreibt man das? G-e-s-c-h-i-c-h-t-e.

Roland Fischer am Donnerstag den 21. Dezember 2017

Geschichtsschreibung gestern, rauchend vor der Zoo-Bar: Es wurde nicht weniger als die Rettung der Welt (aus kulturjournalistischer Perspektive) beschlossen. Bald mehr auf diesem Kanal. Vorher drinnen gab’s bereits eine nonchalante Lektion in Legendenbildung: Geheimgig von Puts Marie, die ihre neuen Songs vorstellten. Und die Mannen verbringen offenbar viel Zeit im Proberaum – das funktionierte live schon wie geschmiert, dieses neue Material. Viel Groove, viel Drama, viel Krach: man konnte sich ohne weiteres darauf einigen, dass die Bieler eine der derzeit besten Livebands der Schweiz sind. Und dann besprach man wieder Konspiratives.

MFB-Lieblingsscherben: November

Mirko Schwab am Mittwoch den 6. Dezember 2017

Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB jeden Monat die liebsten Neuerscheinungen straight outta Berne. Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt oder im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Yangboy$ – «FKA Radio»

Von Feuilleton keine Spur, zum Glück, heute gilt das Gehype auch dem Untergrund. Sie erinnern sich: Die Weirdos aus dem Westen, Cloud Kleefeld – wir hatten sie bereits im August zu den Hoffnungsträgern ernannt. Und sie haben geliefert: Zehn neue Tracks zwischen schwereloser Highness und fiesen Psychotrancebeats, stilsicher und zeitgeistig dekoriert mit zischenden Tremor-Hats und viel digitaler Wittiness. Auch Pillenbub Jonny Bunko hat vorbeigeschaut in den Darksome-Studios und rauscht gewohnt hemmungslos durch vier Features auf dieser nicht selten grandios komödiantischen Radioshow. Non-Sense, Punchlines und Ringtones aus dem frühpolyphonen Zeitalter. Ein Fest der Selbstironie – denn Philosopher-Boy Vo weiss: «Gisch du dir Müeh / Bisch du nume e Bitch.»

Hope:
Willibald – «While We Feel Romantic On Rooftops»

Und weil wir heute Tag des Nachdrucks feiern, spielen wir auch hier bereits gelobhymte Musik. Aus dem Eintrag: «Nieder mit dem Elektrophallus»

«Auf «While We Feel Romantic On Rooftops» gibts nichts, was in der Geschichtsschreibung der Popmusik nicht schon angeklungen wäre, auf einer Jaguar, Jazzmaster, Telecaster irgendwo – und desto erfreulicher ist es, schürft die Band so schnörkellos die alten Wunden und macht der totgeglaubten Gitarrenmukke ein feines Fest in fünf beseelten Liedern. Atemberaubend halsbrecherisch trommelt sich da Christine Wydler bisweilen in Ekstase, drückt Charli Grögli am Viersaiter aufs Fuzz-Pedal. Und eine helle Freude auch der schamanische, von Tonmeister Stefan Allemann blendend inszenierte Gesang der Debo Spiller.»

Still true. Kleiner kritischer Nachtrag: Akutelle Songs sucht man in den Weiten des Internetz allerdings vergebens, so sei auf untenstehende Vorabversion verwiesen. Oder erstehen Sie die hübsch einkartonierte Kompaktdisk direkt an der Quelle.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Berne».

Der letzte erste Schnee

Mirko Schwab am Freitag den 1. Dezember 2017

Wir befinden uns im Jahre 2017 n.Chr. Ganz Ostbern ist vom Bürgertum besetzt … Ganz Ostbern? Nein! Ein von unbeugsamen Ostbernern geführter Kulturschuppen hört nicht auf, der Verödung Widerstand zu leisten.

Béatrice Graf und Martina Berther bei der Arbeit. (Photo: Jessica Jurassica)

Der Geruch vom ersten Schnee ist eine seltene Freude. Streife die dickste Jacke über, die ich finden kann. Hätte noch eine dickere im Schrank, aber die sieht scheisse aus. Im Winter bekommt man die eigene Eitelkeit am schmerzvollsten ab. Anker schmerzt auch, klebt in der Hand, doch Deal, der Saft träufelt mir wohlig wohlig inwendig den Hals entlang aufs Herz. An der Brunnadernstrasse spuckt das Tram mich aus aufs seifige Trottoir. Hier könnte die Sandsteinstadt auch Grossstadt sein. Vis-à-vis des vom Netz genommenen Tramdepots aus Zeiten, wo selbst Zweckbauten noch Seele inne war – (Notiz an Miraculix Fischer: Bitte lassen Sie diese meine etwas ordinäre Nostalgie mal kulturgeschichtlich abtropfen bei Gelegenheit. Würd mich freuen. Gruss.) – vis-à-vis dieser jedenfalls schön von der Zeit gestreiften alten Anlage halten drei Tramlinien und zwei Omnibusnummern, dass man schon meinen könnte, man sei am Brennpunkt, Adresse Platz2b, an der Rosette der Urbanität. Halten dazu noch in städtebaulicher Schnodrigkeit mitts auf der Strasse. Ein Hauch Ostberlin vermischt sich mit dem Geruch vom ersten Schnee und der Geruchlosigkeit Ostberns, als ich die letzten Treppenstufen bewältige, hinab in meinen Lieblingskeller.

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