Archiv für die Kategorie ‘Rock & Pop’

Loveletter to a festival: No Borders, No Nations!

Mirko Schwab am Donnerstag den 26. Juli 2018

Liebes, aber schön bist Du nicht. Nein – und du willst schön nicht sein. Eine grosse Bühne auf laut gebaut, eine lange Bar der Kante wegen, Asphalt. Und ein Anliegen.

Bevor nämlich wieder grilliert wird, bis das Zeug hält, bis dass die Nachbarschaftskonflikte der Vorstadt bei dreivier 1291 und einem Zuckerstock besänftigt werden dürfen, bis dahin machst Du erstmal Gegenprogramm. Nie war das nötiger in den letzten Jahren und vielleicht Jahrzehnten (– aber früher war eh alles besser und wahrscheinlich nicht.)

Aber schön, nein, schön bist nicht. Laut und dirty sollst Du sein, ein Gegenentwurf auch zur silent Diskothek der allgemeinen Palettenromantik, in deren Hohlräumen sich die politische Genügsamkeit gerne einnistet. Oder der Neuliberalismus at the bitter end. Also bleibst Du mir wüst und spartanisch und baust für die zwei Tage ein wildes, lautes, chaotisches Sodom auf die Schütz. Welcome to hell!

Und was geht? Die Grenzenlosigkeit bleibt vornehmlich ein politisches Anliegen. Musikalisch bedient dein Programm die tradierten Sehnsüchte eines vermischten linksalternativen Publikums ohne Spex-Abonnement. Pogo geht vor Meta – Ja, Du magst es geradeaus, auch das hebt dich schliesslich ab in diesen Zeiten. Bald mit klopfendem Herz (Idles), mal mit zugedrücktem Ästhetik-Auge (ZSK) werde ich mich in deinen Tanzkreis versenken. Und am Schluss singt stolz der Arbeiter*innenchor.

«No Borders, No Nations»: Musikalisches Programm Freitag und Samstag ab Vorabend. Seit Montag bereits und laufend Führungen, Workshops und Vorträge.

Bild mit Ton: Infinite Jest

Clemens Kuratle am Donnerstag den 19. Juli 2018

KSB stellt dank «Bild mit Ton» wöchentlich ein audiovisuelles Ausrufezeichen aus dem Berner Untergrund ins Zentrum seiner Berichterstattung. (Bei rückläufigem Merkur sind Abweichungen vorbehalten, ebenso bei schlechter Laune oder gutem Wetter.)
Diese Woche mit: Lolasister «Infinite Jest»

Pessimist-Pop oder Songs für Tagträumer machen Lolasister laut eigenen Angaben. Die Band um die Sängerin Leonie Altherr hat ihre Debüt-EP im Juni dieses Jahres veröffentlicht.

Der hier vorgestellte Titeltrack (Video: Yannick Mosimann) ist den Verkrüppelten, Langsamen gewidmet und sorgt ziemlich zügig für Eiseskälte. Im Verlaufe des Stücks aber schaukelt sich die Musik, in Einklang mit dem Bild, zu einem (t)rotzigen, beinahe feurigen Bekenntnis hoch.

Ein starkes Stück. Für alle Sonderlinge, Verletzten oder Verletzlichen und ganz ohne selbstverleugnenden Zweckoptimismus.

Lolasister ist am 3. August am BeJazzSommer zu hören.

 

Loveletter to a festival: Gugus Gurte

Mirko Schwab am Dienstag den 10. Juli 2018

Liebes, zum sechsten Mal schon, wie ich höre. Die Jahre verfliegen. Im Wind, der Substanz abträgt vom Berg mit jedem Jahr – eine stromlinienförmige Düne versinkt im Plastikmüll. But you no care.

Ein Glas Weisswein auf dich. Du Glitzer-Punk und Sozi-Hedon. Machst Gemeinsinn gemeinhin sinnvoll und all inclusive: Menschen mit Behinderungen, mit Herausforderungen, mit Geltungsdrang oder unbekanntem Talent gehen auf in dir und machen Sachen: Gugus, Dada, Theater, Lärm.

Drüben bei Zuckerberg verkaufen gerade alle ihre Viertagespässe oder versuchen es, die Preise sinken – ist es wegen dir?

Wegen des Musikprogramms allein kämen sie wohl nicht. Da gibt es andere Adressen und das weisst du auch. Du bleibst dir treu und machst Kollekte, aus Kraut und Rüben ein feines Süpplein. Es schmeckt besonders gut in diesem Jahr: Frau Trouble etwa, die sich unberechenbar gemacht hat in selstsamen Liebeleien mit dem Kitsch, Herr Porsche mit seiner Bieler Seelenmusik, Geschlechtsteile, die im Voodoo-Rhythmus wackeln und der Baze, der Klassenbeste, auf produktiven Abwegen – sie sind um die nötige Schärfe besorgt in der allgemeinen Sämigkeit. Eine Sämigkeit, die dir gut ansteht, das weiss ich schon.

Und eben, all inclusive: Zessen, Ztrinken, Diskothek. Und eine Metzgete der Hemmungen hast du dir ausgedacht, du alter Hippie-Schwerenöter. Einen Zungenkuss auf dich, ein zwanglos ausgezogenes Hemd vielleicht?

Ein Hoch auf die Talstation!

Gugus Gurte – Sexy Freunde. Von Mittwoch bis Samstag in und um die Heitere Fahne in Wabern.

Variaton und die Apokalypsenbuben

Gisela Feuz am Samstag den 30. Juni 2018

«Itz mau Apokalypse» fordern die Kummerbuben auf ihrem neuen Album, wobei bei der gestrigen Taufe in der Dampfzentrale die Temperaturen befürchten liessen, dass der Weltuntergang tatsächlich unmittelbar bevorstehe. Als einem auf den Zuschauerrängen der Schweiss über den Rücken in die Unterhose lief, wähnte man sich zwischenzeitlich wahrhaftig auf dem Patrouillenboot des Captain Benjamin Willard im kambodschanischen Dschungel. Im Gegensatz zu Willards Unterfangen in Francis Ford Coppolas oscargekröntem Monumentalstreifen «Apocalypse Now» steuerten die Kummerbuben ihren Kahn gestern aber ohne Verluste ans Ziel. Dies auch dank einem formidablen Kapitän.

Die Rolle des Kapitäns hatte Dirigent Droujelub Yanakiew inne, denn die Herren Kummerbuben standen ja nicht alleine auf der Bühne, sondern zusammen mit dem rund 80-köpfigen Projektorchesters Variaton, mit dem sie «Itz mau Apokalypse» eingespielt haben (das Mutterschiff hat hier ausführlich berichtet). Die sechs neuen Kummerbuben-Songs wurden gestern Abend mit Sinfonien von Gustav Mahler gepaart, also demjenigen österreichischen Komponisten, der am Übergang von der Spätromantik zur Moderne steht. Es zeigte sich, dass Mahlers musikalische Aufarbeitungen von Themen wie Lebenssinn, Tod, Erlösung und Liebe bestens zum abgründigen und morbiden Pathos der Apokalysobuben passt.

«I really care, do you?» fragt Apokalypsenbube Jäggi auf seinem Shirt

Währen die vier Instrumentalisten der Kummerbuben-Mannschaft das Geschehen aus dem Hintergrund bestritten, wurde Kummerbube Jäggi an die Front geschickt, wo er zwischenzeitlich in Begleitung von Mezzosopranistin Stephanie Szanto die Alltagstragödien des kleinen Mannes besang. Dazwischen sassen und standen die Männer und Frauen des Variaton Orchesters mit ihren Geigen, Cellos, Kontrabässen, Fagotten, Querflöten, Posaunen und vielem Anderem und lieferten den perfekten Soundtrack für den musikalischen Weltuntergang. Mal taten sie dies nur mit zarten Xylophon- und bitttersüssen Geigenklängen, dann wieder mit der bombastischen Wucht, welche ein 80-köpfiges sinfonisches Orchester eben zu erzeugen vermag. Das sorgte für schaurig-wohlige Hühnerhautmomente, etwa als die tiefen Streicherklänge dem Song «Anneli, wo bisch geschter gsi» eine unterschwellige Bedrohlichkeit verliehen.

Ein weiterer Höhepunkt: Edgar Varèses «Tuning up» inklusive Sirenengeheul und einem Droujelub Yanakiew der dirigiert, als gälte es die vier apokalyptischen Reiter alleine mit dem Taktstock aufzuhalten. «Ein einzigartiger, vielleicht auch etwas eigenartiger Abend» sei dies heute, bemerkte Kummerbube Jäggi an einer Stelle. Man kann nicht anderes, als ihm beipflichten. Einzigartig, eigenartig und ganz fantastisch.

Das Projektorchesters Variaton und die Kummerbuben sind noch heute Samstag und morgen Sonntag in der Dampfzentrale zu hören.

Bild mit Ton: Mannli wei nid falle

Mirko Schwab am Donnerstag den 28. Juni 2018

KSB stellt dank «Bild mit Ton» wöchentlich ein audiovisuelles Ausrufezeichen aus dem Berner Untergrund ins Zentrum seiner Berichterstattung. (Bei rückläufigem Merkur sind Abweichungen vorbehalten, ebenso bei schlechter Laune oder gutem Wetter.)
Diese Woche mit: Trampeltier of Love «Joggeli
»

Die alte Ballade vom Joggeli und dem Anschiss, sich anzuschicken. Bis dass der Tod dann droht als Metzger oder Teufel und die Gehorsamkeit schliesslich einkehrt. Die volkstümliche Zählgeschichte «Der Bauer schickt den Jockel aus» reicht bis ins ausgehende Mittelalter zurück und wird noch heute in zahlreichen Varianten tradiert, Lisa Wengers Dialekt-Fassung aus dem Jahr 1908 mit den einprägsamen Illustrationen kennt jedes Kind genauso wie den Struwelpeter, den wüsten Grüs.

Die Herren Hari, Kämpf, Dodell und Unternährer, das Trampeltier der Liebe, verkehrt die schaurig lebendige Kindheitserinnerung nun in ein harmonisch hübsch gestaffeltes Stück Gitarrenmusik. Im begleitenden Video (Regie: Manuel Schüpfer) wird ausgiebig gegähnt in müder Dekadenz, bis dass –

Savoir vivre c’est savoir mourir? Ob es der Metzger ist, der Teufel, der Père oder der Chef – oder ist es gar die Zeit, der Geist, der den Buben Beine macht?

Der Bündner auf dem Perron

Gisela Feuz am Freitag den 6. April 2018

Praktisch immer, wenn Frau Feuz mit dem letzten Zug von irgendwoher gen Bern rauscht, trifft sie auf den Mann mit Strickmütze und Gitarre. Auf dem zugigen Perron in Olten, oder neulich auch in Zollikofen, wo die SBB die Fahrgäste von Züri her wegen Geleisarbeiten umsteigen liess. Losgefahren um 1 Uhr, angekommen um 3:30 Uhr in der Früh. Na gut. Sommerzeitumstellung war auch noch dabei. Trotzdem. Aber item, ich schweife ab. Jedenfalls spielt sich Pascal Gamboni mit seiner Gitarre offenbar in sämtlichen mit dem Zug erreichbaren Städten und Käffern den Hintern ab.

Der gebürtige Bünder, der schmucke lo-fi-Gitarrenpopnummern in rätoromanischer Sprache zimmert, hat seit 2009 ingesamt neun Tonträger veröffentlicht, soeben ist «Da mai se» herausgekommen. Aufgewachsen ist Gamboni in Sedrun, bald einmal zog es ihn in die weite Welt hinaus, zuerst nach Österreich dann nach England, wo er mit seiner fünfköpfigen Band im Van quer über die Insel ratterte, um das Vorprogramm der Strangles zu bestreiten. Nach insgesamt 10 Jahren auf englischem Boden – Gamboni hatte sich in Bristol und London niedergelassen – verschlug es ihn ins beschauliche Bern, den Van tauschte er gegen Velo und Halbtags-Abonnement ein. Auch nicht nur schlecht. Ausser wenn die SBB gerade an den Geleisen schraubt, gell Pascal. Cars Salids, wir sehen uns demnächst auf irgendeinem Perron.

Wo sich Pascal Gamboni überall den Hintern abspielt sehen Sie hier. In Bern spielt er am 27.4.18 im Katakömbli.

Nicht Rausch, nicht Euphorie

Mirko Schwab am Dienstag den 27. März 2018

Lichterspiel auf der Guillotine. Die Berner Gruppe Lolasister mischt Flimmriges und Verspultes, wunderbar aus der Zeit Gefallenes und Feinsortiertes in gescheiter Popschreibe. Daran hätte sich der Autor eigentlich noch erinnern müssen.

Schwarzweiss image of the band.

«How to find (or at least where to look for it.)» Ich suchte an der Bar. Die letzten Tage waren angezählt und Alkoholismus mal wieder maximal salonfähig. Das hübsche «Micro Jazzfestival» im Keller einer ehemals feinen Villa drüben beim Inselplatz, es versprach den alten Favre (ein schöner, demütiger Mensch he is, hat sich von allen Gästen persönlich verabschiedet mit der Klasse eines Menschen im Einklang, im Reinen) und eine Band auch hinterher, wegen der ich eigentlich gegangen wäre, kommt mir aber grad nicht mehr in Sinn – eben, der Weisswein und jedenfalls ist diese eine Band dann nicht gekommen wegen etwas und dafür eine andere.

Der letzte Schluck im letzten Bus, ein letzter Gruss, im Slalom durch die Gass. Schliesslich, endlich, fick mich, fickt euch, ich liebe euch alle – eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Schüssel, ein Gebell noch,
adémæssi.

So hab ich mich doch wieder trinkend um bleibende Eindrücke betrogen und weiss jetzt, kurz nach Erscheinen der zweiten Videoaufzeichnung dieser anderen Band, dass mir die Musik, damals im Keller, fünf vor Ladenschluss, dass sie mich an der Hand nahm und in sanftes Glück, nicht Rausch, nicht Euphorie, in ein sanftes kleines Glück aber gebettet hat. Tell you why:

Das Quintett um Leoni Altherr macht seine Arbeit sorgfältig. Die Songs sind von formaler Eleganz, die Klangwelt ist mit Bedacht geflochten. Nichts schreit, nichts bellt, nichts tut sich hervor. Mit mondsüchtiger Sicherheit traumwandeln sich Lolasister durch ihre Songs und ja, das könnte gähnend langweilig sein. Dass dem nicht so ist, dafür sorgen die fünf mit ihrer individuellen Klasse einerseits; Altherrs und Hofstetters Schwesterstimmen, Schulers Geflimmer, das er behänd aus alten Orgeln zäuselt und eine der Rhythmusgruppe Utzinger / Keller von Herzen verdankte Arschcoolness, die auch an überschäumenden Temperamenten nicht zerbricht. Zum andern ist da: kompositorischer Witz, Mut zur Schräglage und ganz viel performative Ruhe als stilles Argument, das wirkmächtiger ist, als mancher glauben will (zumal in Zeiten, da das Wort «Performance» im Pop gern Gehampel und Gefuchtel und Feilbieten des eigenen Fleisches meint.)

Wir freuen uns auf den im allgemeinen Geflüster schon angekündigten ersten Tonträger dieser vielversprechenden, den Saumoden der Zeit mit Gelassenheit und Musikallität begegnenden Band. Und empfehlen den Konzertbesuch uneingeschränkt – eben auch nüchtern. Bühnendaten hier.

MFB-Lieblingsscherben: Januar / Februar / März

Mirko Schwab am Freitag den 16. März 2018

Back on track im neuen Jahr! Schwab porträtiert im Auftrag der Musikförderung MFB  die liebsten Neuerscheinungen straight outta Bern. Und weil wir Januar-Februar im Winterschlaf waren, melden wir uns heute mit einer Sonderausgabe im Quadrat zurück – vier Platten, dreimal Hype und beste Hoffnung!

Die Kategorie «Hype» ehrt das Langjährige, Brillante, Ausgefeilte und Vielgehörte, das den Berner Pop über die Kantonsgrenzen hinausträgt und im Feuilleton Wellen schlägt. Die Kategorie «Hope» gräbt in den Tiefen des Untergrunds und verstärkt, worüber noch geflüstert wird – Erstlinge, Fundstücke, Demos.

Hype:
Me & Mobi – «Agglo»

Wenn die «Spex» anklopft, scheint der Nerv der Zeit getroffen – und auch ohne den Wink der Popintelligenz dürften wir hinter diese heute erschienene Glanzleistung im Langspielformat ein dickes Ausrufezeichen setzen! Schlotter, Hoppe und Bürki schlagen aus ihrem bipolaren Holz- und Plastik-Instrumentarium den grösstmöglichen Profit, spielen uns eine Musik, die in die Zukunft weist. Spielwitziger Minimalismus als Jazz, der sich nicht schert – und drumherum eine Agglomeration aus arschcoolen Grooves, wohlplatzierten Digitalismen und der auch im Jahr 2018 nicht zu Ende erzählten Geschichte guter Handarbeit.

Hype:
Lo & Leduc – «Update 4.0»

Die hübschen Jungs mit den polyglotten Wortspielen haben sich im Februar mit ihrem vierten «Update» zurückgemeldet. Hueresiech hei mer gseit, wie isch das nume passiert hei mer gseit … Jahrelang hat sich die Kulturjournaille einen abgeschnödet über die gute Laune und dieses Plastikweltmusik-Gebaren wie eine aufblasbare Palme, an deren Ventil ein gewisser Dodo grinsend heisse Luft nachpumpte – und jetzt liegen wir uns alle in den Armen auf der Tanzfläche de la Cuba Bar, wo «079» die alten Akon-, Ashanti- und Aventura-Heuler mühelos zu Fülseln degradiert. Vielleicht fliegt höher, wer auch mal Federn gelassen hat. Props to those boys flyin’ high!

Hype:
Matto Rules – «Hidden Scenes»

Selten hat ein Schlagzeug so sexy geklungen in der Sandsteinstadt. Und nie kamen die Wave-Pop-Nostalgiker von Matto Rules ungezügelter und zeitgenössischer daher als in ihren letzthin in die Welt gesetzten «Hidden Scenes». Dem distanzierten Bariton von Frontmann Bonati stehen unerhört aufreizende, vom Funk hinterrücks begattete Elektropop-Grooves gegenüber, das gewohnt stringente Songwriting und die noch hübscher perlenden Synthesizerfantasien machen auch vor dem grossen Popmoment nicht kehrt. So introspektiv sich die konzeptuelle Rahmung des Albums um die verborgenen Welten des Unterbewusstseins drehen mag, so sehr drehen sich die neun Lieder letztlich im Takt der Diskokugel.

Hope:
Pato
«Es Stück vom Chueche»

Aus Downtown Solothurn erreicht uns der blutjunge Rapper Pato und fordert ein Stück vom Kuchen ein. Verdientermassen. Der Boy flowt. Um die Südstaaten-Beats unserer Zeit scheint er sich einen emanzipierten Deut zu scheren, lieber klaubt er sich ein paar gute Instrumentals alter Schule zusammen und segelt drüber in der sanften Mundart seiner Heimatstadt.

Die MFB hat sich das Fördern junger Berner Popkultur auf die Fahne geschrieben. Die interessantesten Neuentdeckungen finden Sie in der Spotify-Playlist «Sounds Like Bern».

‘Dschnure / Shut Your Mouth

Mirko Schwab am Mittwoch den 7. März 2018

Über ein sehr talentiertes Duo aus Dresden und die Fahrigkeit der Musikvermarktung.

Stimmgewalt ist ein wüstes Wort. Übt gleich selbst Gewalt an den Stimmen, auf die es angesetzt wurde. Gerne verwechseln die floskelfreudigen Sadomasochisten der Promotion – ebenso wie die stinkfaule Musikjournaille – jene diagnostizierte Gewalt mit Feinfühligkeit. Inéz Schaefer ist das wahrscheinlich egal. Sie macht ihre Arbeit, sie macht sie verdammt gut und ob es die Gewalt ist oder die Liebe, die der kleine Mann mit dem Bleistift darin zu erkennen glaubt, ändert im Allgemeinen nichts.

Also:
Shut your mouth. Als mir das Lied letzten Winter im Feed zum Frass vorgeworfen wurde, da fiel ich instantly in Liebe damit; das Schlagzeug direkt ins Gesicht wie ein nasses Tuch, links rechts, und schon ist man mittendrin im wunderschönen Wahnsinn dieser Gruppe. Inéz Schaefer schmettert ihre zuweilen karibisch skandierten Zeilen hinterher und kurz bevor man den Verstand komplett verlöre, Ha!, ist Luft und Frieden: Unter Einsatz eines anmutig glucksenden Vocoder-Geräts seiltanzt sich die Sängerin, eine zurückhaltende Pianofigur als Sicherheitsnetz nur, seiltanzt sie sich in die Höhe und man glaubt Justin Vernon daneben zu erkennen, er nickt ihr zu mit einem Lächeln. Gesichert aber ist folgendes: Moses Schneider, der Bands wie Tocotronic grossartig und Bands wie AnnenMayKantereit mit Sicherheit nicht noch beschissener gemacht hat, dieser findige, zu tontechnischen Abenteuerlichkeiten neigende Intuist, hatte seine geschickten Finger an den Reglern. Schaefer singt, Schneider schält im Hintergrund – das Beste hätten wir beinahe vergessen.

«Minimalistische Beats» behauptet der Pressetext. Und lügt natürlich, jeder Pressetext lügt irgendwo, um der gegenwärtigen Mode einen Gefallen zu tun. (Lügenpresse! Sidenotiz: Die Band hat sich einst in Dresden zusammengetan.) Gelogen also darum, weil die Lieder getragen werden von einer perkussiven Opulenz, vordergründig und aufdringlich im besten Sinn, die mit fiesen Sounds und fiesen Rhythmen so zu operieren weiss, dass ihre Körperlichkeit und Direktheit dabei keinen Schaden nimmt. Dafür verantwortlich zeichnet Demian Kappenstein, Drummer at heart und wild und mindestens die Hälfte.

ÄTNA heisst das ungemein zeitgeistige Duo und brennt mit seiner polytoxischen Mischung aus Electronica und Kammerpop-Songschreibe, aus spätmodernem RxB und in die Klangwelt des Industrial verkanteten Dubmomenten gerade richtig durch. (Besagtes Lied liegt nach Spotify-Beliebtheit mit jämmerlichen 14’000 Hörmomenten auf dem siebten Platz, weit hinter der Pianoballade «Remission» mit 900’000 Plays.)

Ja, das einzige, was an dieser Band wirklich nervt: Die beiden sehen bei all der Begabtheit auch noch verdammt gut aus.

Finden Sie sich heue bei Bee-Flat im Progr ein. ÄTNA spielt auf, die – vielleicht etwas gar gut – bekömmliche Basler Folkpopgruppe Serafyn eröffnet. 19:30.

Central Soul

Roland Fischer am Donnerstag den 22. Februar 2018

Ok, Schweizerdeutsch. Verbindet man jetzt nicht unbedingt mit Blackness. Und dann noch Schaffhauser Dialekt. Und dann kommt da diese tolle ostschweizer Band daher und bringt dem Soul ein bisschen Zurückhaltung bei. Weil man halt einfach nicht herzschmerzend röhren kann in hiesiger Sprache.

 

Nach dem formidablen Konzert von Min King gestern im Rössli muss man sagen: Das funktioniert tatsächlich allerbestens. In der Mottenkiste der Black Music wühlen, die besten Stücke rausholen und ein bisschen Schweizer Commitments spielen (und zwar sehr gekonnt, dabei aber auch sehr laid back). Also gar nicht viel anstellen mit diesen Soul- und Reggae-Erfolgsrezepten, ausser eben der Gesang: statt einem Drama-Organ vom Stil eines Otis Reading die sehr viel leisere Dringlichkeit von Philipp Albrecht. Um Liebi geht’s da zwar auch Immer wieder, um zwischenmenschliche Dramen aller Couleur, das Ganze aber ein wenig croonender, melancholischer, augenzwinkernder auch als bei den grossen Vorbildern. Soul für hier und heute. Und ein Konzert so stimmig aufhören, wenn es die Sicherung raushaut ausgerechnet bei der letzten Zugabe: sowieso ein kleiner Triumph.